Games and the city – Dauerbrenner

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City

Manchmal frage ich mich, ob mein Vater der einzige Mensch ist, der immer noch Tetris spielt. Last man standing sozusagen. Seitdem der Gameboy in den 90ern bei uns einzog, ist mein Vater dem Spiel treu geblieben. Jeden Morgen und jeden Abend werden die Klötze rotiert und eingeordnet. Vermutlich ist er inzwischen absoluter Profi. Mein Vater, der Tetris-Pro-Gamer. Zu Besuch bei meinen Eltern beobachte ich meinen Vater wie er, parallel zum Tatort, die roten Tasten des Gameboys auf Trapp hält und fleißig Raketen zündet.

Meine Gedanken schweifen ab und die fünf synaptischen Verbindungen, die ich im BWL-Studium geknüpft habe, beginnen emsig zu feuern. Vor meinem inneren Auge erscheint ein Pop-up:  Das Konzept des  Produktlebenszyklus. Würde man eine, zugegeben wenig repräsentative, Umfrage erstellen und die Stichprobe bestünde nur aus meinem Vater, könnte man meinen, dass sich der Produktlebenszyklus von Tetris seit den 90er Jahren  konstant in der Reifephase befindet, ohne einen Rückgang erkennen zu lassen. Ich überlege, welches Spiel ich jemals so lange am Stück gespielt habe und stelle fest: Keines. Allerdings gibt es durchaus einige Spiele, die mich lange unterhalten haben. Ein Großteil der Spiele hat jedoch auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Die meisten von ihnen übersteigen den Grad der Komplexität von Tetris nur marginal.

Ich bin fast versucht, die zwei Treppen bis zum Speicher hochzulaufen, mich durch sämtliche Kisten aus alten Legos, Barbiepuppen sowie Kassetten zu wühlen und meinen Commodore 64 zu entstauben. In zwei Plastikkisten von unschätzbarem Wert, befinden sich zahllose Schmuckstücke, die ich plötzlich nur zu gerne noch einmal spielen würde: Kaiser, Donald Duck’s Playground, Mario Bros., Maniac Mansion,  World  Games, California Games oder Test Drive und das ist nur eine kleine Auswahl. Aber ich müsste den C64er erst anschließen, außerdem war vor 15 Jahren da oben mal ne Maus. Ich lasse es lieber und schwelge stattdessen ein wenig  vor mich hin.

Der M-M-M-M-Monsterkill-Klassiker: Facing Worlds. Zahl der Bots hochstellen und los geht der Spaß…inzwischen hält der jedoch deutlich kürzer an.

Eigentlich müsste ich nicht mal Spiele ausbuddeln, die so alt sind wie Meister Yoda. Jedes Mal, wenn ich im Keller die Box mit alten CDs und PC-Games finde, lege ich mir mindestens 10 davon raus, um sie nochmal zu spielen. Einige davon sind Simulationen, wie Theme Hospital, Holiday Island, Airline oder Rollycoaster Tycoon, ein paar alte Adventures oder ein guter alter Ego-Shooter. Ich stelle fest, dass der Reiz, sich in der Unreal-Tournament Map „Facing Worlds“ auf einen der beiden Türme zu legen und „M-M-M-Monsterkills“ zu sammeln recht schnell verfliegt.  Selbst der Gebrauch, des regelmäßig spawnenden Redeemers kann daran nichts ändern. Das Spiel wandert schnell wieder zurück in die Kiste und ich denke mir „Auf ner Lan-Party wär das bestimmt super. Wir wollten ja eh nochmal eine machen…“. Dass wir diese Lan-Party seit ungefähr acht Jahren machen wollen, verdränge ich dabei.

Die  Adventures bereiten schon etwas länger Freude. Ich kann immer noch über die gleichen Witze in Monkey Island lachen und einige der Rätsel hab ich sogar schon vergessen. Im Gegensatz zu LeChuck, weiß ich auch nicht mehr, dass Eintracht Frankfurt 1959 deutscher Fußballmeister gewesen ist. Ich bin mir ehrlich gesagt aber auch nicht sicher, ob ich das überhaupt schon mal gewusst habe. Ich bemerke aber, dass ich die Adventures umso mehr Spaß machen, je länger ich sie nicht gespielt habe. Kann ich 90 Prozent der Rätsel im Schlaf lösen, höre ich mein mesolimbisches System leise jauchzen.   Ich versuche mein Glück stattdessen mit Simulationen und siehe da, auch diese machen mir noch Spaß, zumindest die, die sich noch unter Windows 7 installieren lassen. Ein Großteil streikt und verweigert sich der neuen High-Tech. Geknickt werfe ich Holiday Island zurück in die Kiste, in der wahrscheinlich auch irgendwo ein Tamagotchi, lustig gefaltete Briefchen aus der Schule, eine ausgelaufene Batterie, zwei Fabergé-Eier und die Geburtsurkunde von Joffrey Lan…Baratheon vergraben liegen. Bevor ich mich weiteren Enttäuschungen hingebe, überlege ich: Eine Simulation, die auf so ziemlich jedem Personal Computer laufen sollte, ist „die Sims“. Also los!

Geschichten, die das Leben schreibt. Wer hat ihn noch nicht getroffen, den Nachbarn der entnervt die Arme über dem Kopf zusammen schlägt, wenn ihm der erzählte Lieblingswitz nicht gefällt.

Die Standard-Auswahl der Kleidung hat mir noch nie gereicht, wie mein Kleiderschrank voller „nichts anzuziehen“ im wahren Leben. Aber die Sims ist schließlich auch eine Lebenssimulation. Daher begebe ich mich vorab ausgiebig auf die Suche nach selbsterstellten Designs. Nun kann ich endlich anfangen. Moment, noch Frisuren. So, jetzt aber! Erst spiele ich das Spiel ganz normal, suche mir eines der fertigen Häuser aus, ergänze die spärliche Einrichtung um ein-zwei Teile und schlage dann die Zeitung auf, um der Erwerbstätigkeit zu frönen. Ambitioniert motiviere ich meinen Sim charismatischer, sportlicher und kreativer zu werden, um schnellstmöglichst die Karriereleiter zu erklimmen. Irgendwann ist die junge Frau Gouverneurin, Broker oder Imperator des Bösen. Vielleicht auch alles zusammen. Sie war schon mindestens einmal verheiratet und das Kindermädchen hat sich hervorragend um den Nachwuchs gekümmert. Eigentlich schläft mein Sim nur noch, geht auf die Toilette oder schaut fern. Manchmal ärgert sie sich. Das Spiel langweilt mich.

…und schon wieder steht das Bad unter Wasser. Diese blöden Toiletten, ständig kaputt. Wie im wahren Leben!

Ich versuche eine Variante und spiele das Dschungelcamp nach. Alle Sims nach draußen, Essen gibt’s nur, wenn der Unbeliebteste eine lustige Aufgabe erfüllt (z.B. eine Lampe beim Nachbarn klauen). Das Spiel macht wieder Spaß. Allerdings verfliegt auch diese Freude irgendwann, Winfried und Larissa streiten sich zu wenig. Das Spiel kommt wieder zurück in die Kiste. Dort wird es jetzt zwischen 6-12 Monate bleiben, bis es mich wieder packt. Ich überlege eine Dissertation über die Sims-Zyklen zu verfassen, verwerfe den Gedanken aber wieder. Ich hab Wichtigeres zu tun, z.B. die aktuellen Bundesligadaten für den Editor von Anstoss 3 rauszusuchen.

Aber es ist nicht alles Gold, was staubt. Ich habe festgestellt, dass man das gute Bild einiger innig geliebter Klassiker, nicht durch nochmaliges Spielen beschmutzen sollte. Es ist mir ein persönliches Anliegen, euch von dem Barbie-Spiel abzuraten, welches ihr sicherlich auch alle auf dem C64er gespielt habt. Als ich das Spiel mit sechs Jahren auf Englisch, natürlich ohne Englischkenntnisse, gespielt habe, war die Vorstellung, jemals etwas anderes spielen zu wollen, völlig abwegig. Glaubt es oder nicht, ich wurde eines Besseren belehrt. Komischerweise hat es mir mit Mitte 20 nicht mehr so viel Freude bereitet, aus einem Pool von drei Frisuren und vier Kleidern ein Outfit zu erstellen und mich dann mit Ken zu treffen. Definitiv nicht mein persönliches Tetris! Das muss ich wohl noch finden. So lange huldige ich den Sims-Zyklen und versuche in unregelmäßigen Abständen Holiday Island zu installieren.

Bevor ich mir jetzt einen Monkey-Island-Grog zusammenbraue und mich durch die letzte Staffel von Gossip Girl quäle, würde ich gerne eure Meinung hören! Gibt es Spiele, die ihr immer wieder aus den Tiefen eurer Sammlung hervorholt? Oder gab es ein Spiel, dass im Nachhinein an euren wunderprächtigen Kindheitserinnerungen  gekratzt hat?

 

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