Castlevania: Lords of Shadow 2 im Test

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Bild Castlevania

Castlevania: Lords of Shadows begegnete mir seinerzeit das erste Mal auf der Gamescom und begeisterte mich auf Anhieb. Die Story, die Grafik, das Kampfsystem in Kombination mit den Rätseleinlagen lieferte einfach alles ab, was ein Action-Adventure braucht und das in grandioser Qualität. Dazu der tolle Soundtrack und eine mehr als passende, wenn auch nur englische, Vertonung. Der zweite Teil setzt die Story nahtlos fort und soll die Geschichte, die zwischenzeitlich auch durch den Handheld Ableger Mirror of Fate erweitert wurde, zu einem würdigen und abschließenden Ende führen.  Schade nur, das Entwickler Mercury Steam das packende Spielprinzip aus Kämpfen, erforschen und dem Lösen von Rätseln durch unvorstellbar nervige, teils als Folter für den Spieler wirkende, Schleichabschnitte gnadenlos unterwandet!

Zeit aufzuwachen!

Solltet ihr den ersten Teil der Serie noch nicht gespielt haben, so folgt nun die SPOILERWARNUNG.

[su_spoiler title=“Spoiler“ style=“fancy“]Am Ende des ersten Teils habt ihr Satan besiegt und werdet letzten Endes mit einer Zwischensequenz belohnt, in der ein fast schon skelettierter Gabriel von Zobek in seinem Thronsaal besucht wird. Misslaunig springt Gabriel mit Zobek aus dem Fenster in die Tiefe und landet…in einer Großstadt unserer Zeit! Und genau an dieser Stelle knüpft der neue Teil der Reihe an. Dabei soll ihr als Dracula den Welt vor Satan schützen. Als Lohn winkt der endgültige Tod durch die Hand von Zobek.[/su_spoiler]

SPOILERENDE

Ihr übernehmt die Kontrolle über Dracula und erwacht nach kurzer Zeit in eurem Schloss, das vom Orden angegriffen wird. In diesem Tutorial werdet ihr mit der Steuerung vertraut gemacht, erlebt die Belagerung eurer Burg und bekommt es direkt mit einem Bosskampf zu tun, ehe ihr wieder zurück zum Ausgangspunkt gelangt. Was für ein bombastischer Start für ein Spiel, das eine so unglaubliche spannende, wendungsreiche und epische Geschichte erzählt! Das Warten hat sich also gelohnt! Oder doch nicht? Denn nach diesem famosen Einstieg sinkt das Spieltempo rapide bzw. fährt erstmal mit voller Wucht gegen die Wand. Denn als nächstes, nach einer kleinen aber notwendigen Mahlzeit, ist erstmal nichts mehr mit kämpfen. Stattdessen muss ein geschwächter Dracula, der wirkt als habe man ihm die Reißzähne gezogen, erstmal durch einen Gebäudekomplex an für ihn derzeit unbesiegbaren Wachen vorbeischleichen. Dazu lenkt er Gegner mit einem Fledermausschwarm ab und übernimmt dann deren Kontrolle oder verwandelt sich an dafür vorgesehenen Stellen in eine Gruppe Ratten. In dieser Form kann er Luftschächte betreten und so sonst unzugängliche Bereich betreten. In Anbetracht der Stärke der Gegner die Dracula im Laufe des Spiels besiegt ist es wenig nachvollziehbar, dass diese Wachen an keiner Stelle im Spiel, auch nicht kurz vor dem Finale, besiegbar sind. Der Vorgänger lebte vor allem durch die Erzählung der Geschichte und dem stetigen Wechsel zwischen teils sehr anspruchsvollen Kämpfen und dem Lösen von Rätseln. Die Rätsel sind geblieben und genauso auch die Kämpfe, nur wirken die Schleicheinlage extrem unpassend und fühlen sich wie Fremdkörper im Spielablauf an.

Im Herzen ein würdiger Nachfolger!

Auch wenn die Schleichabschnitte extrem negativ sind und ich darauf später noch zu sprechen komme, so existiert in Castlevania: Lords of Shadow 2 auch all das, was Fans von der Fortsetzung erwartet haben: abseits der spannenden Story erwarten euch tolle, ab dem mittleren Schwierigkeitsgrad auch anspruchsvolle, Kämpfe. Das Design der Gegner ist wieder grandios und teils sehr schaurig und das Kampfsystem überzeugt durch die vielen verschiedenen Fähigkeiten und die drei verschiedenen Waffen. In den mehrstufigen Bosskämpfen führt nur die richtige Kombination der Waffen und Fertigkeiten zum Erfolg. In einem Kampf muss z. B. unter Einsatz der Chaoskrallen der Schutzschild des Gegners zerstört werden.  Zu Beginn genügen einige Schläge der Krallen und der Schild ist zerstört. Im zweiten Abschnitt erstrahlt der Schild wieder in voller Kraft und immer kurz bevor der Schild erneut zerstört wird, schubst uns die Hexe weg. Hier hilft nur der Einsatz der Fernkampffunktion der Krallen, um den Schild endgültig zu zerstören. Anschließend teleportiert sich der Feind immer wieder, so dass wir sie mit unseren Waffen nicht treffen können. Hier hilft nur das Einfrieren mit dem Leereschwert. Und das ist nur einer von vielen Bosskämpfen.

Passend zum Setting wird die dichte Atmosphäre von einem grandiosen orchestralen Soundtrack untermalt, während das Design der Schlossabschnitte zeigt, dass die Entwickler das Erstellen einer stimmungsvollen Gruselschlossatmosphäre nicht verlernt haben. Neben dem Austeilen ist auch wichtig, richtig einzustecken. Genauer kann Dracula einen Großteil der gegnerischen Angriffe blocken. Bei einem erfolgreichen Block erhält der Spieler die Chance auf einen Gegenschlag auf den kurzzeitig betäubten Gegner. So gering die Trefferpunkt- und Magieleisten anfangs auch sein mögen, so schnell können diese genretypisch durch das Einsammeln von entsprechenden Kristallen erweitert werden. Je fünf Kristalle erweitern die verfügbaren Trefferpunkte, Chaosenergie oder Leerenergie. Dabei trifft man immer wieder auf diese schwebenden Boxen, die jeweils eine Art von Kristall enthalten, die scheinbar unerreichbar sind. Teilweise muss man erst Hindernisse überwinden oder später im Spielverlauf an diese Stellen zurückkehren. Dann nämlich kann Dracula z. B. in Nebelform durch Gitter hindurchschweben und so an bis dato unzugängliche Upgrades gelangen. Hilfreich sind hierbei die Kartenräume, mit deren Hilfe wir in die verschiedenen Bezirke der Stadt reisen können.

Fragen über Fragen

Während man weite Teile des Spiels über in Bereichen der modernen Großstadt unterwegs ist, kehrt man auch immer wieder in das Schloss zurück. Dort hat sich einiges verändert. Eine unbekannte Macht scheint die Kontrolle über die Bewohner des Schlosses zu übernehmen und schickt diese in den Kampf gegen den Prinzen der Finsternis. Was hat es damit nur auf sich? Und wer ist der kleine Junge, der uns immer wieder erscheint und was hat es mit dem riesigen weißen Wolf auf sich? Sind die Abschnitte im Schloss vielleicht nur Erinnerungen oder gar Wahnvorstellungen Draculas? An dieser Stelle möchte ich gerne Entwarnung geben und euch mitteilen, dass die Geschichte zwar in den ersten Minuten viele Namen und Geschehnisse in den Raum wirft, aber im Verlauf des Spiels alles nachvollziehbar verbunden und alle Fragen aufgelöst werden. Der Einstieg mag etwas überfordern, aber selbst wenn man nicht die Informationen über die Charaktere aus den Menüeinträgen nachliest wird im Verlauf der Story, in den teils angenehm ausladenden und toll vertonten Zwischensequenzen, alles sinnvoll und nachvollziehbar aufgedeckt. Auf technischer Seite schlägt sich das Spiel die meist Zeit über sehr gut und steht dem Vorgänger in nichts nach. Zumindest, so lange man nicht die Schleichabschnitte mit einbezieht, die in langweiligen, grauen Fabrikkorridoren etc. spielen und damit einen sehr harten Kontrast zu den ausgezeichnet designten Abschnitten im Schloss darstellen. Stellenweise könnte man meinen, dass hier zwei verschiedene Teams im Hause des Entwicklers am Werk waren.

Agreus, eine Schleichsequenz um Spieler zu knechten, ins Dunkle zu treiben und ewig zu binden

Die Mechaniken in den Schleichabschnitten nutzen sich sehr schnell ab: Gegner A mit den Fledermäusen ablenken, Gegner B übernehmen, Tür öffnen und auf der anderen Seite als Rattenplage in den nächsten Luftschacht. Das ist zwar alles sehr nervig und auch von der grafischen Seite kaum noch zu ertragen, aber zumindest relativ schnell vorüber. An zwei Stellen im Spiel bereitet eine Schleichphase aber einen Bosskampf vor. Während das Fliehen vor einer bösen Dame noch recht einfach und vor allem fair ist, obwohl man ihr in eine Art Labyrinth ausweichen und fünf Schalter drücken  muss, stellt der Abschnitt mit Agreus  die Geduld stark auf die Probe. Tatsächlich kommt hier schnell die Frage auf, ob man überhaupt noch weiterspielen möchte. Sieht man sich bei den diversen Lets Play Kanälen auf Youtube mal die Kommentare zu diesem Spielabschnitt an wird schnell klar, dass man hier völlig am Spieler vorbei programmiert hat! Agreus patrouilliert das Gebiet und überall liegt Laub herum. Setzt Dracula einen Fuß auf das Laub, erkennt Agreus sofort seine Position und verletzt ihn. Zusätzlich teleportiert er ihn zum Anfang des Abschnittes zurück. Diesen Abschnitt muss man durchqueren, um einen Schalter zu betätigen und ein Tor zu öffnen. Dann muss man weiter schleichen bis man durch das Tor gelangt ist und kann Agreus endlich bekämpfen. Es ist schwer in Worte zu packen wie frustrierend dieser Abschnitt ist: der Feind ist allgegenwärtig und nahezu der gesamte Boden ist voll mit dem verräterischen Laub. Man kann auf Laternen feuern, um das Monster abzulenken und als Nebelform geräuschlos  über das Laub hinwegschweben. Dies ist aber nur für wenige Sekunden möglich. Unter Einsatz aller Bewegungsmöglichkeiten und dem Ablenken hat es unzählige Versuche gedauert, bis es endlich geklappt hat, das Tor zu öffnen. Dann wurde ich erwischt und musst erneut von Beginn an den Weg fortsetzen. Das Tor bleibt immerhin auf! Nach dem Agreus erledigt war musste ich einfach zurück zu dem Laub und wie verrückt hindurch laufen und springen, quasi meine Form des Siegestanz.

Fazit

Ja, die Schleichabschnitte nerven spielerisch aufgrund des fehlenden Anspruchs bzw.  des extremen Frustfaktors und der unansehnlichen Kulisse. Wer diese Abschnitte aber durchsteht wird mit einem würdigen Nachfolger und einem tollen Finale der Reihe belohnt! Die Saga um den Belmont-Clan, den Heiligen Orden, Zobek und Satan selbst gipfelt in einem fulminanten Actionspektakel.  Die fordernden Kämpfe lassen sich oftmals nur unter Einsatz alle Fähigkeiten und Waffen des Anti-Helden Dracula siegreich beenden. Dennoch ist das Spiel weit von dem Frust- und Schwierigkeitsgrad eines Dark Souls entfernt und bietet stets faire Checkpoints und eine angenehme Lernkurve. Diese Fortsetzung ist alles andere als blutleer, nicht zuletzt aufgrund des teils intensiven aber thematisch stets passenden Gewaltgrades. Auf Seiten der Geschichte erhalten Spieler ein mehr als befriedigendes Ende und man darf gespannt sein, was Mercury Steam als nächstes Projekt angeht. So lange es kein Stealth-Titel wird, erwartet uns garantiert Großes! Vielleicht bekommen wir ja doch noch ein Next-Gen Castlevania, die Hoffnung stirbt zuletzt! Denn zuletzt hat der Entwickler verlauten lassen, sich künftig anderen Projekten zu widmen. Ich freue mich jetzt schon auf das bereits angekündigte DLC rund um Alucard!

 

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