Divinity: Original Sin im Test-Tagebuch

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Der neustes Ableger der Divinity-Reihe der Larian Studios, mit dem Titel Divinity: Original Sin, ist nach längerer Early Access Phase und teilweise finanziert durch eine Kickstarter-Kampagne nun in der fertigen Fassung erschienen. Ob die Backer bei Kickstarter und auch alle andere Rollenspielfans das bekommen, was sie von einem Rollenspiel erwarten und sich vielleicht gewünscht haben, erfahrt ihr in unserem Test.

 

Das erste Test-Tagebuch bei talk about games!

Das Spiel ist extrem umfangreich und wird daher auch etwas mehr Zeit für den Test beanspruchen, als ihr es bisher von der TAG-Redaktion gewohnt seid. Aus diesem Grund baue ich den Test als eine Art Tagebuch auf und versuche euch regelmäßig mit Updates zu versorgen, bis das endgültige Testergebnis feststeht.

Tag 1 & 2: Installation, Downloadprobleme und die ersten Schritte in Rivellon

Die Entwickler der Larian Studios erweitern ihr Divinity-Universum bereits seit Jahren immer weiter. Die Reihe umfasst mitsamt dem neusten Teil bereits fünf Spiele sowie ein Addon. Neben den Action-Rollenspielen Divine Divinity und Beyond Divinity wurde die Serie mit Divinity II: Ego Draconis und dem zugehörigen Addon Flames of Vengeance auch als Third-Person-Rollenspiel fortgeführt. Mit Dragon Commander, das zeitlich vor allen anderen Titeln angesiedelt ist, wurde das Universum auch um einen Strategie-Titel erweitert. Original Sin spielt nach Dragon Commander und vor allen anderen Spielen und ist, typisch für die Reihe, grundlegend verschiedenen von anderen bisher erschienenen Serienvertretern. In knappen Worten ist Original Sin am ehesten mit Baldurs Gate und Fallout 1 und 2 zu vergleichen: rundenbasierte Kämpfe, viele ausgeklügelte Questreihen und eine bisher ausgefeilt wirkende Geschichte. Am ersten Testtag wurde leider erst einmal nichts aus dem Start des Spiels. Die Installation und Pflicht zur Einbindung in Steam war zwar um ca. 21:00 Uhr abends nach wenigen Minuten fertig, aber es fehlte noch ein Update. Leider ist aufgrund meiner ländlichen Wohngegend der Download von über 6 GB mit ca. 8 Stunden Wartezeit verbunden. Und das auch noch an dem Tag, an dem eine Schafherde, die über die Straße getrieben wurde, dafür gesorgt hat, dass ich 10 Minuten später nach Feierabend daheim war! Am nächsten Tag konnte es aber endlich losgehen: Auf nach Rivellon! Genretypisch geht es dann mit der Charaktererstellung los. Hier muss man gleich zwei Charaktere erschaffen, hat die Wahl zwischen elf Klassen, kann das Geschlecht, die Stimmen und über diverse weitere Möglichkeiten auch die Optik anpassen. Schade nur, dass man die Größe nicht anpassen kann. Ein kurzes Intro aus sparsamen animierten Standbildern berichtet uns von einer Welt, in der es einst die sogenannte Quellenmagie gab. Irgendwas ging schief, sie ging verloren und verdarb diejenigen, die sie angewendet haben. Deshalb wurde der Orden der Quellenjäger geschaffen. Eine Art Inquisition, die Jagd auf Quellenmagier macht, da diese als Bedrohung angesehen werden und deshalb zur Strecke gebracht werden müssen. Wir übernehmen die Rolle von zweien dieser Kopfgeldjäger und sollen im Auftrag des Ordens den Mord an einem Ratsmitglied der Stadt Cyseal aufklären. Nach wenigen Schritten in der Spielwelt hetzen uns ein paar Nekromanten einige Skelette auf den Hals. Kein Problem für meinen Krieger und meine Zauberin: dank der Feuerball-Schriftrolle meiner magiebegabten Dame sind die Skelette bereits in der ersten Runde des Kampfes erledigt, auch wenn der Wirkungskreis des Feuerballs auch die Augenbrauen meines Kriegers ein wenig angesengt hat. Das „friendly-fire“ wird mich in den bevorstehenden Kämpfen sicherlich noch das eine oder andere graue Haar kosten. Wenige Schritte später sind wir auch schon in unserem ersten Dungeon und versuchen herauszufinden, was die Totenbeschwörer dort wohl gemacht haben. Hier lässt Divinity: Original Sin bereits Großes für die kommenden Abenteuer erwarten! Denn wir können Gegenstände in der Spielwelt bewegen, vorausgesetzt unser Stärkewert reicht aus. Statt wie sonst also Fässer und Kisten nur zu plündern oder zu zerschlagen, können wir sie auch aus dem Weg räumen oder zur Lösung von Schalterrätseln einsetzen oder uns für einen bevorstehenden Kampf verbarrikadieren. Eine Mine erzeugt eine tödliche Gaswolke? Einfach eine Kiste auf die Mine stellen und schon kann wieder durchgeatmet werden! Darüber hinaus spielen Elemente eine große Rolle, so lassen sich beispielsweise Öllachen entzünden und Ölfässer zur Explosion bringen, um Feinde in der Nähe erheblichen Schaden zuzufügen. Versperrt uns ein Feuer den Weg, findet ihr in der Nähe vielleicht ein Wasserfass, durch dessen Zerstörung aus gefährlichem Feuer ungefährlicher Wasserdampf wird und wir so unseren Weg fortsetzen können. Das Tutorial im Rahmen der ersten Schritte am Strand und im ersten Dungeon machen sehr viel Lust auf mehr! Ob auch die Story und die Quests überzeugen können? Davon war in den ersten beiden Stunden noch nicht viel beurteilbar. Aber bereits morgen werden wir die Stadt aufsuchen und versuchen den Mordfall zu lösen.

Die Tore von Cyseal! Was uns wohl dort erwartet?

Tag 3 – Orks, Muscheln und Wetterkontrolle!

Die Hafenstadt Cyseal in Rivellon hat es nicht einfach: vor den Toren helfen wir den Legionären im Kampf gegen einige Orks und als wäre die andauernde Belagerung durch diese Grünlinge nicht schon genug, wir Cyseal auch noch von Untoten heimgesucht! Im Kampf gegen die Orks und auch später im Spiel hat sich vor allem das Ausnutzen der Umgebung als effektiv erwiesen. Ein paar Gegner stehen in einer Öllache oder neben einem Ölfass? Ein Feuerangriff später gibt es gegrillten Ork & Co! Selbiges gilt für Wasserfässer gegen Gegner die auf Feuer basieren oder Giftfässer gegen lebende Gegner. Besonders praktisch ist die Fähigkeit Öllachen zu legen, so dass die Kombiniere Öl mit Feuer Taktik noch häufiger angewendet werden kann. Dank dieses Schadeneffekts, der über einige Runden Schaden zufügt, kommen die feindlichen Nahkämpfer erst stark geschwächt in die Reichweite unserer Schwerter.

Nicht jeder Kampf gelingt beim ersten Versuch.

Schnell stellte sich auch heraus, dass Höhenunterschiede taktische Vorteile bieten können und auch die Sichtweite auf Gegner ist wichtig, wenn der Angriffszauber oder ein Pfeil treffen sollen. Nicht selten kam es vor, dass ein Blitzzauber statt dem Gegner auch meine Charaktere gelähmt hat, da diese in einer Linie mit dem eigentlichen Ziel standen. Was tun wenn gegnerische Bogenschützen auf einem Berg über uns stehen und für unsere Angriffe unerreichbar sind? Zurückziehen, außerhalb der Bogenreichweite! Denn dann sucht die KI der Gegner den kürzesten Weg in unsere Nähe, um wieder angreifen zu können. Das Kampfsystem ist einfach erste Sahne, wenn man auf rundenbasierte Kämpfe abfährt, auch wenn Actionfans hier wohl sicher nur die Nase rümpfen würden. Aber die Positionskämpfe, die fordernde KI der Gegner, die sich gegenseitig heilen, Tränke nutzen und diverse Verbesserungszauber anwenden gepaart mit den zahlreichen Angriffs- und Taktikmöglichkeiten lassen das Kampfsystem einfach rund wirken! Hier weiß man genau wenn man einen Kampf verliert, warum dies geschehen ist. Aber weg von den Kämpfen: wir haben die Orks vor Cyseal erledigt und werden sogleich vom örtlichen Zauberer begrüßt, der sich für unsere Hilfe bedankt und uns zur Aufklärung des Mordes an Ratsmitglied Jake beim Orden angefordert hat. Die Aufgabe ist klar: mit den Bürgern sprechen, Tatort und Leiche untersuchen und mit dem Befehlshaber der Legionäre sprechen. Was ist das? Im Hafen brennt ein Schiff! Mhm, da war doch irgendwo im Inventar eine Regenschriftrolle. Das Spiel gibt uns zwar keinerlei Hinweis darauf, dennoch können wir das Schiff mit dem magischen Regen löschen und uns so den Dank der Seeleute sichern. Eine klassische Belohnung in Form von Gold oder Ausrüstung gibt es nicht, dafür steigt aber die Sympathie bei einigen der Menschen im Hafen gegenüber unserer Gruppe. Überhaupt kann man einiges tun oder trifft auf merkwürdige Gestalten, deren Nutzen sich erst einmal nicht ergibt. So treffen wir eine sprechende Riesenmuschel die wir selbstlos zurück ins Meer werfen oder finden eine brennende Truhe. Die Truhe brennt? Kein Problem! Ob Schiff oder Truhe, der Regenzauber wird es schon richten! Pustekuchen! Die Kiste macht sich selbstständig und lockt uns auf eine lustige Verfolgungsjagd, deren Ende ich hier nicht verraten möchte. Das Spiel lädt einfach immer wieder zum Experimentieren ein, ohne dem Spieler alles genau zu erklären oder direkt mit der Nase auf die wichtigsten Dinge zu schubsen. Questgeber werden weder auf der Karte noch sonst wo mit einem großen Ausrufezeichen angezeigt. Lediglich wenn der Name einer Person nicht bloß Bürger oder Legionär lautet, sondern einem echten Namen entspricht, ist davon auszugehen, dass hier ein interessante Gespräch möglich ist. Genretypisch nehmen unserer Charakterwerte Einfluss auf unsere Gespräche bzw. erlauben uns bestimmte Antworten. Den Gesprächspartner einschüchtern? Klar, aber nur wenn der Stärkewerte stimmt! Wenn Charaktere der Gruppe unterschiedlicher Meinung sind, führen diese einen eigenen Dialog, an dessen Ende eine Entscheidung steht, wie man dem eigentlichen Gesprächspartner gegenüber auftreten will. Das Treffen mit einem eigentlich harmlosen Ork, der seinen Bruder beerdigt hat und um ihn trauert, führt zu einer hitzigen Diskussion. Denn schließlich hat der Ork erwähnt, seinen Bruder mit einer mächtigen Rüstung beerdigt zu haben. Was also tun? Den Ork in Ruhe trauern lassen oder ihn angreifen und das Grab seines Bruders der guten Ausrüstung wegen plündern?

Wie wollen wir mit dem Ork umgehen? Die Entscheidung wird in der Gruppendiskussion gefällt.

Meine Entscheidung steht fest, aber ob wir als Gruppe auch genauso gegenüber dem Ork auftreten hängt davon ab, wie wir uns im Minispiel Papier-Stein-Schere schlagen. Je nachdem welcher unserer Charaktere dieses Minispiel gewinnt, wird eine andere Antwort ausgewählt. Ich konnte mich durchsetzen und habe den Level 6 Ork mit meiner Stufe 2 Gruppe mal lieber in Ruhe gelassen. Nach den ersten 6 Spielstunden, zahlreichen Kämpfen, Gesprächen und interessanten Fundstücken bleibt der positive Ersteindruck bestehen bzw. hat sich sogar noch verhärtet. Nicht zuletzt die optionalen Nebenquests machen Lust auf mehr. Nur weil wir die Fähigkeit Tierfreund bei einem Stufenaufstieg gewählt haben, können wir nun mit Tieren reden. So erhalten wir z.B. den Auftrag einem verliebten Kater zu helfen, dass Herz seiner angebeteten zu erobern oder können bei der Lösung des Mordfalls auch den Hund des Opfers befragen. Es scheint als hätten wir ständig mehrere Lösungsmöglichkeiten. Denn auch wenn wir nicht alle Gegenstände der Verdächtigen finden konnten, damit der Hund des Mordopfers an ihnen schnüffelt und den Täter identifiziert, so konnten wir den Fall doch auf andere Weise lösen. Ein paar Gespräche dort und die ein oder andere Tür durchschritten, hinter der wir eigentlich nichts zu suchen haben und schon führte uns eine Person aus dem Kreis der Verdächtigen zum vermeintlichen wahren Täter. Eine rundumgelungene Questreihe! Das Konfrontieren des Täters mit unseren Ermittlungsergebnissen erweist sich jedoch als äußerst schwierig, weil wir uns dazu durch Cyreals Wildnis kämpfen müssen. Und die wimmelt ja bekanntlich nur so von Orks, Untoten, wilden Tieren, Verrückten und vielen Geheimnissen. Ein weiterer Tag in Rivellon geht zu Ende, aber bestimmt nicht der Letzte!

Tag 4 – 12: Alles oder Nichts, Bosskämpfe und Crafting!

Eines vorweg: auch die nächsten Spieltage haben an keiner Stelle den bisherigen Spielspaß trüben können! Die Questreihe um den Mord gipfelte in einem bombastischen, sehr anspruchsvollen Bosskampf. Hier wurde nach den ersten Niederlagen schnell klar, dass die Gruppe besser vorbereitet werden muss. Da wurden dann mal fix aus den Zutaten im Inventar per Drag & Drop ein paar Schutztränke hergestellt und im Kampf wurden diverse Beschwörungszauber genutzt, um die Anzahl unserer Kämpfer zu erhöhen. Neben der Herstellung von Tränken und Nahrung ist auch die Herstellung von Waffen und Rüstungen bzw. dem Aufwerten eben dieser Ausrüstung ein Großteil meiner Aufmerksamkeit gewidmet worden. Das Craftingsystem ist, obwohl im Grunde nichts dazu erklärt wird, deutlich leichter verständlich als die Unmengen an Zutaten und Gegenständen im Inventar es vermuten lassen. Gekocht wird an Feuerstellen mit dem Kochtopf und geschmiedet wird an der Schmiede, wie an der in Cyseal. Sind die jeweiligen Fähigkeiten ausreichend, können entsprechend hochwertigere Gegenstände ehrgestellt werden. Daneben hat sich auch die eigentliche, sehr epische, Hauptgeschichte des Spiels geöffnet. Denn im Grunde geht es darum, dass Nichts daran zu hindern die gesamte Raumzeit zu zerstören. Auch die Hintergrundgeschichten unserer beiden Hauptcharaktere bekommen im Rahmen dessen deutlich mehr Tiefe und werfen gleichzeitig unzählige Fragen auf, die im darauffolgenden spannenden und motivierenden Verlauf der Geschichte gelöst werden wollen. Dabei unterstützt uns ein Imp, ein alter Bekannter für Kenner anderer Serienteile und wir erhalten Zugriff auf die Heimstatt. Diese dient als Basis und hier können wir unser Aussehen verändern, Gegenstände lagern oder auch neue Mitglieder für unsere Party anheuern. Darüber hinaus schalten wir mit voranschreiten der Hauptgeschichte immer mehr Räume der Heimstatt frei und treffen dabei auf kuriose Gestalten. Mehr möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten. Auch der manchmal nervige und oftmals gefährliche Zauberer Bellegar kann uns unter Umständen mehr als nur einmal über den Weg laufen.

Fazit

Die Jungs und Mädels der Larian Studios haben es Dank Schwarmfinanzierung geschafft ein Rollenspielmeisterwerk nach der alten Schule zu entwickeln. Gleichzeitig ist es gelungen Ecken und Kanten der alten Tage abzuschleifen, ohne dabei der oftmals befürchteten „Vercasualisierung“, also das Senken des Anspruchs und anpassen an den Mainstream-Geschmack, zu verfallen. Was bleibt ist ein anspruchsvolles, aber stets faires Rollenspiel in einer tollen Welt und mit einer Geschichte, die in Erzählweise und Motivation den Vergleich mit Genre-Primus Baldurs Gate 2 nicht scheuen muss. Hoffentlich zeigt genau dieses Spiel den großen, millionenschweren Publishern, dass es da draußen mit mir und vielen anderen eine große potenzielle Kundenbasis gibt, die genau nach solchen Spielen lechzt. Die Grafik ist gut und wirkt mit der gelungen musikalischen Untermalung und den Gesprächen im Hintergrund wie ein Sog, der den Spieler in seinen Bann zieht. Schade nur, dass außer den Gesprächsfetzen im Hintergrund und den vertonten Zwischensequenzen leider keine Sprachausgabe zu finden ist. Tolle Kämpfe, fast schon vergessene Freiheiten, ein ungewöhnlicher, spaßiger Koop-Modus gepaart mit dem enormen Umfang von ca. 45 Stunden rechtfertigen nichts anders als eine tolle Wertung! Bitte mehr davon!

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