This War Of Mine im Test

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Mit This War of Mine liefert 11 bit studios die längst überfällige Antithese zu all den omnipräsenten Kriegsspielen der vergangenen Jahre. Anstatt an forderstér Front dem Feind mit Waffenpower zu trotzen, beleuchtet This War of Mine die andere – von vielen Medien meist misachteten – Seite des Krieges: Den bitteren und teils hoffnungslosen Kampf um’s Überleben derer, die die Leidtragenden sind. Den Zivilisten. In wie weit das dem polnischen Entwicklerstudio gelungen ist, erfahrt ihr in unserem, etwas anderen Test.

Vor dem Krieg war ich einst ein bekannter TV-Starkoch und stolzer Besitzer eines Restaurants. Ich kam viel herum und habe die Küchen aller Herrenländer kennengelernt. Doch jetzt… jetzt ist nichts mehr wie es einmal war. Konservendosen stehen nun auf der Speisekarte – an guten Tagen auch mal Gemüse oder Rattenfleisch. Ich bin Bruno, Zivilist in einem – nun schon mehrere Jahre andauernden – nicht enden wollenden Krieg. Dies ist mein Tagebuch. Letzte Nacht wurden wieder Bomben über Pogoren abgeworfen. Mein einstiges Zuhause war nicht mehr sicher und so floh ich in die Nacht. Ich fand Zuflucht in einem großen und für die Gegebenheiten noch gut erhaltenen Haus. Jedoch war ich nicht der Einzige. Ein Mann und eine Frau suchten hier ebenfalls Schutz. Der Krieg lehrte mich schnell, dass man sich nur noch selbst vertrauen sollte, doch in mir schlägt noch immer das Herz des Menschen, der ich einmal war. Ich legte meine Zweifel ab und versuchte mit den Beiden ins Gespräch zu kommen. Schnell merkte ich, dass sie von den selben Ängsten und Zweifeln zerfressen waren, die auch tief in mir schlummerten. Wir beschlossen, dass dies hier nun unser neues Zuhause werden sollte und wir alles daran setzen würden, diesen Ort zu einem guten zu machen. Wir, das sind Roman, Katia und ich. twom_004

Tag 1

Sobald es hell wurde, begannen wir, die Etagen nach brauchbaren Gegenständen und Materialien zu durchsuchen. Überall lag Schutt, den wir mit unseren Händen beseitigen müssen, weil wir keine Schaufel besitzen. Ein zeitintensiver Prozess. Türen und Schränke sind teilweise verschlossen, doch Holz und Bestandteile findet man überall in den Trümmern und diversen Schubladen, welche die Grundlage bilden, um provisorisch das ein oder andere herzustellen. Mein handwerkliches Geschick ist nicht das Beste, doch mit ein wenig Geduld hämmerte ich mit dem gefundenen Material ein provisorisches Bett an der noch intakten Werkbank im Keller zusammen. Dies war auch mehr als nötig, denn die letzte Nacht schliefen wir alle auf dem Boden, wodurch wir alle nicht den erholsamsten Schlaf bekamen. Der Tag ging schnell vorüber. Verrückt, wie die Zeit vergeht, wenn man sich Ablenken kann. Doch Zeit zum Zurücklehnen blieb kaum. Es fehlt vor allem an Essen. Ein paar Materialien mehr können jedoch auch nicht schaden. Früher bin ich im Schutze der Dunkelheit meist los und habe geplündert, was ich nur fand und tragen konnte, doch diese Nacht ging Roman los. Roman, ein kampferprobter Einzelgänger mit Sinn für Gerechtigkeit. So halte ich diese Nacht Wache und nutze die Zeit, um diesen Eintrag zu verfassen, während sich Katia im Bett mal richtig ausschlafen kann.

Tag 2

Roman kam zum Glück unbeschadet von seinem Plünderzug zurück und hatte die Taschen voll mit allerlei Materialien und vor allem Nahrung. Er hatte ein verlassenes Haus nicht weit Weg von dem unseren gefunden und konnte sich vielerlei Dinge aneignen. Er meinte, es sei noch allerhand Zeug dort vorhanden, und er möchte die kommende Nacht erneut aufbrechen, um auch noch die restlichen Sachen zu holen. Er schnappte sich ein Stück rohes Fleisch aus dem Kühlschrank und ging ins Bett um sich auszuruhen. Auch mich plagte die Müdigkeit, da ich die gesamte Nacht über Wache geschoben habe, jedoch gönnte ich Roman nach dieser Nacht seinen Schlaf. Ich nutze die Zeit und verbrachte den Vormittag erneut an der Werkbank, um das Material, welches Roman beschaffen konnte, sinnvoll zu verwerten. Ich errichtete ein zweites Bett, welches dem ersten in nichts nachstand, und gönnte mir darauf auch etwas Schlaf. Während dessen räumte Katia weitere Trümmer beiseite, um die noch unzugänglichen Bereiche des Hauses zu erkunden [nicht zugängliche Bereiche des Hauses zu erkunden].

Tag 3

Eine erholsame und schlafreiche Nacht wurde durch Romans lauter werdenden Stimme unterbrochen.Wir wurden ausgeraubt. Und da keiner von uns die Nacht über Wache geschoben hatte, hat auch keiner etwas davon mitbekommen um eventuell reagieren zu können. Doch passiert ist, ist passiert. Wir können es nicht mehr rückgängig machen. Umso größer ist die Freude, dass Roman wieder vielerlei Sachen mitbrachte. Und nicht nur das war erfreulich. Kurz vor Mittag klopfte es an unserer Tür. Ein Händler, welcher sein Leben riskiert, während er durch die Straßen streift, um ein wenig Handel betreiben zu können, bot uns einige interessante Güter zum Tausch an. Besonderes Interesse hatte er an Schmuck. Welch‘ Glück, dass Katia eine Kette in einem der Schränke im Badezimmer fand! Wir boten ihm diese an und bekamen dafür Holz, Bestandteile sowie ein paar Zigaretten! Franko, so der Name des Händlers, meinte, dass er in ein paar Tagen wieder vorbeikommen würde, wenn er nicht dem Abzug eines Scharfschützen erliegen sollte. Den Nachmittag verbrachte ich erneut an der Werkbank. Irgendwie finde ich Gefallen daran, die Materialien zu bearbeiten, um etwas nützliches daraus herzustellen. Ich bin Koch, der Hunger ist unser größter Feind. Was also lag näher, als eine primitive, aber funktionierende Kochstelle zu errichten? Katia errichtete dabei ein kleines Sammelbecken, um Regenwasser zu Filtern, welches wir zum Kochen benötigen. Die erste Mahlzeit war wohl die Beste, seit Ewigkeiten. Es roch im Haus so gut, dass selbst Roman davon munter wurde. Nichts geht über eine gut zubereitete Mahlzeit. Gestärkt und zufrieden ließen wir den Tag ausklingen. Wir entschieden uns, diese Nacht alle Zuhause zu bleiben. Diese Nacht schob Katia Wache, während Roman und ich uns ausruhten. twom_003

Tag 5

Keine weiteren Vorkommnisse. Die Plünderzüge liefen bis dato recht erfolgreich und – das ist noch viel wichtiger – ohne Zwischenfälle. Ich habe den Tag genutzt, um die Werkbank im Keller zu verbessern. Dadurch ist es uns nun möglich, einige andere Dinge herzustellen.

Tag 7

Mittlerweile ist ein gewisser Alltag eingekehrt. Es gibt Tage, an denen lege ich mich bereits gegen 13 Uhr ins Bett, weil ich nichts mit mir anzufangen weiß. Wir verfügen nun über eine Metallwerkstätte, an der wir Werkzeuge, wie Schaufeln und Dietriche herstellen können. Die Tage beginnen sich ein wenig in die Länge zu ziehen, da wir entweder über zu wenige Materialien verfügen, oder es uns aber an seltenen Dingen wie elektrischen Teilen fehlt, um fortschrittlichere Sachen herzustellen. Ich bin froh, dass wir über ein paar Bücher verfügen. So kann ich mich ein wenig ablenken und muss mich nicht mehr der tristen, grausamen Realität konfrontieren. Etwas zu rauchen wäre toll. Ich habe seit drei Tagen keine Zigarette mehr in der Hand gehabt. Es geht ohne, doch ich merke, wie es meine Stimmung nur noch mehr herunterzieht. Katia kam von ihrem Plünderzug zurück und erzählte von einer Werkstatt am Stadtrand. All das, was sie bei sich hatte, hatte sie nicht geplündert, sondern vom Sohn des kranken Werkstattmeisters im Tausch erhalten. Ein paar Konserven, elektronische Teile sowie eine Metallsäge. Wir dürfen jederzeit wieder vorbeikommen um zu handeln, erzählte Katia mit begeisterter Stimme. Das bescherte auch mir ein Lächeln auf die Lippen, denn ich habe sie seit unserer Zusammenkunft noch nie so erleichtert erlebt.

Tag 8

Heute Morgen riss mich ein stürmisches Klopfen an unserer Tür aus meiner Tagträumerei. Es war eine Frau, welche nur ein paar Blocks weiter mit ihrer Tochter in einem kleinen Haus Unterschlupf gefunden hatte. Sie erzählte aufgeregt davon, dass in der vergangenen Nacht ein paar zwielichtige Personen ihr Haus beobachteten. Sie hat Angst, dass das Leben von ihrer Tochter und ihr gefährdet sind. Sie bat uns um Hilfe. Roman zögerte keine Sekunde und ging trotz Übermüdung mit ihr mit, um die Nacht über das Haus zu bewachen. Ich bewundere Roman für dieses Mitgefühl und Engagement.

Tag 9

Roman kam zu unser aller Erleichterung unbeschadet zurück. Über das, was die Nacht jedoch geschah, wollte er nicht reden. Er warf ein Sturmgewehr samt Munition auf den Boden, welcher er als Dank von der Nachbarin bekommen hatte und ging ins Bett. Ich mache mir ein wenig Sorgen um ihn. Im Radio wird darüber berichtet, dass die Unruhen in der Stadt andauern und alles mehr und mehr im Chaos versinkt. Das Militär scheint nicht mehr unsere einzige Sorge zu sein. Banden streifen Nachts umher, um zu plündern, was sie nur bekommen können – zu jedem Preis. Ich machte mir Sorgen deswegen, und begann, mit ein paar alten Holzbrettern offene Stellen in unserem Unterschlupf zu vernageln, um so für ein wenig mehr Sicherheit zu sorgen. Katia erzählte von einem verlassenen Haus, in dem früher ein altes Ehepaar wohnte. Sie rechnet fest damit, dass dort noch Lebensmittel vorzufinden sind. Das wäre das Beste, was uns passieren könnte, denn unsere Nahrungsmittel gehen langsam zu neige. twom_002

Tag 10

Katia ist am Boden zerstört. Alles lief anders als geplant. Die alten Leute, die einst in dem verlassenen Haus wohnten… sie wohnten noch dort. Der Mann … er rannte auf Katia zu und sie sah ihr Leben in Gefahr, weshalb sie auf den Mann einprügelte. Die Frau schrie, sie solle aufhören, doch es war schon zu spät. Katia… sie … sie hat den alten Mann getötet. Darüber können auch die Nahrungsmittel und Medizin, die sie vor dem Vorfall noch eingesteckt hatte, nicht hinweg trösten. Auf die Frage, was mit der Frau passiert sei, meinte Katia nur „Sie ist weg“. Weder Roman noch ich wissen, was sie damit meinte, jedoch trauten wir uns auch nicht weiter nachzufragen. Die Stimmung ist deutlich getrübt. Niemand weiß so richtig, wie er mit der Situation umgehen soll. Roman erscheint mir seit der Nacht bei der Nachbarin sowieso schon ein wenig depressiv. Das hier macht alles nicht unbedingt besser. Ich sah heute Morgen, dass die Wodkaflasche in der Küche nur noch halbvoll auf dem Schrank stand. Es steht mir nicht zu, zu urteilen, jedoch mache ich mir immer mehr Sorgen. Während Katia zusammengekauert auf dem Boden sitzt und Roman sich wieder ins Bett gelegt hat, verbringe ich meine Zeit mal wieder an der Werkbank.

Tag 14

Der Hunger wird langsam unerträglich. Wir finden in der Nacht einfach keine Lebensmittel mehr und der Handel wird auch immer schwerer, weil uns Handelsgüter wie Zigaretten, Kaffee oder Schmuck schlichtweg fehlen. Wir haben gestern einer Frau im Stadtzentrum unsere letzte Bandage sowie ein wenig Holz und Bestandteile gegeben, um ein paar Konservendosen zu erhalten. Mittlerweile ziehen wir in Erwägung, die gefährlicheren Stellen der Stadt für unsere nächtlichen Plünderzüge aufzusuchen. Wir alle haben uns vor diesem Tag gefürchtet, doch wussten, dass es irgendwann soweit sein wird.

Tag 17

Ich habe an unserer Werkbank eine Rattenfalle errichtet. Sie ist nicht sonderlich stabil, sollte jedoch mit ein bisschen Glück halten. Das muss sie auch, denn als Köder für die ganzen Nager in der Stadt, muss eines unserer letzten Nahrungsrationen herhalten. Jetzt heißt es warten. Durch das Radio habe ich erfahren, dass es heftige Kämpfe in diversen Teilen von Pogoren gibt. Wir müssen diese Gebiete daher bis auf weiteres meiden. Jedoch gehen uns so langsam die Spots zum Plündern aus. Die vermeintlich sichereren Orte haben wir leergeräumt. Nun müssen wir an gefährlichere Plätze vordringen, um unser Überleben zu sichern. Roman möchte diese Villa aufsuchen, von der es heißt, dass sich dort Deserteure niedergelassen haben. Er versicherte mir, er sei vorsichtig.

Tag 18

Ein schwarzer Tag. Roman kam nicht wieder von seinem nächtlichen Ausflug zurück. Wir wissen nicht, was passiert ist, doch wir befürchten das schlimmste. Zu allem Übel haben wir keinerlei Nahrungsvorräte mehr und die Rattenfallen wollen einfach nichts einfangen. Katia sitzt neben ihrem Bett auf dem Boden und starrt die Wand an. Sie redet kein Wort und ich weiß einfach nicht, was ich tun kann. Ich habe ihr versichert, dass alles wieder gut wird, Roman wieder auftaucht und ich in der kommenden Nacht Nahrung beschaffen werde, doch sie reagierte nicht.

Tag 19

Verglichen mit den vergangenen Tagen, war diese Nacht ein Lichtblick. Ich habe einige Konserven gefunden und zusätzlich sogar noch zwei Bandagen sowie etwas Medizin mitbringen können. Die Freude ist allerdings nur kurz, denn ich kann Katia nicht finden. Ein Zettel auf dem Küchenschrank verriet mir, dass sie das alles nicht mehr ausgehalten hat, und nur noch von hier weg will. Ich bin nun alleine in diesem großen, kaputten Haus. twom_001

Tag 22

Es ist kalt. Über Pogoren ist der Winter eingefallen. Ich fühle mich fiebrig. Ich werde versuchen, unten im Keller eine kleine Feuerstelle einzurichten. Die letzten Holzvorräte werde ich darin verbrennen, um nicht völlig zu unterkühlen. Die Wasservorräte sind mittlerweile aufgebraucht. Ich könnte etwas Schnee auf dem Herd schmelzen, um daraus Trinkwasser zu gewinnen, welches ich so dringend bräuchte, um das Gemüse zu verwerten, doch müsste ich dafür auf ein wenig Holz zurückgreifen, das ich dringen für den Ofen gebrauchen kann …

Tag 25

Ich fühle mich nicht gut. Im Ofen weicht die Glut langsam der Asche und ich habe seit Tagen nichts mehr gegessen. Da ich momentan nicht in der Lage bin, die Nacht über noch einmal loszuziehen, bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten. Auf Hilfe, ein wenig Sonne oder gar das Ende des Krieges. Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Fazit

This War of Mine macht seine Sache gut! Selten werden in Spielen so vielseitige und tiefgehende Emotionen wie Hoffnung, Melancholie oder auch Trauer gekonnt transportiert, dass man als empathischer Spieler vor dem Bildschirm einfach mitfühlen muss. Nichts geschieht einfach so. Entscheidungen und Handlungen haben weitreichende Folgen, weshalb ich mich erwischt habe, wie ich teilweise die einfachsten Spielschritte immer wieder penibel durchdacht habe. Nichts ist schöner als am Morgen mit vollen Taschen und unbeschadet wieder im Unterschlupf anzukommen, nichts zehrt mehr an der Substanz als durch eine kleine Unachtsamkeit das Leben eines Bewohners riskiert zu haben. Doch so wie ich für mich alleine mit dieser Erfahrung vor dem Bildschirm umgehe muss, so geschieht es auch digital. Die Bewohner äußern ihre Gefühle durch Sprechblasen oder Einträge in ihre Biografie, doch findet keinerlei Interaktion oder Kommunikation zwischen den Charakteren statt. Jeder lebt für sich allein, obwohl man nicht nur das selbe Dach, sondern auch das gleiche Schicksal teilt. Gerade bei einem Spiel, welches die Kehrseite des Krieges beleuchten will, würde ich mir viel mehr Zwischenmenschliches, Abseits vom Handel mit Fremden wünschen. Dieses Potential wird leider verschenkt. Nichts desto trotz erschafft das polnische Entwicklerstudio eine Immersion, die bis dato ihres gleichen sucht und zeigt, dass Videospiele viel mehr sind als nur bunte Pixel, die zur Unterhaltung dienen. Es ist wünschenswert, wenn sich andere Entwickler von diesem Experiment und dieser Mut inspirieren lassen und unsere geliebten Videospiele auf ein neues Level bringen!

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