Assassins Creed: Rogue im Test

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Im letzten Jahr hat uns Ubisoft bereits in die Karibik entführt, mit Edward Kenway haben wir die Weltmeere unsicher gemacht und die Seeschlachten aus Assassins Creed 3 wurden primäres Spieleelement. In diesem Jahr entführt uns Ubisoft nicht nur in das von Revolutionen geplagte Frankreich (Assassins Creed: Unity), sondern erneut auf die Sieben Weltmeere. Mit einem brandneuen Protagonisten Shay Cormac entscheidet ihr euch zum ersten Mal innerhalb der Serie gegen die Assassinen und für die Templer. Ob der Kampf innerhalb „feindlicher“ Reihen gelungen ist und auf der Old Gen neues für uns bereit hält, lest ihr hier in unserem Test!

Piraten und Amerika…

1752. Shay Cormac. Ire. 21 Jahre. So oder ähnliche könnte der Steckbrief von Shay Cormac, dem neuen Protagonist des Spiels, aussehen. Mit seinem zarten Alter wird Shay trotzdem auf eine sehr wichtige Mission geschickt. Die Templer verwahren zwei Artefakte der Ersten Zivilisation und das können die Assassinen natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Als Feuertaufe definitiv eine Herausforderung. Und die Herausforderung endet vorerst, als Shay ein komplettes Chaos, ausgelöst eben durch die beiden Artefakte, miterlebt und die Schuld dafür den Assassinen zuweist. Auf beiden Seiten finden wir übrigens alte Bekannte aus Assassins Creed 3, z.B. den jungen Achilles Davenport, Mentor im dritten Ableger der Serie, Benjamin Franklin und William Johnson, sowie Adewale, Assassins in Black Flag.

Wir sind nun also zum ersten mal ein Templer, sofern wir den kleinen Ausflug mit Haytham Kenway nicht mitzählen. Und die doch sehr drastische Wandlung vom Assassinen zum vermeintlichen Bösewicht wird durchaus nachvollziehbar vermittelt. Rund 11 bis 12 Stunden agieren wir im Lager der Templer, segeln mit unserem Schiff über das Meer und plündern an Land und auf dem Wasser. 12 Stunden sind für Assassins Creed-Verhältnisse eigentlich sehr mager. Das ist aber keineswegs ein Nachteil: Die Story ist nämlich durchweg spannend, kompakt und nervt nicht mit unnötigen Längen, wie z.B. in Assassins Creed: Revelations oder Assassins Creed 3. Shay als Charakter ist übrigens wieder ein sehr sympathischer Protagonist, falls befürchtet wird, dass eine Annäherung an Teil 3 aus ihm einen unnahhaften Charakter wie Connor machen würde. Der Ire handelt durchweg schlüssig und glaubwürdig, mit seinem Seemannscharakter hat er aber auch manchmal einen guten Spruch parat.

Viel, aber wenig Neues…

Wollen wir die Spielzeit dennoch in die Höhe treiben, stehen uns dafür Unmengen an Möglichkeiten zur Verfügung: Wir plündern Truhen, sammeln Animus Fragmente ein, räumen Lager aus, nehmen Forts ein, renovieren Gebäude, nehmen Assassinen-Aufträge an, segeln über die Meere in drei verschiedenen Gebiete (Nordatlantik, New York und Nordamerika) und bekriegen uns auf offener See. Es gibt so viel zu tun, dass ein ambitionierter Spieler sicherlich gut 40 Stunden in Assassins Creed: Rogue verbringen kann.

Neuerungen suchen wir allerdings vergebens, zumindest, wenn wir schon den Vorgänger Black Flag gespielt haben. Alles wirkt genauso wie im ersten Piratenabenteuer, das Ganze nur kombiniert mit Elementen aus Assassins Creed 3. Da das Spiel sowieso eine Brücke zwischen beiden Spielen spannt, ist das durchaus nachvollziehbar, etwas Neues wäre trotzdem nicht verkehrt gewesen. So richtig neu sind eigentlich nur zwei Sachen: Der Granatwerfer und die sogenannten Schleicher. Ersteres stellt eine rudimentäre Möglichkeit dar, Granaten zu verschießen. Es gibt Splittergranaten, Schlafgranaten und Berserkergranaten. Letztere machen feindliche Soldaten fuchsteufelswild und sorgen dafür, dass sich die Wachmänner selber an die Gurgel gehen.

Schleicher hingegen sind eine „neue“ Art von Widersacher. Schleicher, wie der Name schon impliziert, verstecken sich vor uns und lauern im Hinterhalt, um uns plötzlich von hinten anzuspringen. Das Wörtchen unerwartet fehlt an dieser Stelle ganz bewusst, da dies keinesfalls unerwartet stattfindet. Euer Bildschirm wird an den Rändern trüb, ein beängstigender Ton erklingt und wir können mit dem Adlerauge und einem Kompass nach den Attentätern Ausschau halten. Das ist alles sehr nützlich, leider leidet bei den ganzen Hilfestellungen die Bedrohung, die die neuen Schleicher ausstrahlen könnten.

Seeschlachten spielen wieder eine entscheidende Rolle in Rogue!

Laster: K.I. und Kletterei…

Das Problem haben aber nicht nur die Schleicher. Assassins Creed- typisch leiden auch die anderen Gegner unter dem viel zu niedrigen Schwierigkeitsgrad in den Kämpfen. Durch das Kontersystem sind selbst große Massen überhaupt kein Problem. Ein Konter hebelt meist die ganze Abwehr der Gegner aus. Zugutehalten muss man dem Spiel, dass ein direkter Kampf gegen 10 Widersacher gleichzeitig so seine Schwierigkeiten mit sich bringt. Aber das kann auch weiterhin nicht der Anspruch sein.

Ein Laster hat Assassins Creed: Rogue also schon mitgetragen. In anderen Sachen hat Ubisoft Sofia, die für dieses Assassins Creed zuständig waren, das Spiel aber etwas abgerundet. So gibt es z.B. keine Missionen mehr, in denen ihr hinter eurem Ziel herlaufen und Gespräche belauschen müsst. Diese Art von Missionen waren in den Vorgängern nämlich allzu nervig, vor allem weil sie keine Seltenheit darstellten. Auch die Missionsziele wirken im Abschluss der Kenway-Saga sehr abwechslungsreich, einmal sprengen wir Giftgas-Behälter in die Luft, ein anderes mal eskortieren wir einen Freund über eine Insel oder fliehen durch eine einstürzende Stadt, wieder ein anderes Mal trägt uns der Wind in eine fulminante Seeschlacht gegen ein riesiges anderes Schiff.

Apropos Seeschlachten! Die Morrigan lässt sich nun um einiges besser steuern, als noch die Jigsaw aus Black Flag. Schwergängig, aber nicht mehr schwerfällig. Aufrüstbar ist unser fahrbarer Untersatz ebenfalls.

Wo das Schiff sich besser steuern lässt, macht uns Shay mit manchen Hopsern manchmal einen Strich durch die Rechnung. Die meiste Zeit über sind die Bewegungen zwar gewohnt flüssig, aber in manchen Situationen trüben Ruckler, Hackler oder ungewollte Sprünge das Gesamtbild. An dieser Kinderkrankheit leidet Assassins Creed bereits eine längere Zeit, Abhilfe wäre hier nun endlich mal sehr erwünscht gewesen. Zudem ist es meist überhaupt schwierig Stellen zu finden, an denen Shay hochklettern kann. Wie der Felskletterer Connor aus Assassins Creed 3 kann sich Shay leider nicht bewegen. So verzweifeln wir vor der ein oder anderen Felswand und suchen nach den andersfarbigen Steinen, an denen es Shay möglich ist, die Wand zu erklimmen.

Die Kämpfe in Rogue sind immer noch viel zu einfach!

Alt, aber schön…

Werfen wir nun noch einen Blick auf die technische Aufmachung des Spiels. Das Spiel ist ausschließlich für die Old Gen released worden, erwartet haben wir also keinen Grafikkracher. Und genauso ist es auch gekommen. Ubisoft holt aus der alten Konsolengeneration alles heraus, ein Unterschied zu Black Flag oder Assassins Creed 3 ist aber nicht sofort erkennbar. Die Grafik bleibt also Old Gen-gut, mit einem Next Gen-Spiel kann Rogue natürlich nicht mithalten.

Die Städte wie das neu modellierte New York – neu, weil es sich deutlich von dem New York in AC3 unterscheidet – sehen richtig toll aus, auch die Morrigan glänzt mit Detailreichtum. Seeschlachten punkten mit sehr guten Effekten, die gescriptete Sequenz in Lissabon ist aber eindeutig das Highlight des Spiels. Leider wirkt die Natur außerhalb der Städte zu detailarm. Texturen laden häufig viel zu spät nach, auf den Gesichtern der Charaktere herrscht meist durchweg störendes Kantenflimmern und kleine Ruckler sind zudem keine Seltenheit. Trotzdem: Für ein Old Gen-Spiel liefert Assassins Creed: Rogue eine sehr gute technische Leistung ab, wir sind durch die neuen Möglichkeiten auf den neuen Konsolen viel zu verwöhnt. Erkennbar ist die ausgereifte Technik auch an lebendigen Städten und Dörfern, vor allem in New York findet man das Volk meist arbeitend oder schwatzend vor.

Lebendig wird die Umgebung auch durch kraftvolle Piratengesänge, die über das Schiff hallen. Der Soundtrack samt Synchronisation ist wunderbar abgestimmt, spannende Sequenzen werden zu jederzeit musikalisch genau untermalt. Die deutschen Sprecher machen allesamt einen guten Job, vor allem Shay hat eine aus Film und Fernsehen bekannte Synchronstimme an die Hand bekommen. Die Menschen auf den Straßen bleiben übrigens weitestgehend unübersetzt und sprechen englisch, was einiges an Authentizität beiträgt.

Abschließend konnte Ubisoft es sich nicht nehmen lassen, wieder ein paar Abschnitte in der Gegenwart einzubauen. Wir spielen dabei einen namenlosen Abstergo-Mitarbeiter, der im Abstergo-Hauptquartier an einem Rechner auf die Erinnerungen von Shay zugreift. Das HQ ist zwar ganz schick, allerdings hätten wir dieses Mal auch gerne auf die Gegenwart verzichten können. Die Charakter sind allesamt uninteressant und die zu lösenden Rätsel sind viel zu simpel. Leider können wir nicht ohne, da wir zwischendurch ein paar Server aktivieren müssen, um weiter auf die Erinnerungen von Shay zugreifen zu können. Die Gegenwart ist drin, der Multiplayer ist dafür aus dem Spiel geflogen. Meine Meinung: Ich hätte lieber den Multiplayer gehabt, als aus dem Spielfluss mit unserem Protagonisten Shay herausgerissen zu werden und dafür in die Rolle eines seelenlosen Charakters in der Gegenwart gesteckt zu werden.

Grafisch ist Rogue für ein Old Gen-Spiel sehr hübsch!
 

Fazit:

Assassins Creed: Rogue ist sowohl der Abschluss der Kenway-Saga, als auch der Abschied von Assassins Creed auf der Old Gen. Und es ist ein würdiger Abschluss. Die Geschichte rund um den von den Assassinen zu den Templern übergelaufenen Iren Shay ist durchweg spannend und mit einer Spielzeit von 15 Stunden ohne unnötige Längen. Darüber hinaus gibt es, sowohl auf dem Wasser, als auch an Land einiges zu entdecken. Der Sammeltrieb wird also durchgängig befriedigt.

Technisch ist Assassins Creed: Rogue ein schönes Spiel, wenn man bedenkt, dass es nur auf der Old Gen erschienen ist. Schwer ins Auge fallen aber die Ähnlichkeiten mit Assassins Creed 3 und Black Flag, das Spiel wirkt fast wie eine Symbiose aus beiden Teilen. Was keineswegs negativ ist.

Negativ fallen hingegen übliche Assassins Creed-Problemchen auf: Die Steuerung ist mitunter ziemlich hackelig und Kämpfe bleiben viel zu einfach. Zudem hätte man auch gut auf die Einlagen in der Gegenwart verzichten können.

Trotzdem: Wer im Bezug auf die Technik realistisch an Assassins Creed Rogue herangeht, der wird nicht enttäuscht werden. Es ist kein technisches Meisterwerk, dass war aber keinesfalls zu erwarten, aber dafür, dass Rogue klar die zweite Geige hinter Unity spielt, ist das Spiel gut gelungen. Wer sich also noch einmal in die Piraterie stürzen will, bevor es nach Frankreich geht, dem kann ich Assassins Creed: Rogue empfehlen. Wer Black Flag gespielt hat, wird sich allerdings schnell wie in einer Kopie des vierten Teils vorkommen.

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