Early Access Games – Eine Investition in die Zukunft?

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Man stelle sich vor, man kauft ein Buch. Nach dem Kauf bekommt man die ersten beiden Kapitel zu lesen, der Rest wird in unregelmäßigen Abständen nachgeliefert. Immerhin: für weitere Kapitel muss man nicht erneut bezahlen. Aber beim Kauf weiß man eigentlich noch garnicht so recht, in welche Richtung sich die Story entwickeln wird und wie überhaupt so die Güte des Werkes ist. Klar, es ist eine Abenteuergeschichte. Mit Zombies. Aber bisher das spannendste an dem ganzen Buch: die Frage, ob es überhaupt je fertiggeschrieben wird.

Man stelle sich vor, man bestellt ein Buch vor. Man bezahlt sofort, aber dafür darf man auch sofort nach der Bestellung schon alles lesen, was der Autor bis dahin zu Papier gebracht hat. Klar, es sind noch Rechtschreibfehler drin und einige Passagen sind vielleicht noch unvollständig oder werden vor der finalen Veröffentlichung ganz gestrichen. Aber so nah war man noch nie dran an der Entstehung des nächsten Bestsellers! Man kann sogar Feedback geben und darauf hoffen, dass dieses in die weitere Geschichte einfließt.

Wer diese Zeilen hier liest, weiß eh längst, wohin der Vergleich geht, denn man ist interessiert an Videospielen und kommt an einem der großen Sachen derzeit kaum noch vorbei: Early Access. „Erfunden“ von Mojang’s Markus Persson, der seine Prototypen von Minecraft „as is“ zum Verkauf angeboten hat, als die erste Version Spielern die Möglichkeit bot, zwei Klötzchen aufeinander zu stapeln. Minecraft wurde auch preislich stetig erweitert: die Alpha war 50% billiger, die Beta noch 25% und erst seit Release wird der Vollpreis für das Spiel verlangt. Die Rechnung ging auf: Persson ist reich, viele Spieler sind nach wie vor begeistert von Minecraft und dem immernoch anhaltenden Feature-Influx durch Mojang.

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Minecraft – Verkauft via Early Access, bevor es den Begriff überhaupt gab…

Das System hat sich etabliert mit weiteren mehr oder weniger großen Erfolgsgeschichten. Doch inzwischen ist Early Access auch ein Tummelplatz für Betrüger und Träumer, die offensichtlich keine Vorstellungen von den Dimensionen der geplanten Projekte haben. Auch ist es längst nicht mehr selbstverständlich, dass Spiele im Early Access billiger sind als zu Release – im Gegenteil, selbst Free 2 Play Spiele schwimmen auf der Bananenwelle mit. Man darf sich in die Alpha eines Gratisspiels einkaufen! Es ist also alles schlechter geworden im Jahr fünf nach Minecraft Alpha.

Und es geht weiter bergab: inzwischen gibt es neben den bereits erwähnten Gaunern, die mit mies zusammengezimmertem Unity Engine-Murks (der in diesem Falle nicht mal als Early Access Spiel gekennzeichnet ist!) tatsächlich noch einigen unbedarften Spielern das Geld aus der Tasche ziehen, auch noch die Abbrecher. Die Spiele jener Zunft werden einfach nicht mehr weiter entwickelt – aber es wird schonmal öffentlich über eine Fortsetzung nachgedacht…

Eine Plattform, die inzwischen voll auf den Early Access-Zug aufgesprungen ist, ist Steam. Hier tummeln sich regelmäßig Early Access-Spiele in der Bestenliste und werden auf der Frontpage beworben. Immerhin: in Extremfällen hat Steam sogar erzürnten Kunden den Kaufpreis zurückerstattet und die Spiele von der Plattform verbannt, wenn es sich um offensichtliche Programmcode-Frankensteins gehandelt hat oder der Hersteller mit bereits implementierten Features geworben hat und dies schlicht nicht wahr war.

Die Steam Top 10 am 12.06.2014, darunter vier Early Access Titel („The Forest“, „DayZ“, „The Stomping Land“, „Rust“)

Doch jetzt geht Steam erstmals in die Offensive in Sachen Early Access. In einer neuen Iteration der FAQ ist zu lesen, dass man bei einem Early Access-Kauf genau das kauft, was man in dem Moment in die digitale Hand gedrückt bekommt – nicht mehr und nicht weniger. Und mit keinerlei Garantie, dass aus der Alpha irgendwann ein vollwertiges Spiel wird.

Bevor jetzt jemand zu den Mistgabeln greift und sich nach Washington aufmacht, sollte man die Situation und die neue (offizielle) Haltung von Valve genau reflektieren. Early Access wie auch Crowdfunding waren – und sind es in den meisten Fällen noch immer – eine gute Möglichkeit für kleine Spieleschmieden und Indie-Entwickler, die Entwicklung eines interessanten Spiels finanzieren zu können, ohne sich mit einem Publisher einlassen zu müssen. Wobei Crowdfunding die sicherere Alternative ist, denn immerhin werden die finanzierten Programme hier unter Garantie fertiggestellt oder kommen bei mangelndem Interesse gar nicht zustande.

Early Access wird aber inzwischen auch immer häufiger als Privileg verkauft. Das Privileg, ein potenzielles Spiel spielen zu können, bevor es fertig ist, vielleicht sogar mit eigenem Input aktiv den Kurs der Entwicklung zu beeinflussen. Und es scheint sich ein Umdenken im Kopf der Spieler zu vollziehen hin zu der Ansicht, dass Early Access Spiele doch schon so irgendwie vollwertige Spiele sind, denen die Entwickler nach und nach noch weitere Features hinzufügen. Und genau hier könnte die FAQ-Änderung von Valve sogar entgegenwirken.

Sie setzt „Paid Alpha“ erstmals gleich mit WYSIWYG. Es widerspricht der inzwischen romantisch verklärten Ansicht vieler, dass man den Entwicklerhelden mit ihren großen Ideen nur früh genug möglichst viel Geld entgegenwerfen muss, damit sie das Spiel ihrer und sowieso der Träume aller Spieler entwickeln, runter auf vertraglich bindende Nutzungsbedingungen: Zahlst du für eine Alpha, bekommst du eine Alpha. Ob Bestseller oder nicht. Alles weitere steht bisher, wenn überhaupt, in den Sternen. Valves offizielle Haltung zu Early Access ist also auch ein Eingeständnis. Man kann keine Garantie dafür geben, dass das Spiel so wird wie es sich die Entwickler oder die Spieler vorstellen. Man kann überhaupt nur so grade dafür garantieren, dass Käufer etwas für ihr Geld bekommen. Irgendetwas.

Natürlich ist das ganze in allererster Linie ein Versuch von Valve, sich selbst abzusichern. Es geht ihnen nicht primär, wenn überhaupt, darum den Spielern endlich mal die Augen zu reiben. Aber dennoch ist das ein netter Nebeneffekt und ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn ich persönlich mir gewünscht hätte, dass Valve diesen an einem öffentlichkeitswirksameren Ort getan hätte, zum Beispiel in ihrer Top 10 zwischen Zombies, Wäldern und Dinos.

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