Dragon Age Inquisition im Test mit finaler Wertung!

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Unter der Flagge von EA schickt Bioware die Rollenspielserie mit Dragon Age: Inquisition in die Dritte Runde. Kann der dritte Teil die Schwächen des direkten Vorgängers ausgleichen oder droht gar endgültig die Vercasualisierung  eines ganzen Genres? Überzeugt die Technik der aktuellen Frostbite Engine 3 auch abseits von Battlefield? Das und mehr verrät euch unser Test des Rollenspielschwergewichts!

Wie könnten die kalten Tage für die Zockergemeinde besser anfangen, als mit einem epischen Rollenspiel von Bioware? Natürlich mit einem Rollenspiel von Bioware, dass alte Stärken aufweist und die letzten Fehlgriffe des alteingesessenen Entwicklerstudios vergessen lässt.  Ihr könnt aufatmen: es ist definitiv besser als der zweite Teil, vereinfacht dabei aber, trotz überragender Technik, einige genretypischen Tätigkeiten.

Dragon Age Keep…kann man das essen?

Die Zeit während der Installation lässt sich wunderbar mit Dragon Age Keep überbrücken. Dabei handelt es sich um ein Webportal, mit dem sich Spielstände zum Import erstellen lassen, in denen so ziemliche alle Geschehnisse aus den Vorgängern enthalten sind. Dabei könnt ihr euch die Geschichte entweder in einem minimalistisch animierten, aber toll vertonten Video ansehen und an vorgesehenen Stellen den Ausgang der Geschehnisse nach euren Wünschen verändern. Oder aber ihr brecht das Video ab und klickt euch sofort durch alle Entscheidungen der Vorgänger, inklusive Addon und DLCs. Am Ende kommt ein Spielstand heraus, den ihr dann in euer Spiel importieren könnt. Voraussetzung zur Anmeldung unter  Dragon Age Keep ist ein Origin-Account, den ihr für die Installation und Nutzung der PC-Version ohnehin benötigt. Unbedingt ausprobieren! Serienneulinge erfahren so sehr kompakt zusammengefasst alles, was bisher in der Welt des Spiels geschehen ist.

Ich bin…der Auserwählte?

Die ersten Schritte durch die Welt der Inquisition verheißen nichts Gutes: die Templer und Magier befinden sich im Krieg, nach dem eine riesige, magische  Explosion beim Konklave, eine Art Friedensgipfel unzählige Opfer forderte.  Nun stehen sich die Templer und Magier im offenen Krieg gegenüber und beschuldigen jeweils die andere Seite, den Anschlag auf das Treffen verübt zu haben. Die Explosion hat die Breche erzeugt, eine Ansammlung von Rissen im Schleier, hinter dem das Nichts liegt. Dort lauern Dämonen nun auf ihre Gelegenheit durch die zahlreichen Risse in die Welt zu gelangen und tuen eben dies auch! Während die Zivilbevölkerung also von Dämonen bedroht wird, leiden sie auch unter den Kollateralschäden der ausufernden Kämpfe zwischen Templern und Magiern. Mitten drin steht unser Held oder unsere Heldin, wahlweise aus einer von vier Rassen und einer von vier Klassen zu erstellen. Dabei stechen vor allem die aus Dragon Age II bekannten Qunari als neue spielbare Rasse hervor, eine Art Kriegervolk die sich vor allem durch komplexe Denkstrukturen bzw. unverständliche Dialoge im zweiten Teil hervorgetan hat. In unserem Test habe ich mich für einen Zwergenkrieger entschieden, der den bürgerlichen Tiefenbewohnern angehört und an der Oberfläche für die Karta, eine Verbrecherorganisation, tätig war. Schnell wird klar, dass nur unser Held, der ebenfalls bei der Konklave war und der einzige Überlebende der Explosion ist, mit der Bresche verbunden ist. Denn nur sein magisches Mal kann die Risse verschließen und die Dämonen damit wieder aussperren. Also reisen wir fortan durch die Lande und schließen, ähnlich wie seinerzeit in Oblivion, die Risse und bekämpfen dabei die einfallen Dämonen. Was zunächst nach 0815-Fantasy klingt ist dank der komplexen Geschichte der Vorgänger und der makellos ausgearbeiteten Welt mit all ihren Fraktionen und Konflikten, großen und kleinen Problemen durchaus motivierend. Dazu tragen u. a. auch die tolle Vertonung der Charaktere sowie die Musikuntermalung ihren Teil bei.     Dabei könnte jedoch gerade der Einstieg deutlich dramatischer und spannender ausfallen. Denn viel zu schnell sind wir als unbekannter Überlebender vom Status des Verdächtigen zum vermeintlichen Anführer der Inquisitionstruppen aufgestiegen. Hier hätten einige Zwischensequenzen mehr Wunder wirken können! Auch wenn der Einstieg damit relativ flach ausfällt, so eröffnet sich doch mit jedem Schritt in der Hauptgeschichte ein weiterer interessanter und zum Weiterspielen motivierender Aspekt. Verwunderlich nur, dass wir bereits zu Beginn mit dem Kartentisch, auf dem wir unsere Generäle Missionen erfüllen lassen können,  klar als Anführer behandelt werden. Denn einige Zeit später, in Verbindung mit einem Umzug der Inquisition, werden wir erst offiziell zum Anführer ernannt. Gerade die Abschnitte, die zu dieser Ernennung führen als auch die Ernennung selbst lassen aber sofort wieder das gute, alte Bioware Feeling aufkommen! Von da an leistet sich die Geschichte deutlich weniger Schnitzer.   Dafür schart unser Held wieder grundsätzlich interessante Gefährten um sich, die auch wieder ihre eigenen Aufträge mitbringen. Hierdurch erfahren wir mehr über ihren Werdergang. Zusätzlich können wir im Hauptquartier mit ihnen reden und auch romantische Beziehungen aufbauen. Diese bringen aber, im Gegensatz zu Dragon Age II, keine spielerischen Vorteile, wie z. B. neue Fähigkeiten. Der interessanteste und wohl seit langem verrückteste Charakter überhaupt ist die Elfenschurkin Sera. Ihre freche, flapsige und verrückte Art in Kombination mit ihren unglaublich lustigen Kommentaren haben für so manchen Lachanfall gesorgt! Da treten dann ein paar Wachen auch schon mal ohne Hosen den Kampf gegen uns an! Leider war es das dann auch schon wieder an Besonderheiten. Wirklich tiefgehend sind die Gespräche mit den Gefährten nicht und echte Auswirkungen, wenn wir entgegen der persönlichen Meinung eines Begleiters handeln, suchen wir leider vergebens.

Nur noch schnell dort drüben das Kraut einsammeln und dort drüben mal in die Höhle schauen!

Dragon Age Inquisition ist, nicht zuletzt im direkten Vergleich mit Dragon Age II, geradezu riesig! Die 10 großen und freibegehbaren Gebiete mit ihren unterschiedlichen Witterungen und Landschaften können sich sehen lassen! Egal ob herbstliche Wälder, Schneelandschaften oder düstere More, die Technik lässt an allen Schauplätzen ihre Muskeln spielen. Dank der Frostbite Engine, die u. a. auch in der Battlefield Serie sowie im nächsten Mass Effect Teil Anwendung findet, erstrahlt Dragon Age in Inquisition in absolutem Hochglanz!  So ziemlich jede verfügbare Funktion zur Verbesserung der visuellen Qualität wird vom Spiel in der PC-Fassung auch unterstützt, entsprechend potente  Hardware vorausgesetzt. Das Ergebnis hat sich das Prädikat „Next Gen“ definitiv verdient: Licht, Schatten, Weitsicht und Detailreichtum sind grandios! Dazu wird nur zwischen den großen Gebieten geladen und ansonsten kann man, von kurzen Nachladesequenzen beim Nutzen der Schnellreisefunktion abgesehen, seinen Erkundungsdrang ungestört ausleben. Ähnlich wie in Skyrim oder der Risen/Gothic Serie gibt es an jeder Ecke der Welt etwas zu entdecken: Höhlen, Kisten, verlassene Lager, Ruinen und eine breitangelegte Flora und Fauna. Mehr als einmal endete das geplante „nur kurz die Nebenquest bei der Kartenmarkierung lösen“  mit einem verwunderten Blick auf die Uhrzeit, weil ich plötzlich wieder viel Zeit in die Erkundung der Welt gesteckt habe. Dabei werden auch die Sammelwütigen unter euch belohnt, da man im Grunde ständig über Pflanzen für Tränke, Erze für Waffen, weitere Handwerksmaterialien und zahlreiche Gegner stolpert. Auch die Namensgebenden Drachen sind wieder mit von der Partei, auch wenn das erste zufällige Auffinden eines Drachenhorts schnell mit dem feurigen Ableben der gesamten Gruppe belohnt wurde. Aber Der Drache war auch acht Stufen über meiner Gruppe. Beim nächsten Treffen auf eines der schuppigen Biester geht der Kampf bestimmt anders aus!     Darüber hinaus warten abseits der Hauptquest zahlreiche Nebenaufträge darauf, von uns gelöst zu werden. Dabei erscheint die Gebietskarte schon fast so voll wie die eines MMO: überall sind Ausrufezeichen, Schnellreisepunkte, Händler, Sehenswürdigkeiten, Rätselapparaturen zum Auffinden besonders wertvoller Gegenstände. Viele Nebenaufträge laufen zwar nach dem bekannten  FedEx-Prinzip ab (suchen-einsammeln-abliefern), die meisten Aufträge bieten aber interessante Geschichten und tolle Schauplätze, die sich nicht vor denen aus dem Hauptauftrag verstecken müssen.     Fantasy mit Komfort aber Defiziten im Kampfsystem! Der Begriff „Casualisierung“, also die voranschreitende Vereinfachung von Spielen im Laufe der letzten Jahre, um eine breitere Masse als Abnehmer des jeweiligen Titels zu erreichen, ist ein viel diskutiertes Thema. Während es auf der einen Seite die Fraktion gibt, die nach einem stressigen Arbeitstag auf der Couch sitzen und ohne größere Herausforderungen in fremde Welten abtauchen möchte, suchen viele andere die größtmögliche Herausforderung und das Erfolgsgefühl, wenn eine schwere Stelle in einem Spiel erfolgreich überwunden werden konnte. Dragon Age: Inquisition sitzt irgendwo zwischen diesen beiden Stühlen.  Wie in einem MMO  werden Questgeber auf der Karte markiert und mit der Annahme eines Auftrages erscheint auch schon die kreisförmige Markierung eines Gebietes auf der Karte, in welchem sich das Ziel des Auftrages befindet.  Alle weiteren besonderen Orte, wie Sehenswürdigkeiten, Astarien, Risse  etc. werden ebenfalls auf der Karte markiert. Auf der anderen Seite gibt es keinerlei Heilzauber sondern nur Heiltränke, die noch dazu auf 8 Stück limitiert sind. Sind diese aufgebraucht, muss das Hauptquartier der Inquisition, einer der Schnellreisepunkte (Lager) oder anderweitig eine Vorratskiste ausfindig gemacht werden. Diese Tränke teilen sich alle Gruppenmitglieder, d.h. das bei einer vierköpfigen Party jedes Mitglied zwei Tränke schlucken darf, bevor es das Zeitliche segnet. Durch das Auffinden besonderer Gegenstände lassen sich mehr Tränke mitnehmen und die Tränke können durch das Sammeln der erforderlichen Kräuter in ihrer Wirkung verstärkt werden. Trotz der weitläufigen Areale muss man nicht jede kleine Ecke nach Gegenständen absuchen. Durch aktivieren des Scannens werden alle nahen, sammelbaren und benutzbaren Gegenstände hervorgehoben und zusätzlich ertönt ein akustischer Hinweis. Der Radius des Scannens ist zunächst begrenzt, kann jedoch durch Upgrades auf dem Kartentisch der Inquisition erweitert werden. Gegenstände, die ihr nicht verwenden wollte, wie z.B.  abgelegte Waffen, die durch bessere ersetzt wurden, könnt ihr im Inventar in einen extra Bereich verschieben lassen. Beim nächsten Händler kann dieser Bereich aufgerufen und alles darin verkauft werden, so dass man nicht gefahrläuft, Gegenstände zu verkaufen die man eigentlich behalten will.   Stark vereinfach wurde das Kernelement des Rollenspielgenres: der Stufenaufstieg. Die Charaktere gewinnen durch Kämpfe und das Erledigen von Aufträgen, lösen von Rätseln und Auffinden von Sehenswürdigkeiten an Erfahrung und steigen damit in der Erfahrungsstufe auf. Genreuntypisch verteilen wir nach einem Stufenaufstieg keine Punkte auf einzelne Charakterattribute, sondern wählen in einem von mehreren klassenspezifischen Talentbäumen eine neue Fähigkeit aus oder verbessern eine vorhandene. Dabei erhöht die jeweilige neue Fähigkeit in der Regel auch ein Attribut des Charakters. Entscheiden wir uns bei einem Krieger für den Kampf mit dem Schild, so erhöhen neue Fähigkeiten z. B. die Konstitution und damit die maximalen Lebenspunkte. So bilden wir uns nach und nach den klassischen Tank. Wobei wir jederzeit auch Fähigkeiten aus anderen Talentbäumen wählen können. Weiter verfügt das Spiel über ein gut ausgefeiltes Craftingsystem, in dem sich allerlei Dinge herstellen lassen. Wir können Waffen und Rüstung schmieden und aufrüsten. Immer wieder finden wir Pläne, mit denen sich neue Ausrüstung und auch Verbesserungen herstellen lassen. Waffen können mit unterschiedlichen Klingen und Griffen sowie Runen ausgestattet werden. Die Verbesserungen lassen sich dabei auch wieder entfernen und an anderer Stelle weiterverwenden. Das Kampfsystem ist ein zweischneidiges Schwert: auf der einen Seite ist der Taktikmodus mit Pausefunktion zurück und die Kämpfe werden grafisch imposant dargestellt. Auf der anderen Seite führt die Steuerung am PC immer wieder zu Fingerkrämpfen. Aktiviert man die Pause, hat man damit nicht den Taktikmodus aktiviert, in dem man jedem Gruppenmitglied Befehle zuweisen kann. Darüber hinaus können auch wieder Verhaltensregeln festgelegt werden, also z. B. wann ein Heiltrank getrunken werden soll. Das KI-Verhalten lässt sich aber auch deaktivieren, so dass wir die volle Kontrolle über unsere Gruppe haben. Nur wer weit genug herauszoomt (PC) oder die Schaltfläche im Interface anklickt  (PC) oder die richtige Taste (XboxOne) drückt, aktiviert diesen Modus. Erst dann lässt sich jedem Gruppenmitglied ein Befehl geben. Deaktiviert man die Pause, wird der Befehl ausgeführt und anschließend kann ein weiterer erteilt werden. Eine Verkettung von Befehlen ist leider nicht möglich. Hinzu kommt die fehlende Übersicht im Kampf, wenn sich die Kamera mal wieder als wahrer Feind herausstellt. Weder am PC, wo man aufgrund der Maussteuerung meinen sollte, man könnte sich damit die notwendige Übersicht verschaffen noch auf der Konsole hat man das Schlachtfeld leicht im Blick. Immer wieder muss man die Kamera manuell korrigieren, bis man den richtigen Gegner im Sichtfeld hat. Dabei springt die Kamera immer wieder eigenständig, vor allem in Innenräumen, in sehr merkwürdige Wickel, die dann meistens viel zu nah am Geschehen sind.

Der kritische Blick verrät es: auch unsere Kameraden haben keinen Spaß an der Kameraführung!

Besonders nervig wird das Ganze, wenn wir es mit den Rissen zu tun haben: durch das interagieren mit den Rissen können wir Gegner verletzten oder betäuben und sind alle Gegner eines Risses besiegt, muss der Riss durch Interaktion geschlossen werden.  Blöd nur, wenn man die Kamera mal wieder nicht so justiert bekommt, dass der Riss überhaupt sichtbar und dadurch anklickbar wird. Argh! PC Spieler werden Dinge in der Spielwelt intuitiv mit der linken Maustaste anklicken wollen. Da dies aber die Angriffstaste ist, wird aus dem Aufheben einer Pflanze plötzlich ein Schwerthieb, der noch dazu die gesamte Truppe inkl. Automatisch aktivierter Schutzzauber in den Kampfmodus versetzt. Das passiert leider noch nach vielen Stunden im Spiel.

Fazit

Nach ca. 40 h in der Hauptgeschichte und unzähligen Stunden in den Nebenmissionen ist klar: der dritte Teil der Dragon Age Reihe macht vieles wieder gut, was in Teil 2 schief gelaufen ist und überzeugt darüber hinaus mit grandioser Technik, tollem Sound und einer spannenden und epischen Geschichte, die es geschickt schafft auch den Bogen zu den  beiden Vorgängern zu spannen. Ideal also, nicht zuletzt aufgrund des Umfangs, um die dunklen Winterabende in dieser Welt zu verbringen. Trotz der vielen Komfortfunktionen holt einen die frustrierende Kamera immer wieder aus der Immersion und wirft die Frage auf, ob Bioware hier vielleicht die Technik doch noch nicht so im Griff hat und wie es möglich ist, dass die Interaktionsprobleme mit den Rissen bei der Qualitätssicherung niemandem aufgefallen sind. Trotz dieser Probleme bleibt Dragon Age Inquisition für mich eines meiner persönlichen Spielehighlights 2014 und wird meinem ganz eigenen Hype durchaus gerecht. Denn trotz der Probleme in der Steuerung und der Reduzierung der Rollenspielelemente, wie es sie auch schon in Mass Effect gab, wurde ich grandios von diesem Titel unterhalten. Was man diesem Spiel vorwerfen könnte ist, dass es, ähnlich wie die letzten Ubisoft-Titel, eben nach der typischen Bioware-Formel aufgebaut wurde. Aber das ist nichts Schlechtes. Wer mit den letzten Dragon Age Titeln nichts anfangen konnte, sollte von der Wertung 15 % abziehen. Alle anderen sollten schnellstens ihr Ticket nach Thedas buchen und versuchen, die Welt zu retten!

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