PES 2015 im Test

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Echte Fußballfans wissen es seit weit über einem Jahrzehnt: Es gibt noch mehr als FIFA, es gibt Pro Evolution Soccer von Konami! Nach einem ziemlichen Totalausfall im letzten Jahr melden sich die Japaner mit ihrem Debüt auf PS4 und XboxOne eindrucksvoll zurück. Wir verraten euch, warum Totgesagte eben doch länger leben und das neue PES wieder mit FIFA gleichzieht…mindestens!

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Ein kleiner Rückblick

FIFA erschien Mitte der 90’er und verkörperte seinerzeit auch unangefochten das Beste was es bis dato im virtuellen Fussi gegeben hatte.Ende der 90’er wurde der Kick aber zusehends eintöniger. In diese Stagnation grätschte Konami seinerzeit noch unter dem Namen „Winning Eleven“ auf der seligen PS1 mit ihrer Interpretation vom virtuellem Rasensport. Ich für meinen Teil konnte den kleinen pixeligen Polygonen da noch nicht viel abgewinnen, obwohl ich auch damals schon zugeben musste, dass die Japaner den besseren, den realistischeren, den authentischeren Kick anboten. Meine „Taufe“ vollzog sich, als nach dem unsäglichen International Superstar Soccer vom „falschen“ Entwicklerteam fast auf den Tag genau vor 13 Jahren endlich das „echte“ Winning Eleven 5 unter dem Namen Pro Evolution Soccer in Europa für die PS2 erschien.

Für über zehn Jahre konnte mich FIFA seitdem nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken. Allerdings musste auch ich eingestehen, dass es bereits 2011 und 2012 sehr, sehr eng wurde für PES. Schließlich können die Japaner eben nicht mit der Sexy FIFA Lizenz sondern „nur“ mit der Uefa-Lizenz glänzen und da ist es halt auch umso wichtiger, dass man „auff’m Platz“ vorne liegt. Das war dann letztes Jahr eindeutig nicht mehr der Fall – im Gegenteil. PES 14 war ein absoluter Schnellschuss und machte einen insgesamt unfertigen Eindruck. Der Ball lief einfach nicht rund. FIFA war nun das bessere PES, weil PES vergeblich versucht hatte FIFA zu sein! So ganz nebenbei präsentierten die Kanadier auch noch das einzige Next Gen Fussi überhaupt und es spielte sich auch tatsächlich um Längen besser.

Ein Feature von FIFA hält jetzt auch bei PES Einzug: Via Internet wird die Form der Spieler angepasst.

PES 14 ist tot, es lebe PES 15

Bei Konami hat man nun aber zu seinen Wurzeln zurück gefunden und sich wieder auf die eigenen Stärken besonnen. Außerdem hat man aus seinen Fehlern gelernt und sich nun gute zwei Monate länger Zeit gelassen um ein ausgereifteres Produkt auf den Markt zu bringen und nicht auf Biegen und Brechen mit FIFA gleichzeitig zu erscheinen. Allerdings insgesamt mit einem Jahr Verspätung was die Next Gen Konsolen angeht, da beißt die Maus keinen Faden ab. Doch das Warten hat sich gelohnt! PES „fühlt“ sich endlich wieder genauso an, wie man das von dieser Serie gewohnt ist. Es ist schwer auf den Punkt zu bringen, was genau den Unterschied macht weshalb PES den Tick authentischer und „ehrlicher“ wirkt. Das war auch früher schon so und damals war PES tatsächlich deutlich besser als FIFA. Letzteres ist eben heute auch ein erstklassiges Fußballspiel und Fans des Genres können sich glücklich schätzen aus (endlich wieder) zwei hervorragenden Serien wählen zu können. Es lässt sich wohl mit der ewigen Frage nach iOS oder Android, Apple oder Samsung vergleichen. Jeder Verfechter „seiner“ Marke hat „seine“ Argumente und als Tester bemühe ich mich auch durchaus um Objektivität, gerade vor dem Hintergrund, dass FIFA in den letzten drei Jahren eben wirklich nochmal sehr viel besser geworden ist. Trotzdem wirkt FIFA nach wie vor einen Tick klinischer, steriler, weniger authentisch. Vielleicht lässt sich das Ganze am besten an der unterschiedlichen Art und Weise wie die Elfmeter geschossen werden verdeutlichen: Bei FIFA handelt es sich eher um einen Reaktionstest, bei PES kommt es einfach nur darauf an vernünftig dosiert vorzugehen, sowohl was die Schusskraft als auch die Richtung angeht. Dann das Thema Tore: Nach wie vor fallen in einer Partie unter denselben zwei Leuten und Teams bei FIFA im Schnitt 25-35% mehr Tore (das war früher noch extremer, ist also schon viel besser geworden). Aber während dieselbe Partie (gleiche menschliche Gegner, gleiche Teams) bei PES 2:1 ausgeht, ist ein 4:2 bei FIFA deutlich wahrscheinlicher. Was ich sagen möchte: Der eigentliche Torerfolg ist in PES einfach seltener und somit auch wertiger, die Freude wiegt höher!

Wer mag kann auch eine komplette Karriere spielen und sich sein Traumteam selbst zusammenstellen.

Von Lizenzen und Stimmung

Die Bundesliga sucht ihr in PES nach wie vor vergebens und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Immerhin: Einige CL-Teilnehmer sind durchaus an Bord, namentlich Bayern, Leverkusen und Schalke (Dortmund zum Leidwesen eines Ex-Kollegen immer noch nicht :-D) . Außerdem ist das spanische Oberhaus, die holländische Eredivisie, die portugiesische und italienische erste Liga und die französische Premier Division voll lizensiert (letztere sogar mit der 2. Liga). Ebenso wie die allermeisten Nationalmannschaften unter anderem der amtierende Weltmeister sowie die englische Premier-Division allerdings mit größtenteils unlizenzierten Fantasienamen. Die Bundesliga „glänzt“ leider wie schon in den letzten Jahren komplett mit Abwesenheit. Per Editor lässt sie sich theoretisch zusammenzimmern, aber das kostet viel, viel Zeit und Mühe. Umso wichtiger dass die virtuelle Kugel auf dem Platz rund läuft und Konami endlich in Punkto Inszenierung/Fans und Stimmung nachzieht. Und hier haben die Japaner tatsächlich ihre Hausaufgaben gemacht! Die Fans jubeln nun deutlich frenetischer, reagieren unmittelbar auf Fouls, Latten- bzw. Pfostenschüsse und Schiedsrichterentscheidungen, endlich! Die bekannten Kommentatoren Wolf Fuß und Hansi Küpper stagnieren zwar auf mittelmäßigem Niveau, aber wer die zwei nicht mag, kann sie ja deaktivieren. Was man nach wie vor vermisst, sind passende und authentische Fan-Devotionalien auch bei den lizensierten Teams, das ist sonderbar weil das so einfach zu implementieren wäre. „Ihr schafft das“ als Fan-Banner braucht 2014 kein Mensch mehr.

Die Menüs sind recht spartanisch gehalten...
Die Menüs sind recht spartanisch gehalten…

Auff’m Platz…

Läuft’s! Der Spielaufbau ist flüssig, es gibt deutlich weniger Abseitssituationen als bei FIFA was dort m. E. (je nach Spielweise) etwas zu häufig zu Unterbrechungen führt und den Spielfluss hemmt (und das obwohl die Abseitsfalle in PES manuell auslösbar ist!). Besonders positiv fällt nach wie vor ins Gewicht, wie wichtig der Wechsel vom Sprint bzw. dem Vorlegen des Spielgerätes zu „Ball kurz halten“ ist. Dieses Element war und ist in PES kriegsentscheidend und fällt einfach deutlicher ins Gewicht als bei FIFA, wo die Pille den Akteuren häufig am Schlappen hängt, als sei sie mit einem Gummiband fixiert. Außerdem viel uns folgendes insbesondere im direkten Vergleich positiv auf: Stars wie Arien Robben, Messi oder Ronaldo erkennt man eindeutig an ihrem individuellen Spielstil und ihren typischen Bewegungsmustern und zwar deutlich! Wenn ein Robben in seiner unnachahmlichen Art mit den Armen leicht abgestellt am und im Strafraum ins „eins gegen eins“ geht, dann ist klar: Here comes trouble! Und die Torwarte? Sie agieren ja schon im aktuellen FIFA „menschlicher“ manchmal schon zu menschlich und auch in PES sind es keine Roboter. Insbesondere herausgespielte Tore machen ihnen (realistischer Weise) das Leben schwer doch während man bei FIFA mit einem entsprechenden Star auch öfters mal aus der zweiten Reihe weit außerhalb des Strafraums quasi auf „Gut Glück“ erfolgreich abschließen kann, macht das bei PES im Allgemeinen wenig(er) Sinn. Ich persönlich finde das auch gut so, denn wenn ich viele Tore sehen will, schaue ich Handball. Standards und Ecken laufen vergleichbar ab, hier gibt es bei PES nichts außerordentlich erwähnenswert anderes.

In Zeitlupe sehen Spielszenen besonders spektakulär aus.

Online…das ewige Manko

Kommen wir zu der schon „traditionellen“ Achilles-Sehne der Spielreihe: Dem Online Spiel. Hier hat sich kaum etwas zum Besseren gewendet. Lags/Spielabbrüche und lange Wartezeiten in den Lobbys gehören zumindest zum Testzeitpunkt zur Regel, nicht zur Ausnahme. Bei FIFA ist das genau andersrum weswegen diejenigen denen Online-Spiel wichtig ist mit EA’s Kick eindeutig besser fahren. Ein weiterer Kritikpunkt sind die wirklich sehr spartanisch, geradezu minimalistisch gehaltenen Taktikmenüs. Zwar bekomme ich alle notwendigen Informationen die ich für Auswechslungen benötige, aber etwas hübschere Menüs hätten es schon sein dürfen. Außerdem müssen Besitzer der XboxOne mit grafischen Einbußen vorlieb nehmen. Das Publikum ist hier beispielsweise deutlich pixeliger geraten. Ob die Tatsache das Konami nun mal eine japanische Firma ist und die Xbox es in Japan traditionell schwer hat damit in direktem Zusammenhang steht, kann man nur mutmaßen 😉 Das war es aber auch schon mit den wirklich größeren Kritikpunkten. Für PS4-Fußballenthusiasten die wenig Wert auf Online-Spiel und die Bundesliga-Lizenz legen, dafür aber auf möglichst authentischen Fußball, gibt es eigentlich nur eine Wahl dieses Jahr.

Der FC Bayern ist voll lizensiert: Schweinsteiger, Müller und Co sind deutlich auszumachen…

Fazit:

Was für ein Comeback! Nachdem es letztes Jahr wirklich sehr schlecht stand um die altehrwürdige Spielreihe können sich insbesondere PS4 Spieler nun wieder über authentischen, ehrlichen und realistischen Fußball aus Japan freuen. Wem die Bundesliga am Herzen liegt und wer häufig Online spielt, fährt mit FIFA besser und kann quasi 5% von der Note abziehen. Wer aber eh mehr oder ausschließlich offline spielt, dem sei PES 2015 ans Herz gelegt, schon weil die aus FIFA im Offline Spiel gefürchteten Ruckler und Frame-Einbrüche hier nicht zu verzeichnen sind. Gott weiß wie genau sie es hinbekommen, aber die Japaner liefern einmal mehr den emotionaleren Kick. Tore wirken einen Tick ehrlicher herausgespielt, man weiß fast schon vor dem Schuss, jetzt dürfte es gleich klingeln und freut sich entsprechend mehr, während man bei FIFA oft nie so ganz genau weiß ob der jetzt auch reingeht. Man zieht einfach ab und der wird schon…oder auch nicht. Bei PES ist das Ganze eben doch ein Stück weit harte bzw. härtere „Arbeit“. Der Lohn umso wertiger. Mein persönlicher Favorit dieses Jahr steht fest, ich kann aber auch jeden verstehen, der in der Summe aller Fakten eben doch lieber zu EA’s Kick greift. Letztlich ist es dieses Jahr wieder Geschmacksache und das ist auch gut so!

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