Watch Dogs im Test

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In der ersten Verkaufswoche hat sich Watch Dogs laut Publisher Ubisoft mehr als 4 Millionen Mal verkauft. Wer dachte, das Interesse an dem Spiel würde aufgrund der halbjährigen Verschiebung schwinden, hat sich getäuscht. Denn mit dem Hacker-Spiel hält Ubisoft nun den Rekord für das am meisten verkaufte Spiel einer neuen Marke in einer Woche. Mit diesen Voraussetzungen ist es mehr als logisch, dass bereits wenige Tage nach Release des ersten Teils über einen Nachfolger gemunkelt wird.

Finanziell ist Watch Dogs also schon kurz nach Release ein bahnbrechender Erfolg für Ubisoft. Ob der Spieler auch etwas davon hat oder ob das Spiel sich in den Einheitsbrei der Open-World-Spiele einreiht, lest ihr hier im Test!

Die Stadt Chicago ist total vernetzt!
 

Wir finden alles heraus!

Es ist ein regnerischer Abend in Chicago. Das Licht der Straßenlaternen bricht sich in den Pfützen auf dem Asphalt, die stark befahrenden Straßen werden durch Scheinwerfer erleuchtet, die Fahrzeuge selber erkennt man von weitem nur schemenhaft.

Auf dem Gehweg sind Menschen, ein Mann redet mit sich selbst, zwei Frauen unterhalten sich an einer Ampel. Alle machen etwas anderes, kennen sich nicht, aber sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind angreifbar. Auch körperlich, aber vor allem über die unscheinbaren Geräte in ihren Hosentaschen oder ihren Händen. Die unscheinbaren Geräte, über die wir alles preisgeben, ob bewusst oder unbewusst, sei es unseren Namen, Kontakte oder sogar Passwörter.

Zwischen ihnen läuft Aiden Pearce, mit Mantel und Kappe bekleidet, seine Hände versteckt in seinen Taschen. Und er findet alles über sie heraus…

Das ist Aiden Pearce!

Und wir sind Aiden Pearce! Mit einem kleinen Gerät in unseren Händen können wir uns in Ampelanlagen, Züge, Kameras und selbstverständlich in die Mobiltelefone anderer Leute hacken! Die Umgebung kann nichts vor euch verstecken, wir finden über jede Person im Spiel alles Mögliche heraus. Eine dürre Dame, die uns entgegenkommt, hat Krebs im Endstadium, ein breitschultriger Mann hat vor zwei Jahren im Lotto gewonnen. All diese Informationen werden stylisch auf dem Bildschirm eingeblendet, direkt neben der Person, inklusive Name, Adresse und Alter.

Die unzähligen Datensätze haben zwar keinen direkten Einfluss auf die Story, trotzdem stärkt die Vielzahl an Informationen auf dem Bildschirm die Glaubwürdigkeit der Spielumgebung und bestärkt das Gefühl des menschlichen Ausgeliefertsein gegenüber der Technik umso mehr.

 

Unterhaltsam, aber blass…

Aber wir spielen nicht nur zum Spaß mit unserem Smartphone Hobby-Hacker oder um NPCs den Tag zu versauen. Vielmehr sind wir professionell unterwegs, verdienen mit Hacking unseren Lebensunterhalt. Doch im Intro läuft alles schief, wir werden enttarnt und ein Unbekannter heftet einen Attentäter an unsere Fersen. Während eines vom Attentäter provozierten Autounfalls sterben allerdings nicht wir, sondern unsere Nichte. Der Mörder verschwindet, Pearce überlebt und schwört Rache. Und Pearce findet den Mörder seiner Nichte und stellt ihn zur Rede. Und hier greifen wir zum ersten Mal zum Pad….

Der Einsteig ist packend inszeniert, Kinoreif erleben wir den Schicksalsschlag mit, den Aiden durchleben muss. Und damit ist auch direkt die Motivation des Protagonisten identifiziert: Rache. An dieser Stelle könnte man nun feststellen, dass sich die Rachestory nur in eine viel komplexere Geschichte einbettet, die sich gesellschaftskritisch mit Hacken und dessen Folgen beschäftigt. Leider ist dem nicht so! Watch Dogs erzählt eine durchschnittliche Geschichte, deren wichtigste Intention darin besteht, den Mörder von Aidens Nichte zu finden.

Und dabei lässt das Spiel so viele Möglichkeiten ungenutzt, führt einen austauschbaren Protagonisten ein, der mal nachvollziehbar und mal komplett wirr handelt. Im Gegensatz dazu spielen die Nebencharaktere wie Jordi oder Dermot „Lucky“ Quinn für mich die Hauptrolle, die in ihrem Auftreten deutlich interessanter Wirken als der verschwiegene Aiden Pearce.

Dermot „Lucky“ Quinn bringt Leben in die Geschichte!

Spielwelt = Kulisse

Versteht mich nicht falsch, Unterhaltung kommt trotz fader Story und austauschbarem Protagonisten nicht zu kurz. Schließlich erschließt Watch Dogs einen großen Open-World-Spielplatz, auf dem man sich ordentlich austoben kann. Wie in Grand Theft Auto ziehen wir bei Zeiten einen unschuldigen Autofahrer aus seiner Karre und brettern selber mit dem Fahrzeug davon. Wahlweise schnappen wir uns auch einfach ein abgeschlossenes Fahrzeug am Straßenrand.

Die Fahrzeuge in Watch Dogs lassen sich übrigens, nach einer kurzen Eingewöhnungsphase, richtig gut fahren, jeder Wagen hat seine Eigenarten und das Schadensmodell kann auch im Detail überzeugen. Natürlich sind Fahrzeuge in einem Open-World-Spiel nichts Neues. Watch Dogs bietet spielerisch aber noch mehr, als das schnöde Ordern eines Kaffee Latte oder den kurzen Plausch mit dem Kleiderhändler um die Ecke.

So ist Chicago nicht nur Kulisse, sondern wird durch die Hacker-Fähigkeiten von Aiden in die Spielwelt integriert. So entstehen unfassbar viele Möglichkeiten. Hier schalten wir eine Ampel auf grün, um für einen Stau zu sorgen und an anderer Stelle lassen wir Poller aus dem Boden jagen, die Polizeiwagen aushebeln. Auch im Detail gibt es interessante Features. So könnt ihr das Handy einer Wachmanns klingeln lassen, der dann verdutzt auf sein Display schaut, oder ihr zündet eine Granate am Granatengürtel einer euch unsympathischen Wache. Das gefällt!

Das Hacking bringt viel Potenzial mit sich, da bisher unbehandelt. Das Potenzial wird ansatzweise ausgeschöpft, Luft nach oben ist dennoch. Vielleicht im zweiten Teil?

Nicht alle Probleme lassen sich durch Hacken lösen!

Es fehlt der Mut zu Großem…

30 Stunden und mehr könnt ihr euch mit diesem Hacking-Abenteuer beschäftigen. Dabei glänzt das virtuelle Chicago vor allem durch Lichteffekte, Explosionen und Spiegelungen. Leider hat die Grafik meine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Das auf der E3 2012 vorgestellte Bildmaterial hat angeheizt, leider konnte Ubisoft die Versprechungen nicht einhalten.

Watch Dogs sieht Klasse aus, keine Frage, aber auf der neuen Konsolengeneration wäre einiges mehr drin gewesen!

Allgemein hätte Ubisoft mit seiner neuen Marke Maßstäbe setzen können. Selten waren Spieler so interessiert an einem Spiel, selten wurde nach einer Ankündigung auf einer E3 mehr gemunkelt. Doch Watch Dogs traut sich zu wenig. Da ist Grand Theft Auto einen Schritt voraus, verpackt Gesellschaftskritisches humorvoll und erntet so Applaus. Mit der vollständig vernetzten Zukunft, in denen professionelle Hacker alles über einen erfahren, die Daten gebrauchen oder gar missbrauchen können, hätte Watch Dogs einiges mehr machen können. So bleibt das Thema „nur“ Spielelement, von der Bewertung bleibt mir das Spiel viel zu oberflächlich.

Einige Features im Spiel sind mir auch nicht ganz klar geworden: Da wäre einmal das Moralsystem. Für mich ist das Moralsystem eine unnötige Leiste in der oberen rechten Ecke des Bildschirms. Je nachdem ob ihr einen negativen Ruf habt oder nicht, reagiert die Gesellschaft anders auf euer Erscheinen. Die Auswirkungen gehen dennoch gegen null.

Außerdem ist mir nicht ganz ersichtlich, wofür man das viele Geld braucht. Klar macht es am Anfang Laune, die Mitmenschen per einfachem Tastendruck zu bestehlen und das Geld an einem nahe gelegenen Bankautomaten abzuheben. Aber schnell wird klar, dass wir das ganze Geld gar nicht ausgeben können. Schließlich sind Waffen nicht wirklich teuer und außerdem bekommen wir sie auch im Spielverlauf nachgeschmissen.

Wir können übrigens umso mehr Geld abheben, umso mehr Skill-Punkte wir in diese Richtung investieren. Mit 50 Fähigkeiten ist der Fähigkeiten-Baum groß und die Auswahl und Vielfalt ist Rollenspiel-technisch durchaus sehenswert. Allerdings ist mir hierbei nicht ganz klar geworden, warum man auch Skill-Punkte hinterher geschmissen bekommt. Letztendlich kann man den ganzen Fähigkeitenbaum freischalten, ohne dabei auf ein wichtiges Feature verzichten zu müssen. Das ist hingegen Rollenspiel-untypisch.

Niemand entkommt Aiden Pearce und seinem Schlagstock!

Multiplayer

Werfen wir abschließend einen Blick auf den Multiplayer. Denn wenn die K.I in Gefechten versagt (zugegebenermaßen nicht so schlimm wie in Wolfenstein: The New Order), versucht man es halt gegen menschliche Gegner. Und dabei macht Watch Dogs wirklich Spaß.

Sind wir gerade im Singleplayer unterwegs und jagen mit unserem Wagen über den Highway, bekommen wir plötzlich das Zeichen, das sich ein Fixer in unser Spiel gehackt hat. Ein eingefärbter Kreis auf der Karte zeigt uns den ungefähren Aufenthaltsort. Fahren wir also dort hin und stellen uns dem Hacker. Dieser versucht uns Informationen zu klauen, wir müssen ihn finden, bevor er unser Handy infiltrieren kann. Haben wir den Hacker entdeckt, müssen wir ihn ausschalten. Das ist keineswegs immer so einfach wie es klingt. Denn der Hacker kann die Umgebung genauso beeinflussen wie wir selbst, wodurch sich mitunter adrenalingeladene Verfolgungsjagden ergeben.

Selbstverständlich können wir selber auch in ein gegnerisches Spiel einsteigen und versuchen, die Daten des ansässigen Spielers zu stehlen.

Neben Hacking-Aufträgen können wir uns auch mit anderen Hackern treffen oder Rennen starten. Mit der Companion App können Smartphone und Tablet-Besitzer außerdem in das Spielgeschehen eingreifen. Während Besitzer der Konsolen- oder Pc-Version Checkpoints auf der Karte abfahren, legen die Nutzer der Companion App uns fallen in den Weg, schicken mehr Polizei, schalten Ampeln auf grün. Das klappt wunderbar und ist ein sehr interessantes Feature.

 

Fazit:

 

Die Erwartungen an Watch Dogs aus dem Hause Ubisoft waren groß. Zu groß, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Watch Dogs macht gar nicht viel verkehrt, es bietet unterhaltsame Open-World-Kost verpackt in einer schick anzusehenden Grafik. Das Feature Hacking integriert diese Kulisse recht glaubhaft in die Spielwelt, was außerordentlich gut funktioniert und kleine Details, wie das Fernzünden von Granaten erschaffen immer wieder neue Möglichkeiten, eine Mission anzugehen.

Trotzdem fehlt etwas! Die ganze Geschichte über habe ich darauf gewartet, dass ich mit Aiden Pearce warm werde. Leider ist das nicht passiert, dafür ist er als Charakter viel zu uninteressant. Zu viel dreht sich alles um die Rache für den Tod seiner Nichte, zu wenig wird die Thematik und die Auswirkungen der vollständigen Vernetzung thematisiert.

Spielerisch macht Watch Dogs nicht viel verkehrt, wirkt zwar an der einen oder anderen Ecke mit Moralsystem und unzähligen Minispielen etwas überladen, doch darüber kann man noch hinwegsehen.

Doch ich hätte erwartet das gerade die Storyline das Aushängeschild der Serie würde, mit dem neuen unverbrauchten Thema. Leider ist die Story zum schwächsten Glied mutiert.

Indes: Die Möglichkeit, sich in ein anderes Spiel zu hacken und dort einen anderen Aiden Pearce seiner Daten zu erleichtern, ist hingegen sehr spaßig und wird sicherlich auch auf Dauer nicht langweilig werden.

 

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