Life is strange Episode 1: Chrysalis im Test

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Titel
War das alles nur ein Traum? Was hat es mit dem Sturm auf sich?

Die Entwickler von DONTNOD Entertainment, die zuletzt mit Remember Me einen durchaus interessanten Ausflug ins Action-Adventure-Genre gemacht haben, liefern nun gemeinsam mit Square Enix ein Adventure im Episodenformat. Remember Me hatte zwar in Sachen Gameplay ein paar kleinere Designschnitzer, Story, Charaktere und das Artdesign konnten aber durchaus überzeugen und haben u. a. auch mich den Controller nicht mehr zur Seite legen lassen. Begeistert der neue Titel, rund um eine Teenagerin mit der Kraft die Zeit zu manipulieren, ebenfalls? Und motiviert die erste Episode mit einer Spielzeit von ca. 2 Stunden zum Kauf der nächsten Folge oder gar der gesamten Staffel?

Wo zum Henker bin ich?

Zum Spielbeginn finden wir uns in einem dunklen Wald wieder und versuchen einen Leuchtturm zu erreichen und dort Schutz zu suchen. Ähnlich wie in den Telltale Titeln fällt hier sofort die direkte Steuerung auf: wir lenken die Protagonistin Max den Pfad hinauf, statt nur irgendwo hinzuklicken und zu warten, bis sie dort hingeht. Am Leuchtturm angekommen, können wir von der Klippe aus auf die Stadt und das Meer unter uns sehen. Ein riesiger Wirbelsturm droht alles zu zerstören… der Leuchtturm wird beschädigt, Trümmer fallen in unsere Richtung… vorbei. Die 18 Jahre alte Max erwacht wie aus einem Traum in der Kunstklasse der Blackwell Academy in den USA, Oregon. War das wirklich ein Traum? Es fühlte sich doch so echt an. Während der Lehrer höchst motiviert auf seine Schüler einredet, hören wir Max Gedanken und können uns ihren Tisch ansehen und u. a. auch in ihrem Tagebuch lesen.   Hier werden viele Hintergrundinformationen zu den anderen Charakteren erfasst sowie anhand von Max Tagebucheinträgen auch einiges über die begabte Jungfotografin preisgeben. Die Texte sind toll geschrieben und helfen dabei, weiter in die Welt von Life is strange und der darin vorhandenen Charaktere zu versinken. Schöner wäre natürlich gewesen, wenn man die Option hätte, die Texte von Max vorlesen zu lassen. Ohne die Texte verpasst man doch recht viel und lesefaule Spieler werden nach schnellem Durchklicken das Tagebuch vermutlich nie wieder öffnen. Nett auch, dass man hier auch SMS lesen kann und auch immer wieder weitere SMS von anderen Charakteren erhält. Hier sind, zumindest in dieser Episode, zwar keine Einflussmöglichleiten auf die Gespräche vorhanden, aber man sieht und hört die Max ihre Antworten tippt und kann das Gespräch direkt mitverfolgen.

War das alles nur ein Traum? Was hat es mit dem Sturm auf sich?
War das alles nur ein Traum? Was hat es mit dem Sturm auf sich?

Kein „täglich grüßt das Murmeltier“ …oder doch?

Nach dem Prolog wird schnell klar, dass hier weniger Rätseleinlagen, sondern die Geschichte, die Figuren und auch getroffene Entscheidungen die zentralen Rollen spielen. Das Spiel meldet bereits beim Start, dass Entscheidungen Konsequenzen nach sich ziehen werden. Inwieweit das auch episodenübergreifend eingehalten wird, kann man jetzt natürlich noch nicht beurteilen. Aber bereits innerhalb der Episode lässt sich an einigen Stellen nachvollziehbar und logisch erkennen, was hätten anders laufen können, wenn Max zuvor anders reagiert hätte. Hat man z. B. die Wahl zwischen dem Eingriff in ein Gespräch oder das schießen eines Fotos der Gesprächspartner, wird später im Spiel (aber auch nur bei einer von zwei möglichen Entscheidungen) klar, wozu man das Foto hätte verwenden können. Um Spoiler zu vermeiden möchte ich an dieser Stelle nicht genauer ins Detail gehen aber ein Entscheidungs-und-Konsequenzen-System funktioniert nur dann gut, wenn das Spiel es erreicht, dass sich der Spieler ernsthaft Gedanken gemacht und im späteren Spielverlauf sogar Entscheidungen bereut oder erneut durchdenkt und weitere Konsequenzen fürchtet. Und all dies funktioniert in dieser Episode bereits hervorragend! Sobald Max die Fähigkeit erlangt hat, die Zeit zu manipulieren, wird dies zum Hauptaspekt des Spiels. Wir haben in einem Gespräch eine Frage falsch beantwortet? Kein Problem! Kurz die Zeit zurückgedreht und alternative Antworten ausprobiert. Dies wiederholen wir, falls wir dies möchten, bis wir die richtige Antwort gegeben haben. Gefällt uns das Ergebnis trotzdem nicht, können wir aufs Neue zurückspulen. Abseits der Dialoge gibt es auch wenige, fast schon klassisch anmutende, Rätsel. So betätigen wir einen Schalter und sehen das Ergebnis. Da es uns nicht zum Ziel führt bzw. nur in Teilen, drehen wir die Zeit zurück, manipulieren die Umgebung ein wenig und betätigen den Schalter erneut. Schon ist das Rätsel gelöst.  

Die Blackwell Academy, nur eine Ansammlung von Klischees?
Die Blackwell Academy, nur eine Ansammlung von Klischees?

Klischees oder doch mehr?

Die Charaktere sind es, die auch einen Großteil des Reizes des Spiels ausmachen. Auch wenn technisch insgesamt deutlich mehr drin gewesen wäre, zeigen DONTNOD Entertainment auch hier wieder, dass sie eine stimmungsvolle Welt erschaffen können. Der Mikrokosmus an der Blackwell Academy, mit einer tollen Soundkulisse untermalt, strotzt nur so vor Teeniefilmklischees: hochnäsige, reiche Gören, stumpfe Sportler, verschlossene Nerds, coole Skater, ein merkwürdiger Hausmeister etc. Soweit so klischeehaft. Aber in den Dialogen stellst sich schnell heraus, dass hinter den Charakteren mehr steckt, als oberflächliche Analysen vermuten lassen. Die eingebildete Anführerin der „beliebten Mädchen“ erweist sich im Gespräch, vorausgesetzt man wählt die passenden Antworten, doch als zugänglich und sogar nett raus. Doch was hat es mit Max Fähigkeiten auf sich? Wer ist das Mädchen aus den Vermisstenanzeigen, mit denen der Campus überschwemmt wird und was ist mit ihr geschehen? Das können uns wohl nur die kommenden Episoden verraten.

Was stimmt bloß nicht mit Chloe?
Was stimmt bloß nicht mit Chloe?

 

Fazit:

Life is strange ähnelt in der Struktur zwar den Telltale Games Titeln, bleibt aber dennoch eigenständig. So glänzen Quick-Time-Events als auch sonstige hektische Actioneinlagen durch Abwesenheit und lassen so genug Raum für die ruhig erzählte und doch spannende Geschichte. Episode 1 wirkt dabei wie der erste Teil eines Superheldenkinofilms, den sogenannten „Originstories“, also Ursprungsgeschichten. Ort der Handlung und Charaktere werden eingeführt, Superkräfte werden plötzlich erlangt und man erfährt viel über den Hintergrund der Hauptfigur. Die Teeniefilmklischees sind eindeutig vorhanden und stehen auch deutlicher im Vordergrund als das Zeitreiselement und sind vielleicht nicht jedermanns Sache. Dafür handelt es sich um ein unverbrauchtes Szenario und DONTNOD Entertainment beweisen großen Mut, ihren Titel mit diesem ruhigen Konzept in diesem Setting zu verorten. Fans von ruhig erzählten, interessanten Geschichten und Jugendbüchern sollten definitiv zuschlagen. Wer sich unsicher ist, sollte das Erscheinen der gesamten Season und unserem abschließenden Urteil über die Staffel abwarten. Wenn auch in den kommenden Episoden mit der Musik so zielgerichtet und passend umgegangen wird wie im Auftakt, entwickelt der Soundtrack einen eigenen Charakter, ähnlich der Musik im Marvel Kinoabenteuer Guardians of the Galaxy. Ich möchte die neue Episode lieber heute als morgen! Mal sehen was uns der März so bringt. Neue Episoden sollen im 6 Wochentakt erscheinen.

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