Tex Murphy Tesla Effect im Test

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Tex Murphy – Tesla Effect Molten Silhouette

Tex Murphy ist dank Kickstarter nach 16 Jahren zurück, zurück aus den 90ern! Ihr kennt Tex Murphy nicht? Dann wird es Zeit ihn  in Tex Murphy Tesla Effect kennenzulernen! Zumindest wenn ein Herz für das Adventure-Genre in eurer Brust schlägt, ihr auf FMV-Games (Full Motion Video, also Videos mit echten Schauspielern) und auf B-Movie Charme steht. Für die Rückkehr des Mantel und Fedora tragenden Detektivs, der im Jahr 2050 ermittelt, haben sich die alten Entwickler und Schauspieler wieder zusammengefunden. Doch auch wenn die Band wieder zusammen ist, muss damit einhergehend nicht auch automatisch alles gut werden. Für die Spieler, bei denen das Auge genreunabhängig stets mitisst, ist dieses Spiel von Big Finish Games leider alles andere als eine Offenbarung.

Kickstarter für den Speeder

Innerhalb von knapp drei Wochen war das Finanzierungsziel erreicht und fast zwei Jahre später erscheint mit Tesla Effect nach 16 Jahren Pause ein neues Spiel um den oft auch etwas ungeschickten Privatdetektiv. Die Handlung findet im Jahr 2050 in New San Francisco statt, einer Welt, in der fliegende Autos (auch Speeder genannt), Mutanten und Hologramme den Alltag darstellen. Serientypisch nimmt sich auch dieser Ableger selbst nicht zu ernst: der Humor ist der ständige Begleiter von Tex, neben seinem digitalen Assistenten Smart Alex. Dieser lockert die Situationen durch gekonnt lustige Kommentare immer wieder auf. Da wird Tex Bildschirmtod gerne mal kommentiert mit „das ist dein Bluescreen des Todes“ oder mit „Endlich, wirst du den großen Fürst Shodan treffen!“.

Immer wieder tauchen Referenzen zu anderen Spielen und der Popkultur auf.

Von diesen Bildschirmtoden gibt es eine Menge, aber dank der automatischen Speicherpunkte kann man im Grunde immer an der Stelle direkt vor dem Game Over weiterspielen. Freies speichern ist aber auch möglich. Überhaupt finden sich immer wieder lustige Anspielungen auf die aktuelle Popkultur und Rückblenden auf ältere Teile der Serie. Da liest ein Informant, der Alien-Fanatiker ist, ein Buch mit dem Titel „50 Shades of Grey“, auf das ein Alien aufgedruckt ist oder Tex macht sich über den Selfiewahn von vor 50 Jahren lustig. Bei den Rückblenden werden die original Videos aus den alten Teilen eingespielt, wo sofort die überragende Qualität der HD-Videos von Tesla Effect klar wird. Überhaupt steckt der größte Reiz am Spiel in den Videos, da dort eher wenig bis gar nicht bekannte Schauspieler eingesetzt werden, deren schauspielerische Fähigkeiten meistens mehr als nur zu wünschen übrig lassen.

Mal wird viel zu intensiv gespielt und dann wieder fast gar nicht. Von dem lächerlichen Make-up braucht man gar nicht erst zu sprechen. Aber genau diese Dinge sind es, welche die liebenswerte B-Movie Atmosphäre aufkommen lassen. Ähnlich wie schon in der Command & Conquer Serie erwarten den Spieler hier Zwischensequenzen, die man mit etwas Affinität zu B-Movies einfach nur mögen kann.

Vom Chocoholic zum Geschäftsmann. Respekt!
Wie viel Spiel steckt im Spiel?

Aber die nun lange genug beschriebenen Videos stellen nur einen Teil des Spiels wieder. Denn im Grunde besteht das Spiel aus zwei Teilen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Während in den Videos auch die Dialoge mit den Charakteren geführt werden müssen, um weitere Informationen zu bekommen und Ereignisse auszulösen, müssen auch typische Adventure-Aufgaben erledigt werden. Dazu gehört das Sammeln und kombinieren von Gegenständen und das Lösen von Rätseln. Dies geschieht mal unter zur Hilfe Name der notwendigen Gegenstände oder Nutzung der Informationen aus den Gesprächen.

Daneben warten aber auch diverse Schiebe- und Schalterpuzzles. Immer wieder trifft man auf verschlossene Türen und Mobiliar. Dann gilt es entweder den richtigen Schlüssel in Form einer Schlüsselkarte oder die richtige Kombination für das Zahlenschloss zu finden. All diese Rätsel sind meistens logisch und fair aufgebaut. Das Passwort für einen Computer entnehmen wir z. B. dem Bilderrahmen daneben oder eine Notiz mit einer Rechenaufgabe liefert uns den dreistelligen Code für einen Safe. Vor allem in der Mitte des Spiels steigt die Lernkurve plötzlich steil an und fordert ohne dabei zu überfordern.

Worum geht’s?

Tex wacht mit einer mächtigen Beule am Kopf in seinem Büro auf und schnell wird klar, dass hier mehr als nur ein heftiger Hangover der Grund für seinen Gedächtnisverlust darstellt. Kaum sind im ersten kleinen Kapitel alle Hinweise gesammelt und die Nachbarschaft auf der Chandler Avenue besucht worden steht fest: Tex hat einen Filmriss von ganzen sieben Jahren! Von da an wirft eine ganze Zeit lang jede beantwortete Frage erstmal viele weitere Fragen auf, ehe die Geschichte um Gangster, Kunstsammler, Sektenführer und verrückte Wissenschaftler sich immer weiter zuspitzt, bis zu einem grandiosen Finale.

Viel mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht über die Story verraten, um etwaige Spoiler zu vermeiden. Klar ist aber: die Geschichte wird von Tag zu Tag abgedrehter und immer mehr skurrile Figuren treiben plötzlich ihr Unwesen in New San Francisco!

Wie viel Spiel darf es denn sein?

Hier müssen mit Hilfe der Schalter in der Mitte beide Seiten mit 100% Energie versorgt werden.

Es stehen beim Start zwei verschiedene Spielmodi zur Auswahl, die innerhalb des Spiels nicht mehr gewechselt werden können. Im Casual-Mode werden funkelnd alle aufhebbaren Gegenstände im Licht der Taschenlampe und das auch durch Schubladen etc. hindurch, hervorgehoben. Daneben können die zahlreichen Schalter-, Schieberätsel übersprungen werden. Solltet ihr einmal überhaupt nicht mehr wissen, wie ihr weiterkommt, könnt ihr euch zu den offenen Aufgaben Hinweise geben lassen. Im Gamer-Mode sind alle vorgenannten Möglichkeiten deaktiviert und die Taschenlampe dient nur noch dem erhellen der Örtlichkeiten.

Technik aus den 90ern?

Abseits der HD-Videos lässt die Grafik leider sehr zu wünschen übrig. Vom Designstandpunkt her passt alles sehr gut zusammen und spiegelt die gewollt trostlose und runtergekommene Atmosphäre der Chandler-Avenue sehr gut wieder. Auch ein Großteil der anderen Handlungsorte sind toll entworfen, schwanken teilweise aber stark was die grafische Qualität angeht. In einigen Abschnitten kommt sogar richtig Gruselstimmung auf, wenn das meiste im Dunkeln liegt und immer wieder bedrohliche Schreie und klopfen aus der Ferne zu hören sind. Nähert man sich aber einer Wand und kommt damit in näheren Kontakt mit den Texturen kommt schnell die Frage auf, ob nicht nur die Video-Rückblenden aus dem letzten Titel von vor 16 Jahren stammen.

So hässlich kann das Spiel sein, wenn man den Texturen zu nahe kommen muss.

Wirklich HD ist hier nichts. Es gibt keine nennenswerten grafischen Effekte. Selbst die Licht Effekte der Taschenlampe wirken antiquiert. Überreste von Gegenständen oder Charakteren aus den Videos, die nach einer Sequenz in der Spielwelt liegen, haben meistens nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, was man vorher im Video gesehen hat. Hier muss dringend für den nächsten Teil der Serie nachgebessert werden. Aber hat man sich nach den ersten ein bis zwei Stunden an diese Grafik gewöhnt, fällt sie bis auf wenige Totalaussetzer auch nicht mehr auf. Dafür sind die Systemanforderungen human und das Spiel läuft technisch insgesamt rund. Während des Tests ist kein einziger Absturz oder irgendein anderer Bug aufgetreten.

Fazit

Ich bin heilfroh, dass ich dieses Spiel in die Hände bekommen habe! Ich muss zugeben, dass ich trotz meiner Adventure-Wurzeln dem Genre, abseits der Telltale Titeln, zugunsten von Action-Adventures, Shootern und Rollenspielen sehr lange schon den Rücken gekehrt habe. Tesla Effect hat mir gezeigt, dass es auch abseits von The Walking Dead, The Wolf Among us und anderen Titeln wie Beyond noch Adventures gibt, bei denen sich nicht die Diskussion aufdrängt, ob es sich nicht eher um einen interaktiven Film handelt. Hier werden noch Items gesammelt, kombiniert und benutzt sowie fordernde Kopfnüsse geknackt! Da holt man auch schon mal einen Block und einen Stift raus, um sich verschiedene Lösungsideen zu skizieren! Der zündende Humor, die tolle, teils sogar etwas gruselige Atmosphäre haben mich gemeinsam mit der wendungsreichen und spannenden Geschichte stets zum Weitermachen motiviert. Gruselig ist leider auch die Grafik, was in dem Preissegment von knapp 20 € aber auch zu verschmerzen ist. Gruseliger als die abgrundtief hässliche Grafik, die aber im Design die Atmosphäre der Spielwelt gut überträgt, ist die deutsche Übersetzung. Wobei ich mich da zum einen auf die fehlende deutsche Sprachausgabe beziehe sowie zum anderen auf die völlig nutzlosen deutschen Untertitel, die scheinbar durch ein 16 Jahre altes Übersetzungsprogramm erstellt wurden. Fans von B-Movies und klassischen Such-Sammeln-Lösen-Adventures sollten zugreifen! Fans von Tex haben geradezu die Pflicht sich diesen Titel ins Haus zu holen! Selbst im Casual-Mode werdet ihr locker 10-12 Stunden gut unterhalten, so dass man hier nur von einem mehr als sehr guten Preis-Leistungsverhältnis sprechen kann.

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