Far Cry 4 im Test

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Der November kann getrost in den „Ubisoft-November“ umgetauft werden. Zumindest in diesem Jahr. Mit Assassins Creed im Doppelpack, Far Cry 4 und The Crew Anfang Dezember stehen gleich einmal vier AAA-Titel in den Startlöchern, bzw. sind bereits released worden. Die Tests zu Assassins Creed: Rogue und Unity findet ihr bereits auf unserer Seite, dieser Test widmet sich dem zweiten großen Franchise von Ubisoft: Far Cry.

Far Cry hat vor zwei Jahren eine starke Veränderung erfahren. Da wo Far Cry 2 noch ein ernster Open World-Shooter gewesen ist, besticht Far Cry 3 2012 mit einer schier endlosen Aneinanderreihung von absurden Missionen, hirnverbrannten Truheninhalten und weltfremden Charakteren. Als Antagonist ist den Entwicklern mit Vaas sogar ein wahres Glanzstück gelungen. Ob Far Cry 4 da mithalten kann? Die Trailer vorab versprechen einen durchaus ebenbürtigen Konkurrenten: Pagan Min. Ob Pagan Min die hoch hängende Messlatte des Wahnsinns erreichen kann und ob Far Cry 4 spielerisch Neues bietet, lest ihr hier in unserem Test!

Willkommen in Kyrat!…

Wir sitzen in einem düsteren Bus. Rechts von uns räkelt sich ein Affe auf seinem Platz. Uns gegenüber sitzt ein braungebrannter Mann mit gräulichem Bart, der uns unseren Pass abnimmt und ihn mit Geld füllt. Warum? Wir sind nervös, halten wir schließlich die Asche unserer Mutter in unseren Händen. Ihr letztes Wunsch war es, in den Bergen von Kyrat verstreut zu werden, und wir, als vorbildlicher Sohn Ajay Ghale kommen dieser Bitte natürlich nach. Doch der Bus hält plötzlich an, ein Helikopter erscheint am Horizont und nähert sich unserer Position. Einige Passagiere machen sich aus dem Staub, werden erschossen. Dann geht alles drunter und drüber und wir mittendrin. Auf uns wird geschossen, unser tierischer Sitznachbar hat nicht so viel Glück und wir landen auf dem harten Stein Kyrats, während uns der Lauf eines Gewehrs ins Gesicht schielt. Ein in einen violetten Mantel gewandeter Mann steigt aus dem nun eingetroffenen Helikopter…und wenige Sekunden später sticht er seinen eigenen Soldaten ab. Ungehorsam wird eben bestraft. Willkommen in Kyrat und das ist unser Gastgeber: Pagan Min! Das Intro von Far Cry 4 ist bereits aus verschiedenen Trailern bekannt, aber auch zum wiederholten Mal verliert diese Szene nichts an Intensität. Pagan Min, selbsternannter König von Kyrat und Freund von ausgefallenen Farbkombinationen lädt uns nach dem Überfall in seinen Palast ein. Das ist zwar gut gemeint, leider kommen wir nicht drumherum festuzstellen, dass unser Gegenüber mit dem weißen Haupthaar nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Daher suchen wir schon bald das Weite. Und da wir gerne die Asche unserer Mutter in friedlichen Gefilden verstreuen wollen und außerdem einen Narren an diesem vorher so freien Land gefressen haben, beschließt Ajay kurzerhand etwas gegen Pagan Min und seine königlichen Truppen zu unternehmen. Wie geht das am Einfachsten? Natürlich, man schließt sich den Rebellen an.

Die Handlungen unseres Gegenübers lassen keine ruhige Fahrt erahnen!

Zwei Seiten in Grau und Verrückte…

Das klingt nun einfacher als es ist, denn die Widerständler sind sich untereinander auch nicht ganz einig, was das Ziel sein soll. Zwar sind alle dafür, Pagan Min den Gar auszumachen, allerdings vertreten zwei Parteien unterschiedliche Vorstellungen für die Zukunft Kyrats. Da wäre zum einen Amita, die Kyrat zu einem wohlhabenden und fortschrittlichen Staat machen möchte. Eine durchaus gute Idee, würde sie dabei aber nicht maßgeblich auf Opiumhandel setzen. Ihr gegenüber steht Sabal, der Kyrats Traditionen wahren will mit allem, was dazugehört, Zwangsheirat, Armut und fanatischem Gottglaube. Da vor allem Amita von Anfang an die Gefühlslose, geldgeile Frau darstellt und Sabal den einfühlsamen, humanen Anführer gibt, entscheiden wir uns folglich von der Sympathie her eher für Sabal. Zumindest am Anfang, denn umso weiter man in der Handlung voranschreitet, umso mehr offenbaren die beiden Parteien ihr wahres Gesicht und wir sind uns nicht mehr ganze so sicher, welchem Anführer wir unser Vertrauen schenken sollen. Die Entscheidung für eine Partei kann übrigens in jeder Mission, die mit beiden zu tun hat, von Neuem getroffen werden, wir entscheiden uns also nicht an einem Punkt direkt fest für eine Partei. Auswirkungen hat eine Entscheidung auf spielerischer Seite auch, aber nur marginal. So reisen wir immer an den gleichen Ort, müssen dort aber unterschiedliche Ziele ausführen. Sabal möchte zerstören, Amita erhalten oder umgekehrt. Da wäre sicherlich noch mehr drin gewesen! Auch das Finale enttäuscht insoweit, dass wir nach einer final zu fällenden Entscheidung keine Auswirkungen in Kyrat feststellen. Eine optische Veränderung wäre nach den ganzen Versprechungen von Amita und Sabal angebracht gewesen. Aber es gibt natürlich nicht nur Missionen für die beiden Rebellenanführer. Wir kümmern uns abseits davon auch so um Pagan Min, den wir leider viel zu selten zu Gesicht bekommen und erhalten Aufträge von zwei Verrückten namens Yogi und Reggie. Letztere pumpen uns im Spiel so oft mit Drogen voll, dass wir irgendwann aufhören zu zählen. Alle Charaktere, von Pagan Min bis hin zu Reggie und Yogi, sehen einfach nur klasse aus. Die Charaktermodelle sind detailliert, die Mimiken sind realitätsnah und die Lokalisierung durch sehr gute Synchronsprecher haucht den Charakteren Leben ein. Bei der Charaktererstellung hat Ubisoft wie gewohnt gute Arbeit geleistet, werfen wir nun einen Blick auf die Umgebung Kyrats.

Schön, schöner, Kyrat!

Wie im Paradies…

Der Staat Kyrat im Himalaya ist wunderschön mit seinen plätschernden Flüssen, rauschenden Wasserfällen, herbstlichen Vegetationen und malerischen Kulissen und hebt sich gut von Rock Island aus dem Vorgänger ab. Eine Befürchtung im Vorfeld war, dass sich beide zu ähnlich sehen könnten. Kyrat als Umgebung unterscheidet sich aber spätestens in den Minuten, wo wir mithilfe eines Seilhackens eine Steilwand erklimmen müssen. Wir klettern und fliegen in Far Cry 4 nämlich deutlich häufiger als in Far Cry 3, was daran liegt, dass Rock Island deutlich flacher ausgefallen ist. In Kyrat hingegen nutzt ihr häufig euer Seil, um von A nach B zu kommen, was allerdings nach einer gewissen Spielzeit nerven kann. Entweder entschließen wir uns für den direkten Weg oder schnappen uns ein Auto und müssen einen großen Umweg fahren. Die Hindernisse in Form von Bergen sind in solch einer Umgebung zwar sinnvoll, allerdings stören sie ungemein den Spielfluss. Wer übrigens glaubt in die Höhen des Himalaja vordringen zu können, der wird leider enttäuscht. Das riesige Gebirge dient nur als Randbegrenzung und kann von uns nur in ausgewählten Missionen bestiegen werden, nachdem der Ladebildschirm verschwunden ist. Das ist schade, dadurch wirkt Kyrat auch nicht übermäßig riesig. Was es aber ist! Das merken wir spätestens, wenn wir mit einem Wing-Suit oder dem Gyrocopter von A nach B fliegen können. Vor allem der Gyrocopter wird nach Erwerb unser bester Freund, da sich mit ihm auch das Problem mit dem nervigen Klippen klettern in Luft auflöst. Außerdem können wir mit ihm im Flug schießen, was uns einen Höhenvorteil gegenüber den anderen Feinden verschafft.

In Shangri La kämpfen wir an der Seite eines weißen Tigers!

Fortbewegung und Tiere…

Euch stehen neben dem Gyrocopter natürlich auch Autos zur Verfügung, um zum Ziel zu gelangen. Hier hat Ubisoft ein paar Verbesserungen eingebaut: Autos besitzen nun ein Navigationsgerät, das uns etliches Wege suchen erspart. Zudem können wir nun den Autopilot aktivieren, um auch während des Fahrens schießen zu können. Das ist sehr nützlich, weil wir uns dann nicht auf die Fahrbahn konzentrieren müssen, was in Vorgängern schon einmal zu Schwierigkeiten und plötzlich Toden geführt hat. Und zu guter Letzt hat Ubisoft ein Radio in jedes Fahrzeug eingebaut. In diesem berichtet ein munterer Sprecher über die aktuellen Ereignisse, nimmt also wie z.B in Grand Theft Auto Bezug auf die von uns absolvierten Ereignisse. An der Steuerung der PS-Boliden hat sich übrigens nichts verändert. Ja, Kyrat ist wunderschön. Auch durch die kräftigen Farben, abwechslungsreichen Landschaftsteile und die lebendige Umgebung. Entweder lauern überall Feinde, die uns im Fahrzeug entgegenkommen oder ihr Lager auf eurem Weg aufgeschlagen haben oder wir treffen auf eines von unzähligen Tieren, sei es ein Tiger, ein Waschbär, ein Schneeleopard oder ein Elefant. Die dynamische Tierwelt ist ein Highlight des Spiels, vor allem, da wir uns die Tiere nun auch zu Nutzen machen können. Haben wir genug Köder in der Tasche, können wir diese in eine Gruppe von Feinden werfen. Dann kommt entweder ein Raubtier angerannt, welches sich den störenden Soldaten widmet, oder wir helfen nach, indem wir einen Tiger aus einem Käfig befreien. Elefanten können wir übrigens auch reiten. Das fühlt sich toll und erhaben ein, nicht allein, weil die Elefanten übermächtige Instrumente sind, die Dauerfeuer standhalten können.

Auch Nashörner haben es richtig drauf!

Viel zu tun in Kyrat…

Elefanten sind übrigens ein gutes Mittel, um die zahlreichen Lager in Kyrat einzunehmen und sie unter unser Kommando zu stellen. Die Lager lassen sich nämlich vor allem im späteren Spielverlauf sehr schwer einnehmen, da kann so ein Dickhäuter schon Mal Abhilfe schaffen. Wer es übrigens noch schwieriger mag, kann auch die neuen Festungen attackieren. Diese punkten durch eine sehr starke Verteidigung und erfordern eine taktisch kluge Herangehensweise. Haben wir also nicht die richtigen Schießeisen am Start, müssen wir wohl später wieder kommen. Von den Ballermännern gibt es im Spiel wieder zahlreich, vom Scharfschützengewehr, über die Pistole, bis hin zum durchschlagskräftigen Raketenwerfer. Allesamt können auch wieder mit Aufsätzen verbessert werden. Wenn es an den Schießeisen nicht liegt, das wir die Festung nicht eingenommen kriegen, dann liegt es vermutlich daran, dass wir alleine zu Werke gehen. Far Cry 4 kann, bis auf die storylastigen Hauptmissionen nämlich komplett im Koop absolviert werden. Das bietet sich bei den sehr schweren Festungen gerade zu an. Ansonsten können wir in ganz Kyrat gemeinsam umherstreifen und zusammen Lager einnehmen, was mit wenigen Ausnahmen dann aber keine Herausforderung darstellt. Wir können aber auch anderen Nebentätigkeiten zusammen nachgehen, wie z.B. Briefe oder Tagebücher suchen, Truhen finden und deren meist sinnfreien Inhalt plündern oder Türme einnehmen. Die berüchtigten Türme aus Far Cry 3 (bzw. Assassins Creed) sind nun aber bewacht, da sie die Propaganda von Pagan Min in die Welt tragen. Dadurch bekommen sie etwas mehr Sinn eingehaucht. Nehmen wir also alle Türme ein, haben wir das Propaganda-Netzwerk des Königs vernichtet. Wie gesagt: Letzteren hätten wir dank starker schauspielerischer Leistung gerne öfters sehen können.

Leider viel zu selten: Schlüsselszenen mit Pagan Min!

Fazit:

Far Cry 4 ist weit davon entfernt etwas komplett anderes zu sein, als der Vorgänger Far Cry 3. Das merkt man hoffentlich auch im Test. Dafür sind sie sich im Spielaufbau zu ähnlich, beinahe nahezu deckungsgleich. Statt tropischen Gefilden tummeln wir uns allerdings dieses Mal im eisigen Himalaya-Gebirge oder in herbstlichen Region. Der Unterschied ist enorm. Trotzdem will das Gefühl nie verschwinden, dass wir in einer komplett anderen, aber doch so gleichen Version von Far Cry 3 sind, alles sieht anders aus, spielt sich aber identisch. Es gibt Lager, Türme, einen verrückten Bösewicht, viele Drogen und viele Explosionen. Alles ist schon einmal so oder anders da gewesen. Trotzdem: Das Spiel Far Cry 4 trifft dafür keine Schuld, wenn dann nur die Entwickler. Far Cry 4 ist so wie es ist ein sehr, sehr guter Open World-Shooter mit einer fantastischen Grafik (ohne die Probleme wie der Assassine im Nachbarspiel) und einer sehr gut spielbaren, abwechslungsreichen und sauber vertonten Handlung mit glaubwürdigen und meist vollkommen abgedrehten Charakteren. Ich hoffe trotzdem, dass sich Ubisoft für das nächste Abenteuer ein paar neue spielerische Elemente ausdenkt.  

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