The Last Of Us im Test

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2013 war ein spektakuläres Gaming-Jahr. Die PlayStation 3 und Xbox 360 drehten eine letzte Ehrenrunde, mit dessen Ende die Next-Gen eingeläutet wurde. Wie am Fließband erschien ein Top-Titel nach dem anderen – GTA V, Bioshock Infinite, Super Mario 3D World, etc. Wenn es aber ein Spiel verdient hat, dass man noch bis in 2014 darüber redet, dann ist es The Last Of Us. Auch im Hinblick auf den Release des DLCs, am 14. Februar, wollen wir diesem Ausnahmetitel noch einmal die Ehre erweisen. Verflucht – selbst beim Ausschreiben des Titels, bekomme ich Gänsehaut.

The End of the World as we know it

Im Jahre 2013 gefährdet der sogenannte „Cordyceps-Pilz“ die menschliche Existenz. Infizierte verwandeln sich nach wenigen Tagen in willenlose Hüllen mit hohem Aggressionsfaktor. Panik bricht aus; die Welt versinkt im Chaos. Viele verlieren ihr Leben oder müssen schreckliche Schicksalsschläge hinnehmen, genau wie der Protagonisten Joel, der in einem der erschütterndsten Prologe der Videospielgeschichte seine Tochter verliert. 20 Jahre später hat sich die Welt so gut es geht mit dem neuen „Leben“ arrangiert. Quarantäne-Zonen wurden errichtet; Gewalt und Angst ist der Alltag: Das Überleben ist das neue Leben. Verbittert und desillusioniert arbeitet Joel als Schmuggler im postapokalyptischen Boston. Nach einer Verkettung von Zufällen werden seine Komplizin, Tess, und er gebeten, ein Mädchen zu eskortieren. Das Mädchen heißt Elli, und wie sich herausstellt, ist sie gegen den Pilz immun – ein Mittel scheint in Sicht. Sollte es etwa doch Hoffnung geben?

Die Protagonisten: Joel und Ellie
Die Protagonisten: Joel und Ellie

Das Grundgerüst ähnelt also Spielen wie „The Walking Dead“ und „Daylight“(nur  ohne „klassische“ Zombies), und ganz besonders fühlt man sich an Filme wie „I Am Legend“ oder „World War Z“  erinnert. Neu klingt das Ganze nicht, aber letztendlich kommt es darauf an, wie eine Geschichte erzählt wird – und das macht The Last Of Us fabelhaft. Man erlebt schonungslos wie Regeln, Moral und Konventionen ihr Ende finden. The Last Of Us zeigt, was der Mensch wirklich ist: Ein berechnendes Wesen; ein instinktgesteuertes Geschöpf; ein zweidimensionales Raubtier. „Der Mensch ist nur solange gut, solange es ihm gut geht.“ ist die Botschaft, die einem mit jeder Kanonenkugel um die Ohren gepfeffert wird.

Aber da ist noch viel mehr: Neben der Kulisse, die von Details strotzend auf subtile Weise eine ganz eigene Geschichte erzählt, stechen besonders die beiden Protagonisten Joel und Ellie und deren Beziehung heraus. Auf der einen Seite haben wir den nüchternen, mürrischen alten Mann, der sich längst mit seiner Situation abgefunden hat. Auf der anderen Seite, das gutgläubige Mädchen, das mit allen Wassern gewaschen ist und keine andere Welt, als die jetzige kennt. Es ist furchtbar interessant, wie diese beiden Generationen mit einander auskommen und wie sie sich selbst und ihre Beziehung entwickeln. Selten habe ich so glaubwürdige Charaktere gesehen; selten habe ich mich so intensiv mit ihnen beschäftigt; und selten hatte ich so viel Angst um meine virtuellen Begleiter!

Die neue Welt: Verwaist, verlassen, wunderschön!
Die neue Welt: Verwaist, verlassen, wunderschön!
Click, Click, Click

Neben angesprochenen Menschen, stellen die Infizierten die zweite Gefahr dar. Als „Runner“ bezeichnet man die erste Entwicklungsstufe. Sie stürzen sich dranghaft auf alles, was lebt und „uninfiziert“ riecht. Ähnlich oft trifft man auf „Clicker“ – sie können nicht sehen, aber exzellent hören und sind obendrein noch sehr tödlich.

Durch diese zwei sehr unterschiedlichen Gegnertypen – Mensch und Monster –, entwickelt sich ein interessanter Genre-Mix. Während schießwütige Soldaten hier und da zu einem actionlastigen Duell auffordern, verhält man sich in einem Infizierten-Nest besser sehr ruhig. In Hitman- oder Metal Gear Solid-Manier, führt die richtige Schleichtaktik zum gewünschten Erfolg. Das, kombiniert mit einer Survival-Horror-Atmosphäre, sorgt für Adrenalinschübe und stockenden Atem, wenn man hauchdünn an einem Infizierten vorbeischleicht und wenig später die übersehenen Glasscherben unter den Füßen bersten.

Jetzt bloß nicht auffallen
Jetzt bloß nicht auffallen
Du siehst mich? Du siehst mich nicht?

Die KI ist besonders in Stealth-Spielen immer ein streitbares Thema. Oft leiden die Gegner an einer notorischen Gedächtnisschwäche oder an einem starren Tunnelblick. In The Last Of Us verhält sich die KI ebenfalls etwas ambivalent. Menschliche Gegner agieren im Schussgefecht sehr intelligent; so rücken sie beispielsweise vor, wenn sich die eigene Munition dem Ende neigt oder sie überraschen mit Angriffen in die Flanke. Das ist super, aber andererseits gibt es diese Momente, wo man sich perplex fragt, warum die Gegner einen nicht gesehen haben – wäre doch nur ein direkter Händedruck noch auffälliger. Sowas gibt es dann auch andersrum: Man wird entdeckt und fragt sich „Wieso?“.

Die KI von Ellie und Co. ist hingegen ohne Makel. Die Mitstreiter sind selten auf eure Hilfe angewiesen, versorgen euch mit Warnungen, wenn ihr unvorsichtig agiert oder helfen euch mit Ablenkungsmanövern und explosiven Argumenten. Nerviges Eskortieren wie in Resident Evil 4, oder Aufregen, weil die Mitstreiter die Ressourcen verballern, wie in Resident Evil 5, gibt es hier nicht. Was der Atmosphäre jedoch erheblich schadet, ist die Tatsache, dass die Mitstreiter für die Gegner unsichtbar sind, solange man selbst nicht entdeckt wurde. Während man also selbst mühevoll an Infizierten vorbeischleicht, trampeln die Mitstreiter rigoros in der Gegend herum und rempeln die Gegner fast schon an. Das sorgt nicht nur für Verwirrung, sondern zerstört die knisternde Spannung. Fairerweise muss man sich fragen, was die Alternative dazu wäre? Sichtbare Begleiter, die ständig Mist bauen und einen auffliegen lassen? Da erscheint dies als das kleinere Übel.

Traue niemandem - und Menschen schon gar nicht!
Traue niemandem – und Menschen schon gar nicht!
Uncharted-Schlauch oder Open-World?

Eine wichtige Frage war für mich, wie viele Freiheiten dem Spieler gelassen werden. Nun, The Last Of Us ist eher ein Schlauch – aber ein sehr breiter. Die Wege sind zwar klar vorgegeben, aber es gibt dennoch viele Haltestellen: Hier ein Haus, da ein Bus; dort kann man hinaufklettern, hier kann man durchkriechen. Überall findet man Ressourcen, Werkteile oder die 141 Sammelobjekte, die interessante Hintergrundinformationen liefern bzw. spielerische Vorteile bringen. Das Leveldesign ist so perfekt und durchdacht, das man mehr Freiheiten gar nicht wünscht, bzw. bin ich bin mir sicher, dass The Last Of Us als Open-World-Spiel überhaupt nicht funktionieren würde.

Sammeln ist das „A“ und „O“ 

Wer überleben möchte, will gut vorbereitet sein – das gilt auch hier. The Last Of Us bietet ein simples, wie geniales Crafting-System: Es gibt lediglich fünf Komponenten (Klinge, Band, Alkohol, Sprengstoff, Zucker), aus denen sich wiederum fünf verschiedene Gegenstände  (Messer, Medipack, Molotow Cocktail, Nagelbombe, Rauchbombe) herstellen lassen. Die in der Herstellung benötigten Komponenten überschneiden sich jedoch – so brauchen Medipack und Molotow Cocktail jeweils Alkohol und Sprengstoff zur Herstellung -, weshalb man stets situativ intelligent agieren muss. Ein Molotow Cocktail ist gut gegen eine Horde Infizierter, Rauchbomben können bei einer Flucht entscheidend sein und ein Messer sollte man sowieso immer dabei haben, schon weil es häufig zum knacken wichtiger Schlösser benötigt wird. Aber Obacht: Alle Gegenstände nutzen sich ab und werden mit der Zeit sogar komplett unbrauchbar. Durch gefundene Werkteile und Werkzeugkästen, lassen sich an einer Werkbank zudem die Waffen verbessern, das dann auch dauerhaft!

Wer immer noch nicht genug vom Sammeln hat: Mit gefundenen Pillen, lassen sich eure Fähigkeiten verbessern. Während das Erlernen des Messerkonters (um ansonsten tödliche Clicker-Angriffe zu kontern) und das Aufwerten der maximalen Gesundheit noch nützlich sind, wirken die anderen Fähigkeiten, wie das Beschleunigen der Herstellung von Gegenständen, eher überflüssig. Das Fähigkeiten-System hätte gut und gerne fehlen dürfen – auch, um die Sammelwut etwas zu reduzieren.

Postapokalyptisches 5-Sterne-Hotel.
Postapokalyptisches 5-Sterne-Hotel.
Faszination des Chaos´

Wie eingangs erwähnt, ist die Kulisse von The Last Of Us grandios. Das verwaiste, postapokalyptische Amerika sprudelt nur so von Details und ist unerwartet abwechslungsreich. Die eigene Wohnung mag man lieber aufgeräumt, aber tatsächlich hat doch das Chaos etwas Faszinierendes und Ästhetisches, womit immer die Frage einhergeht: „Was mag hier passiert sein?“ Man will sich wahrlich nicht sattsehen und kann Naughty Dog zu dieser Glanzleistung nur gratulieren – selten hat man auf der PlayStation 3 etwas so Beeindruckendes gesehen, wenn überhaupt dann noch in der Uncharted-Serie vom selben Entwickler.

Musikalisch bekommt man vielleicht nicht den besten Soundtrack serviert, aber dafür den idealen Soundtrack für The Last Of Us. Die Musik unterstützt jede Situation perfekt und treibt die Atmosphäre auf ihren Höhepunkt. Highlight sind sicherlich die Gitarrensolos, die mit wenig Mitteln, die melancholische Stimmung im Spiel widerspiegeln und unterstreichen.

Noch ein Wort zur Synchronisation: Abgesehen von ein paar Ausnahmen ist diese durchweg positiv. Die beiden Hauptcharaktere sind auch in Deutsch wunderbar vertont und laden nicht zum Fremdschämen (oder umschalten auf das Original) ein, wie es sonst leider noch häufig der Fall ist.

Der Weg ist weit: The Last Of Us fesselt einen 20 Stunden lang.
Der Weg ist weit: The Last Of Us fesselt einen 20 Stunden lang.

Sergej:

The Last Of Us ist grandios. Es ist eine Gefühlsachterbahn, die von der ersten, bis zur letzten Minute fesselt. Ich habe jede Sekunde mit Joel und Ellie genossen und beide tief in mein Gamerherz geschlossen. Auf den ersten Blick erfindet das Spiel nichts neu: Gegruselt habe ich mich schon in Resident Evil; mit Solid Snake bin ich durch die Gegend geschlichen und Geballer? Das ist es sowieso ist jedem zweiten Spiel vertreten. Aber in der Kombination, mit der sagenhaften Kulisse, der emotionalen Geschichte und den glaubwürdigen Charakteren ist The Last Of Us einzigartig. Wer „2013“ ruft, dem rufe ich „The Last Of Us“ zurück. Mein Spiel des Jahres! Punkt. Aus. Ende.

Alex:

Wer an dieser Stelle ein klassisches „Kontra-Fazit“ erwartet, den muss ich enttäuschen:  Ich kann mich Sergej nur anschließen: The Last of Us ist mit Abstand das Beste was das Spieljahr 2013 hervorgebracht hat und ich zähle bereits die Tage bis zur Veröffentlichung der ersten Einzelspieler-Erweiterung am 14.02. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Was Naughty Dog hier abgeliefert hat, ist ein eindeutiger System-Seller am Ende des Lebenszyklus einer Konsolen-Generation! Wer noch keine PS3 sein eigen nennt, hat hier einen Grund mehr – neben den drei ebenfalls von Naughty Dog  entwickelten Uncharted-Episoden. Seitdem Pac Man sich 1981 durch mein Kinderzimmer gefressen hat, bin ich dem Medium verfallen und wenn ich sage, dass TLOU sich in meine Top-Ten der Videospiele gekämpft hat, dann will das wirklich was heißen: Pirates, Half Life, Doom, The Last of Us…alles in einem Atemzug…und womit? Mit Recht!

PS: Im Gegensatz zu meinem Kollegen fand ich das Fähigkeiten-System übrigens nicht überflüssig, sondern genau richtig so…also: Da habt ihr doch noch euer „Kontra“ 😉

   

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