Project Cars im Test

Simulation ahoi!

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Project Cars hat ein ambitioniertes Ziel: Es möchte gerne die beste Rennsimulation sein, die es momentan für Geld zu kaufen gibt. Dafür hat Slightly Mad Studios einen eigenwilligen aber erfolgreichen Weg gewählt: Anstatt einen Publisher an der Seite zu haben, haben sich die Entwickler das Spiel von der Community finanzieren lassen. Und das mit großem Erfolg. Dafür wurden die Spender in die Entwicklung des Spiels einbezogen, konnten Wünsche und Verbesserungsvorschläge frei und direkt beim Entwickler äußern. Gute Voraussetzungen für das hoch gesteckte Ziel, schließlich ist das Spiel somit direkt von Rennspiel-Fans auf Rennspiel-Fans zugeschnitten worden. Transparenz statt verschlossene Türen. Ob sich die Idee, die Zusammenarbeit von Entwickler und Fans und die lange Wartezeit ausgezahlt haben, lest ihr hier bei uns im Test!

Leid und Freud‘…

Meine Sicht ist getrübt, der Helm schränkt mein Sichtfeld an den Rändern ein, dennoch erblicke ich durch eine kluge Kopfbewegung die nächste Kurve, erahne ihren Winkel und nehme sie elegant mit einer leichten Berührung der Curbs.  Mein Pagani Zonda Cinique Roadster lässt sie alle hinter sich, seine 678 PS sorgen für einen glühenden Tacho. Eine Kurve fehlt bis zum sicheren Sieg. Ich lenke ein, doch zu stark. Mein Auto bricht aus, es folgt die Drehung, das Rennen ist gelaufen und das kurz vor dem Ziel. Leid und Freude zugleich. So oder so ähnlich laufen viele Rennen in Project Cars ab. Fehler kurz vor der Ziellinie sind seit jeher  immer schon Gift für das menschliche Nervenkostüm. Doch in Project Cars wissen wir nicht genau, ob wir nun laut aufschreien oder doch lieber schmunzeln sollen. Grund dafür ist DAS Schlagwort für dieses Spiel: Simulation. Wer hier ein Forza Horizon erwartet, ist komplett falsch. Die Rennen finden ausschließlich auf dafür vorgesehenen Rennstrecken statt. Aber auch Titel wie Grid 2, Forza Motorsport 5 oder Gran Turismo 5 lassen sich trotz Rennsimulations-Charakter nicht mit Project Cars vergleichen. Warum? Project Cars zeigt gekonnt, dass die gerade genannten Titel eigentlich nichts mit einer waschechten Rennsimulation gemeinsam haben. Das Spiel zeigt eindrucksvoll, wie ein noch so kleiner Fehler uns das gesamte Rennen kosten kann. In der letzten Kurve.  Nach bereits 40, fehlerfrei gefahrenen Runden mit 2 Boxenstopps. Das ist real. Das ist Simulation. Und zwar ohne Rückspulfunktion. Wer dieses Spiel kauft muss sich diesen Gedanken immer wieder ins Gedächtnis rufen, ansonsten wird man keinen Spaß mit Project Cars haben können. Eingangs ist es nicht nur schwer die PS-Boliden auf der Straße zu halten, es ist schier unmöglich.

Go-Kart, Tourenwagen,Supersportwagen oder wie hier – Formel-Wagen! Es gibt zwar nicht viele Fahrzeuge, aber die Klassen sorgen für Abwechslung!

Das erste Mal…

Im simpel strukturierten Hauptmenü entscheiden wir uns zu Beginn für den Karriere-Modus. Wer hier einen Modus mit vielen Zwischensequenzen und Leben erwartet, der wird enttäuscht sein. Die Inszenierung ist sehr steril und wir klicken uns meist nur durch starre Textmenüs. Dafür können wir im Gegensatz zu vielen anderen Rennspielen selbst entscheiden, in welcher Klasse wir unsere Karriere beginnen möchten: Ob wir mit Go-Karts, Tourenwagen oder Formel-Fahrzeugen unseren Traum vom Rennfahrer verwirklichen, ist uns komplett selber überlassen. Keine aufgezwungenen , langsamen Fahrzeuge zu Beginn, wenn wir uns nicht selber dafür entscheiden. Die meisten werden sich vielleicht dennoch für die eher langsamen Go-Karts entscheiden, möglicherweise mit dem Hintergedanken, die Steuerung so am besten erlernen zu können. Der Gedanke stellt sich nach wenigen Rennen allerdings als falsch heraus. Als Rennspiel-Anfänger haben wir im Go-Kart so gut wie keine Chance auf die vordersten Plätze. Bei der kleinsten Berührung fliegen wir in die Bande. Die Steuerung ist derart komplex, dass es selbst nach 20 Rennen noch zu Unfällen an allen Ecken und Enden der Strecke kommt. Für eine Rennsimulation üblich, stehen dem Rennspiel-Neuling unzählige zuschaltbare Fahrhilfen zur Verfügung, darunter Traktionskontrolle, Bremshilfen in verschiedenen Abstufungen und die mittlerweile obligatorische Ideallinie. Aber selbst mit dem vollen Paket an Hilfen fällt es uns schwer, das Kart auf der Straße zu halten. Das ändert sich kaum, als wir eine andere Fahrzeug-Klasse wählen, mit dem Unterschied, dass wir nicht mehr durch jede Berührung aus der Bahn geworfen werden. Alle Fahrhilfen aktiv können aber auch hier nicht verhindern, dass wir nicht aus der Kurve fliegen. Mit einem Lenkrad statt eines Controllers als Steuerelement kann die Sache schon ganz anders aussehen. Aber wie viele Spieler haben schon ein Lenkrad zuhause? Mit dem Controller ist es zu Beginn unmöglich, ein Rennen ohne Fehler zu beenden. Frust ist an dieser Stelle vorprogrammiert und wird sicherlich dafür sorgen, dass viele Spieler das Handtuch schmeißen.

Einmal berührt, fliegen wir zu Beginn ohne Wenn und Aber aus der Bahn! Übung macht den Meister!

Hoffnungschimmer…

Dennoch: Unzählige Rennen später, wenn uns tatsächlich nur noch ein oder zwei Fehler pro Rennen heimsuchen, beginnt das Spiel zu wirken. Frustrierter Spieler kann über die Steuerung sagen was er will: Project Cars ist in puncto Steuerung die momentan realistischste Rennspielsimulation auf dem Markt! Und auch an anderen Stellen kann das Spiel Punkte sammeln. Die eingangs angesprochenen Rennserien bieten eine gute Abwechslung untereinander: Da gibt es die kleinen, leicht ausbrechenden Go-Karts, die stabileren Touren-Wagen, die pfeilschnellen Formel-Autos, sowie den ein oder anderen Sportwagen. Schade ist, dass es nur 80 Fahrzeuge gibt und die meisten davon nicht in Straßenausstattung, sondern ausschließlich in Rennoptik (mit Werbung, Vinyls etc.) daher kommen. Kosmetische Tuning-Möglichkeiten gibt es übrigens keine, allerdings kann sich Rennspiel-Perfektionist in vielen Detaileinstellungen des Wagens verlieren. Auch außerhalb der PS-Boliden können wir viele individuelle Einstellungen vornehmen. Wir können z.B. vor jedem Rennen die Stärke der Konkurrenz anpassen. Bei den Einzelspieler-Rennen außerhalb der Karriere können wir ebenfalls alles einstellen. Möchten wir gerne mit dem Training beginnen, oder lassen wir das weg und starten sofort in der Qualifikation? Sogar wie sich das Wetter im Laufe des Rennens verändern soll, kann von uns manuell angepasst werden.

Optisch sehr hohes Niveau: Licht, Wettereffekte und Fahrzeuge machen eine sehr gute Figur!

Optisch schick…

Wetter ist auch ein gutes Stichwort, Project Cars macht optisch nämlich eine sehr gute Figur. Vor allem wenn Regen auf die Windschutzscheibe fällt, die milchige Gischt der vor einem fahrenden Auto unter den Reifen hervorspritzt oder das Licht der Lampen von dem glänzenden Lack der Fahrzeuge reflektiert wird. Der Bolide selber kann ebenfalls mit einer starken Detailoptik punkten, vor allem das Interior der Fahrzeuge lässt die Liebe zum Detail erahnen. Eher schwach fällt dahingegen das optische Schadensmodell des Spiels aus. Egal wie stark wir mit unserem Vordermann kollidieren, eine realistische Beule entsteht dadurch nicht. Auch abseits der Strecke hat der Entwickler die Liebe zum Detail vermissen lassen. Die Streckenumgebungen wirken meist trist und leblos. Die Umgebung sehen wir allerdings kaum, das Spiel bietet uns nämlich nur eine einzige Außenperspektive. Spieler die lieber alles im Blick haben, werden an dieser Stelle sauer aufstoßen, Spieler, die sowieso lieber in der Cockpit-Perspektive agieren, haben Grund sich zu freuen. Davon gibt es nämlich gleich mehrere: Einmal befinden wir uns direkt auf der Motorhaube, ein anderes Mal hinter dem Lenkrad, wieder ein anderes Mal auf dem Rücksitz des Wagens oder wir nehmen den Platz des Fahrer ein, indem wir mit der Helmkamera spielen. Letztere birgt den meisten Realismus und ist gleichzeitig die beste der vorhandenen Perspektiven. Fahren wir auf eine Kurve zu, bewegt sich der Kopf automatisch so, dass wir die wichtigsten Punkte der Kurve einsehen können. Die Programmierung an dieser Stelle ist exzellent gelungen, die Helmkamera ist dennoch nichts für Jedermann.

Die Cockpitperspektiven sind allesamt klasse – nur wer gerne von außen spielt, kommt zu kurz!

Steuerung, check, Optik, check….

Soviel zur Optik des Spiels. Besonders wichtig in Rennspielen sind neben Steuerung und Optik aber noch zwei andere Punkte: Die K.I. und der Sound. Wenn die Steuerung nach einiger Zeit einigermaßen sitzt, macht uns die K.I. das Leben zu Hölle. Und das ist keineswegs negativ gemeint, denn die künstliche Intelligenz des Spiels ist rundum gelungen. Je nach eingestelltem Schwierigkeitsgrad überholen sie uns aus dem Windschatten heraus, setzen Innen zu Überholmanövern an, blockieren ihrerseits unsere Überholversuche und nutzen die Fehler der anderen Fahrer aus. Letzteres ist ein sehr menschliches Feature, denn auch die K.I. ist nicht frei von Fehlern, verbremst sich oder fährt abseits der Strecke. Der Sound reiht sich ebenfalls in die Realismus-Schiene ein und bietet unseren Ohren eine gute Kombination aus Motorgeräuschen, Getriebeproblemen, Schaltvorgängen, Boxenansagen und Zusammenstößen. Ein Fest für alle Motorsport-Fans.

Fazit:

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Findet ihr das Spiel auch so knifflig?

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