Sniper Elite 3 im Test

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Palmen rauschen im Wind, die nordafrikanische Sonne brennt unerbittlich auf den Wüstensand. Der Stahlhelm der Wehrmacht Patrouille in 60 Meter Entfernung zeichnet sich deutlich im Fadenkreuz meines Scharfschützengewehrs ab. Im Hintergrund rattert ein Generator, ich warte den Moment ab indem das defekte Gerät den stärksten Lärm macht, atme einmal tief ein, entleere meine Lungen und drücke ab…

Darf ich vorstellen: Die X-Ray-Bullet Cam

…in Zeitlupe jagt die Kugel unaufhaltsam seinem Opfer entgegen. Es ist klar: Dessen letzte Sekunde hat geschlagen. Die „Bullet-Cam“ stellt dann anschließend in schonungsloser, fast schon chirurgischer Präzision die Auswirkung des Projektils auf den Körper des Opfers dar. In einer „Röntgensicht“ werde ich so zeuge der tödlichen Wirkung meines Angriffs. In Abhängigkeit vom Eintrittsort der Kugel, zerbersten Schädeldecken, implodieren Lungen oder brechen Rippen, teilweise sogar mit korrekt deformiertem Projektil beim Verlassen der Austrittswunde…gruselig, aber auch nur konsequent. So etwas hat es vorher noch nicht gegeben in einem Spiel das für den deutschen Markt freigegeben wurde, außer: Beim Vorgänger (!) …nur haben das die allermeisten vermutlich gar nicht mitbekommen (selbst wenn sie in dessen Besitz waren) und das kam so:

In einer Art vorauseilendem Gehorsam hatte der Publisher 505 Games seinerzeit eine bereits entschärfte Version zur Prüfung vorgelegt. Die erhielt dann auch die USK 18 Freigabe. Nun hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) die internationale Version aber niemals indiziert und so war eine Neuprüfung dieser Version zulässig. Weil die BPJM darin dann aber gar keinen übermäßig gewaltverherrlichenden Inhalt sah, wurde eine erneute Prüfung bei der USK möglich. In der Folge ist dann auch jene ungeschnittene Version mit einer „Ab 18“-Freigabe geprüft und freigegeben worden. Kurzerhand stellte man den Besitzern das Bullet-Cam Upgrade kostenlos per Steam-Download zur Verfügung.

Die Idylle trügt: Der Tod lauert hier an jeder Ecke.
Die Idylle trügt: Der Tod lauert hier an jeder Ecke.

Fortan war auch in den Ruinen Berlins Snipern per Bullet Cam möglich, aber nur für die wenigen, die davon Wind bekommen hatten. In der Hitze Afrikas ist diese Option nun von Beginn an freigeschaltet (auf Wunsch aber auch deaktivierbar), soviel als kleiner Exkurs in die unergründlichen Weiten der Zensur, weiter geht’s auf den Spuren der Wüstenschlachten von El Alamein und Tobruk.

Unverbrauchtes Szenario

Unverbraucht? Allerdings, denn bis auf einige erste Level von Call of Duty 2 ist mir kein FPS in Erinnerung das den Wüstenfeldzug thematisiert. Im übrigen mutet ein Weltkriegs-Szenario in der Flut der „Modern-Age-Combat-Games“ mittlerweile eh schon längst wieder „frisch“ an. Hinzu kommt das Rebellion seine Serie deutlich verbessert hat. In den beiden Vorgängern tobte man sich in den Häuserschluchten des zerstörten Berlins aus. Die Schlaucharchitektur der Level viel da weit weniger deutlich ins Gewicht, wie dies nun in den weiten der algerischen/ägyptischen Steppe der Fall gewesen wäre.

And now, the end is near...I have to face the final curtain...
And now, the end is near…I have to face the final curtain…

Konsequenterweise profitiert ihr nun von einer deutlich offeneren Levelstruktur die euch viel mehr Freiheiten bei der Planung eurer Angriffe lässt. Die Vorgehensweise ist dabei stets dieselbe: Zunächst verschafft man sich einen Überblick indem mit dem Feldstecher die Lage sondiert wird. Dabei sollten Wachposten markiert werden, denn das hat den großen Vorteil, dass ihr diese dann später in Form einer weißen Silhouette auch durch Wände hindurch ausmachen könnt. Anschließend solltet ihr strategisch vorgehen, improvisieren ist nur angesagt, wenn es die Situation unbedingt erfordert. Je nach Szenario und Aufgabenstellung ist dann mal mehr „Sam Fisher“ angesagt oder auch mal etwas „Ghost Recon“, aber nie „Battlefield & Co“.

Die Mischung machts…

Was mir in den 10-15 Stunden Spielzeit besonders gefallen hat, ist die gute Mischung aus Stealth und Action. Speziell die Nachteinsätze sind natürlich darauf ausgerichtet, das möglichst unauffällig agiert werden soll. Dennoch führt eine Enttarnung auch hier nicht zwangsläufig zum Scheitern. Je nach Schwierigkeitsgrad habe ich auch während eines Alarms Möglichkeiten zu entkommen, mich zu verstecken und abzuwarten bis die Wachen wieder in ihren normalen Trott verfallen.

Die X-Ray-Bullet Cam in Action: Fies aber eben auch realistisch.
Die X-Ray-Bullet Cam in Action: Fies aber eben auch realistisch.

Die KI schwankt dabei zwischen „Dumm und Dümmer“ und „A genious Mind“ um mal mit Filmtiteln zu spielen. Fakt ist: Die KI ist tatsächlich sehr wankelmütig. Ich habe Situationen erlebt wo Wachen mich mit Adleraugen erspähten und sich dann auch recht schwierig abwimmeln ließen. Andererseits habe ich auch erlebt wie ich eine Wache quasi direkt neben einer zweiten per Nahkampf gemeuchelt habe und sein Kamerad seelenruhig weiter an seiner Fluppe gezogen hat. Überhaupt der Nahkampfangriff: So schwach die schallgedämmte Pistole im Spiel ist (nur auf kürzeste Distanz ist diese „Wasserpistole“ wirklich effektiv), so tödlich ist die Attacke aus dem Hinterhalt. Sie führt grundsätzlich immer zum Erfolg, auch frontal und auch wenn der Gegner bereits auf uns aufmerksam geworden ist. Damit ist der Nahkampf eindeutig zu machtvoll im Spiel. In den Tageseinsätzen kann dann auch gerne etwas rustikaler zu Werke gegangen werden. Da kommt dann auch schon mal die automatische Schnellfeuerwaffe MP40 oder auch die gute alte Thompson zum Einsatz.

Die Nahkampfattacke ist die vielleicht am häufigsten verwendete „Waffe“ im Spiel.
Die Nahkampfattacke ist die vielleicht am häufigsten verwendete „Waffe“ im Spiel.
Panzer ausschalten? Kein Problem…

Schon in der allerersten Version (die ich vor gut zehn Jahren für die Computer Bild Spiele getestet hatte) ließen sich Panzer per gezieltem Schuss auf den hinteren Tank ausschalten. Das Prinzip haben die Entwickler beibehalten aber deutlich verfeinert. So muss ein Panzer nun an verschiedenen Stellen getroffen werden um ihn Kampfunfähig zu machen, dabei gibt es nun ebenfalls Bullet-Cam Sequenzen! LKW und Halbkettenfahrzeuge sind nun ebenfalls auszuschalten und es gibt ein größeres Arsenal an Sprengwaffen, Sprengfallen, Personen und Fahrzeugminen sowie Dynamit oder Granaten.

Die Grafik ist absolut auf Höhe der Zeit, da gibt es nichts zu beanstanden.
Die Grafik ist absolut auf Höhe der Zeit, da gibt es nichts zu beanstanden.

Das Nordafrika-Szenario wird also wortwörtlich zu einem sehr heißen Pflaster. Apropos Szenario: Was hier auf dem PC oder den Next Gen Konsolen auf den Bildschirm gezaubert wird kann sich wirklich sehen lassen und braucht den Vergleich mit der Crytek Engine bspws nicht zu fürchten. Seit Far Cry 3 wurde Afrika nicht mehr so eindrucksvoll in Szene gesetzt. Dabei beweisen die Entwickler viel Liebe zum Detail und auch bei der historisch korrekten Darstellung von Fahrzeugen, Uniformen und Waffen hat man sich nichts zu schulden kommen lassen, Chapeau!

Ich fühlte mich ein ums andere mal an Uncharted erinnert, wo ich mich in solch traumhafter Umgebung lieber in die Sonne gelegt hätte, als meinen Gegnern den Rückflug im Leichensack zu bescheren. Das besondere: Auch auf betagten Rechnern liefert die Engine noch herausragende Ergebnisse, eine potente Grafikkarte vorausgesetzt. Die Geräuschkulisse liefert ebenfalls keinen Grund zur Beanstandung. Die Sprachausgabe ist gelungen und die Waffen haben mächtig „Wumms“. Insgesamt ein rundum gelungener historischer Ausflug auf die Schlachtfelder von Tobruk und El Alamein.

Fazit:

Rebellion macht in seiner dritten Auflage ihres Sniper-Epos grundsätzlich kaum etwas falsch. Die Serie ist nach wie vor etwas realistischer als das Pendant von City Interactive (Ghost Warrior) mit dem es immer gern verwechselt wird. Das einzige was einer wirklichen Top-Wertung im Wege steht ist die wankelmütige KI. Wenn bspws. eine Wache einen toten Kollegen findet, so sollte das auch wirklich zur allerhöchsten Warnstufe führen. Stattdessen verfallen die Soldaten schon nach kurzer Zeit wieder in ihre alte Routine. Die Option Leichen auch zu verstecken ist damit so gut wie obsolet. Die Inszenierung ist indes über jeden Zweifel erhaben, man hat jede Minute das Gefühl in Nordafrika um die Freiheit Europas zu kämpfen.

Auch der ausbalancierte Multiplayer sorgt noch lange nach dem ersten Durchspielen für Spaß und dank optionalen Nebenmissionen und fünf Schwierigkeitsgraden ist der Wiederspielwert ebenfalls sehr hoch. Das die Hintergrundgeschichte nicht immer schlüssig und konsequent verwoben scheint, empfinde ich nicht als dramatisch. Ein Last of Us kann und muss man von einem Weltkriegs-Shooter im Preissegment von 24-50 Euro auch nicht erwarten. Gute Unterhaltung indes schon und die bekommt ihr auf jeden Fall, Sniper Elite 3 bietet genau das, was man erwarten darf und noch ein bisschen mehr.

UPDATE: Nach einem freundlichen User-Hinweis, haben wir die native  Stereoskopische 3D – Unterstützung auf der PS3/PS4 ausgiebig getestet und sind begeistert! Lupenreines, echtes 3D! Wunderbare Tiefeneffekte, die insbesondere die Bullet-Cam nochmal ein beängstigendes Stück realistischer wirken lassen. Dies ist um so verwunderlicher, als dass das stereoskopische 3D der PC-Version nicht gelungen ist, um nicht zu sagen: Unspielbar ist. (Das hatten wir uns nämlich durchaus vorher angeschaut). Und ebenso wenig wie dies zu einer Abwertung geführt hatte, führt dies nun zur Aufwertung, aber PS4 und PS3 Spieler mit 3D TV sollten diese Option unbedingt einmal aktivieren…Hammer!

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