Wolfenstein: The New Order im Test

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Titelbild

Wir schreiben das Jahr 1992. Das Unternehmen id Software bringt den ersten echten Ego-Shooter hervor, ein Meilenstein in der Videospielgeschichte. Mit Wolfenstein 3D fing damals alles an. Nur mal so nebenbei: Das erste Call of Duty kam erst 2003 raus, Battlefield 1942 lief erst 10 Jahre später, in 2002 vom Stapel.

Noch vor Letzteren wurde Return of Castle Wolfenstein veröffentlicht, offizieller Nachfolger des 1994 in Deutschland indizierten Wolfstein 3D. Die offensichtlichste Verbindung zwischen beiden Spielen: William J. Blazkowicz, der fiktive Protagonist und Gegner der in beiden Spielen herrschenden Nazis. Ihr habt richtig gehört: Wolfenstein provoziert mit den dunkelsten Szenarien deutscher Geschichte, verpackt die Charaktere aber auf skurrile, satirische Art und Weise. Gepaart mit Zombies, Robotern, futuristischen Kampfanzügen rückt der Realitätsbezug in den Hintergrund, bleibt aber doch immer irgendwie erhalten.

Auch das 2009 erschienene Wolfenstein macht dabei keine Ausnahme. Kein Wunder also, dass das neue Wolfenstein: The New Order in die Fußstapfen seiner Vorgänger tritt. Große Fußstapfen für das Spiel aus dem Hause MachineGames, ein Ableger der ZeniMax-Studios.

Wilhelm „Totenkopf“ Strasser ist euer Widersacher!

Immer diese Verrückten!

Es rumst auf allen Seiten. William J. Blazkowicz, der Protagonist des Spiels, sprintet durch ein Flugzeug, beschießt umher schwirrende Flugzeuge und Kamikazeflieger. Ihr befindet euch mitten im 2. Weltkrieg 1946. Wer dabei verwirrt dreinblickt, hat begriffen, dass der reale Krieg zu dieser Zeit glücklicherweise schon vorbei war.

In Wolfenstein: The New Order ist der Krieg 1945 allerdings noch nicht vorbei – und es scheint so, als würde er auch nicht so schnell zu Ende gehen.

– An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass wir es in der deutschen und österreichischen Version von Wolfenstein: The New Order NICHT mit Nazis, sondern mit dem „Regime“ zu tun bekommt. So wurden sämtliche Hakenkreuze entfernt und durch Regime-Symbole ersetzt –

Das Flugzeug stürzt ab, der Plan, den Regime-Führer Wilhelm „Totenkopf“ Strasse zu töten, scheitert. Und damit wird das Schicksal der Menschheit besiegelt…..würde Blazkowicz nicht überleben! 14 Jahre nach dem Zusammentreffen mit Totenkopf erwacht Blazkowicz aus seinem Wachkoma und das erste, was er ihn die Hand nimmt, ist natürlich eine Waffe!

Spielerisch zeigt Kapitel 1 noch nicht, was in dem Spiel steckt, aber vom Storytelling her beginnt alles mit richtig Krawumms! Vor allem die Begegnung mit Totenkopf und die schwerwiegende Entscheidung, die wir am Ende des Prologs zu treffen haben, treibt einem schnell Schauer über den Rücken. Wunderbar ist, dass solche Momente nicht die einzigen im Spielverlauf bleiben.

Die Geschichte rund um das Aufspüren des Regime-Führers wird so packend erzählt und fesselt den Spieler dermaßen an den Stuhl, dass man zwischendurch die Zeit völlig aus den Augen verliert. Getragen wird das Ganze aber nicht nur durch das gute Storytelling. Hass aber auch Faszination! Das sind Gefühle die ich mit Totenkopf verbinde. Eine beeindruckende Darstellung des wahnsinnigen Wissenschaftlers.

Und selbst Nebenfiguren wie Bubi oder Frau Engel, wenn man sie denn so schimpfen kann, bringen abgedrehte, geistesgestörte Dialoge in die Geschichte mit ein, dass einem bei Zeiten die Kinnlade herunterklappt.

Was übrigens auch mehrmals bei der Gewaltdarstellung im Spiel passiert. Da geht es teilweise sehr derbe zur Sache. Die verwehrte Jugendfreigabe ist absolut berechtigt!

Der Protagonist Blazkowicz hat übrigens Charisma. Ihm mangelt es nicht an Ernsthaftigkeit in den richtigen Situationen, aber er lässt immer auch den typischen Wolfenstein-Humor durchblicken. Eine Szene die eine Kettensäge involviert ist gleichermaßen psychisch schwer zu verdauen wie auch amüsant, ich konnte mich in dem ganzen Gefühlschaos nicht für ein Gefühl entscheiden. Aber wie soll es einem Mann schon gehen, der eine Truppe Besessener jagt, dabei dutzende Männer nieder meuchelt und mit ansehen muss, wie die eigenen Kameraden ermordet werden. Dafür hat sich Blazkowicz noch ganz gut gehalten.

Das Spiel ist nicht umsonst erst ab 18 Jahren freigegeben!

Sam Fisher oder Rambo!

Werfen wir nun aber mal einen Blick auf das spielerische Geschehen. Schließlich kann eine gute Story schnell durch miserable Technik verhunzt werden. Das Spiel ist kein reiner Shooter, wir haben auch ständig die Möglichkeit wie der ehemalige Sam Fisher durch die Kapitel zu schleichen und Gegner von hinten niederzustrecken. Kompletten Gewaltverzicht können wir aber nicht dauerhaft ausüben. Manchmal ist es allerdings besser, im Schatten zu wandeln und die Angelegenheiten möglichst geräuschlos zu klären. Vor allem bei den Kommandanten, die in jedem Kapitel verstreut sind und Verstärkung rufen, wenn sie euch entdecken, solltet ihr leise vorgehen.

Manchmal ist die gute, alte Ballerei Balsam für die Seele und das Deckungssystem leistet währenddessen gute Arbeit. Je nach Schwierigkeitsgrad (insgesamt stehen euch davon 5 zur Verfügung) sind die 100 Lebenspunkte trotzdem schnell auf 0 gesunken und ihr sterbt schneller als ihr nachladen könnt. Aber keine Sorge: Die K.I. Verzeiht einige Fehler. In der Tat agieren die Gegner nämlich häufig ziemlich bescheuert und merken mitunter gar nicht, dass man direkt vor ihnen steht oder die Kameraden suchen an den den falschen Ecken.

Kommen sie uns zu nah, könnt ihr aber immer noch auf den Nahkampfangriff zurückgreifen. Der haut echt jeden um und ist für meinen Geschmack ein wenig zu stark ausgefallen. Das Problem haben aber viele Spiele… (siehe z.B. Mass Effect 3).

Wollen wir dann doch nicht so lange warten, greifen wir zu einer der vielen futuristischen Wummen, die uns das Spiel bietet. Von der einfachen Pistole wechseln wir später schnell zu einer Laserwaffe, benutzen Raketenwerfer oder Teslagranaten und sorgen mit verschiedenen Aufsätzen und Upgrades für Ruhe. Vor allem die Möglichkeit zwei Waffen gleichzeitig über die Schultern zu werfen (das nennt man Akimbo) ist klasse und hat mir schon in Borderlands 2 sehr gut gefallen.

Nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Roboterhunde und Mechs zieht ihr in den Kampf!

Abwechslungsreich, aber mit Fehlern!

Wer auf Rollenspiele steht, fühlt sich auch in Wolfenstein ein wenig zu Hause. So ist es möglich für vier verschiedene Vorteils-Systeme Punkte zu sammeln. Wenn man mehr mit dem Messer und im Schatten arbeitet, bekommt man Vorteile in puncto Heimlichkeit spendiert. Dadurch erhält man z.B. Wurfmesser und ein vergrößerters Magazin. Ist man eher auf Zerstörung getrimmt, kann man mehr Granaten tragen oder richtet mehr Schaden mit dem Raketenwerfer an. Da ihr die Vorteile im Laufe der Spielzeit sammelt indem man bestimmte Aufgaben löst, seid ihr nicht an eine Art des Spielens gebunden.

Satte 12-15 Stunden ballern, kämpfen und schleichen wir uns mit diesen Vorteilen und Waffen durch zahlreiche Schauplätze, darunter ein U-Boot, ein Hochsicherheitsgefängnis und eine eingestürzte Brücke. Und ganze 12-15 Stunden gefällt die id Tech 5-Engine auch. Leider sieht man aber im Detail einige Mängel, z.B. verwaschene Texturen. Und das leider ziemlich häufig.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Tonabmischung ist nicht immer auf den Punkt gut gelungen. Sind die Effekte manchmal zu laut, kann man dem Gespräch nicht mehr folgen, manchmal sind die Stimmen aber auch nur zu leise. Auch bei manchen Waffen mangelt es hier undih da an den richtigen Abmischungen, so hören sich viele Wummen nicht schlagkräftig genug an. Absolut positiv zu erwähnen ist allerdings der Soundtrack, der das Ohr schon im Menü auf ein großes Abenteurer hinweist. Und dann wären da natürlich noch Karl & Karla…

Fazit:

Wolfenstein: The New Order ist für mich ein Überraschungstitel geworden. Lange nicht auf dem Schirm, brachten Teaser, Trailer und Vorschauen mich immer mehr in die Welt von Wolfenstein zurück, nachdem ich 2009 mit dem nur durchschnittlichen Vorgänger abgeschlossen hatte. Aber das neue Wolfenstein hat es geschafft, mich vor der Konsole zu bannen und mich immer weiter spielen zu lassen, weil ich entdecken wollte, was hinter der nächsten Ecke auf mich wartet. Storytechnisch wirkt das Spiel nie aufgesetzt, würzt sich selbst mit einem gehäuften Esslöffel Humor und rundet das ganze durch die brachial gut dargestellten Charaktere ab. Spielerisch bietet Wolfenstein: The New Order zwar hauptsächlich altbekannte Shooter-Kost, aber kombiniert mit Schleichelementen und der konsequenten Gewaltdarstellung, vermengt sich das Ganze zu einem faszinierenden Spielerlebnis.

Dazu kommt eine Spielzeit von 12-15 Stunden, was immerhin etwas über den fehlenden Multiplayer hinwegsehen lässt, sowie viele Waffen, ein Vorteilsystem und abwechslungsreiche Schauplätze. Aber kaum ein Spiel ist perfekt, auch nicht Wolfenstein: The New Order. Die K.I. „glänzt“ häufig mit Totalausfall und die id Tech 5-Engine zeigt zwar wunderbare Bilder auf der neuen Konsolengeneration, lässt aber im Detail einiges vermissen. Desweiteren ist auch die Tonabmischung in einigen Sequenzen unvorteilhaft oder einfach nur zu leise. Immerhin lässt sich dies durch zuschalten der Untertitel etwas abmildern. An der Gewichtung der positiven und negativen Aspekte im Fazit lässt sich schnell erkennen, das ich nach dem Spielen ein Fan von Wolfenstein: The New Order geworden bin. Es ist einfach ein sehr stimmiger Ego-Shooter. Das findet man heute im Einheitsbrei von Battlefield und Call of Duty viel zu selten.

 

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