The Witcher 3 im Test

Der Hexer ist zurück!

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Das polnische Entwicklerstudio CD Projekt Red hat nicht gerade niedrig gestapelt, als The Witcher 3 angekündigt wurde. Man versprach uns Spielern das bestmögliche Spiel als vorläufigen Abschluss der Hexer-Saga. Die ersten cineastischen Render-Trailer und die ersten Ingame-Trailer auf der E3 begeisterten die Massen mit ihrer dramaturgischen, sowie mit ihrer Grafikqualität. Dazu kommt, dass The Witcher 3 im Gegensatz zu den beiden Vorgängern ein riesiges Open-World-Spiel sein soll. Zuletzt kursierten allerdings allerlei Grafik-Downgrade-Gerüchte, die in zahlreichen Foren und Spielemagazinen zu Diskussionen führten. Aber Grafik ist bekanntlich nicht alles und mit oder ohne Downgrade: Die Spielemagazine überhäuften das Spiel mit allerhand Lob.  Ob The Witcher 3 tatsächlich der würdige Abschluss der beliebten Hexer-Saga geworden ist, lest ihr hier bei uns im Test!

Lauerstellung….

Schweigend kniet er im Dickicht, seine gelblichen, katzenhaften Augen analysieren die Spuren im Gras. Langsam und lautlos zieht er seine silbrige Klinge, die Oberfläche glänzt im Licht der untergehenden Sonne. Seine Hand gleitet in sein Wams, ein Fläschchen mit roter Flüssigkeit kommt zum Vorschein. Sanft streichelt er seine Klinge, umgibt sie mit der Flüssigkeit, die ihm helfen soll sein Ziel schneller zu vernichten. Aufrichten, schleichen, das Gras beugt sich unter seinen Schritten. Dort, hinter dem Baum, ein farbenfrohes Kleid umgibt seine Flügel, sein Schnabel blutverschmiert vom letzten Opfer. Der Greif wird sterben, doch nur einer ist sich dessen bewusst: Gwynbleidd, der Schlächer von Blaviken, auch der Weiße Wolf oder einfach Geralt von Riva.

Geralt und seine beiden Klingen!

Ein Blick zurück…

Der weißhaarige Hexer aus Kaer Morhen stürzt sich in Wild Hunt nun schon in sein drittes Abenteuer. Wild Hunt spielt nach den Ereignissen von The Witcher 2 – Asassins of Kings an dessen Ende das große Nilfgaard aus dem Süden in den Norden nach Redanien einfällt und einen gewaltigen Krieg vom Zaun bricht. Das Land zerfällt, an allen Ecken und Enden finden wir Korruption, Tod, Leid, Rassismus und Folter. Es sind düstere Zeiten und die Reise mit unserem Protagonisten Geralt zeigt uns unverblühmt und hautnah, was Krieg, auch in Fantasy-Rollenspielen, aus Mensch und Umgebung machen kann. Geralt ist allerdings nicht als Friedensstifter nach Redanien gereist, sondern hat rein egoistische Ziele. So ist er auf der Suche nach seiner Geliebten, Yennefer von Vengeberg, die unter mysteriösen Umständen verschwunden ist und kein Lebenszeichen zurückgelassen hat, außer einem einsamen Brief. Seine nun schon ein halbes Jahr andauernde Suche führt Geralt im Prolog des Spiels nach Weißgarten, wo er gemeinsam mit seinem Mentor und Freund Vesemir die schwarzhaarige Schönheit zu finden erhofft. Doch nicht nur Yennefer löst in dem sonst so gefühllos wirkenden Hexer tiefgreifende Emotionen aus, sondern auch seine Ziehtochter Cirilla schleicht sich in Form von Albträumen ständig und ohne Vorwarnung in seinen Kopf. Sie zu finden, wird nach wenigen Spielstunden das Hauptziel des Spiels. Doch während der Suche trifft der weiße Wolf immer wieder auf alte Bekannte seiner Vergangenheit, trifft schwerwiegende Entscheidungen, die den Krieg nachhaltig beeinflussen werden und versucht, die düsteren, todbringenden Dämonen der Wilden Jagd auszuschalten, die ebenfalls auf der Suche nach Ciri sind. Ist Ciri in Gefahr, ist auch die ganze Welt von der radikalen Auslöschung bedroht. Das Ältere Blut muss beschützt werden und Geralt tut alles, um seinem Schicksal gerecht zu werden….

Novigrad ist die größte Stadt im Spiel…und ja…sie ist riesig!

Der Einstieg in Weißgarten…

Bevor Geralt allerdings die große, weite Welt bereisen und sich auf die Suche nach Cirilla machen kann, dürfen wir ein paar Spielstunde in Weißgarten verbringen, bevor wir auf Velen, Novigrad und die Skellige Inseln losgelassen werden. Weißgarten ist das kleinste Gebiet im Spiel, lassen wir das Schloss der temerischen Hauptstadt Wyzima und die Hexerfestung Kear Morhen bei der Zählung außen vor. Insgesamt gibt es fünf Gebiete, die stark in ihrer Größe variieren. Neben dem bereits erwähnten Schloss und der Hexerfestung gibt es das überschaubare Weißgarten, den großen Bereich der Skellige Inseln mit seinen zahlreichen einzelnen Inseln und der großen Hauptinsel, und das mit Abstand größte Gebiet des Spiels mit dem Umland von Velen und der riesigen Stadt Novigrad. Der Umfang der Skellige Inseln ist samt Wassermasse sicherlich größer als die ganze Landschaft von The Elder Scrolls V- Skyrim, Velen und Novigrad sind mindestens doppelt zu groß. Werden wir nach den ersten 7-9 Spielstunden auf die große Landschaft losgelassen, stellt sich schnell die Frage, wo genau wir anfangen wollen diese riesige Map zu erkunden. Nachdem wir Weißgarten „abgeschlossen“ haben, steht uns die Spielwelt theoretisch sperrangelweit offen. Sowohl Velen, als auch die Skellige Inseln stehen uns zur Verfügung. Theoretisch. Wollen wir nämlich zuerst auf die Skellige Inseln, müssen wir dafür happige 1000 Kronen berappen. Und Geld ist am Anfang durchaus Mangelware. Und selbst wenn wir doch genug Geld gesammelt haben, werden wir auf den Inseln schnell feststellen, dass wir noch nicht stark genug sind.

An allen Ecken lauern Gefahren: Hier ein heranstürmender Bär!

Viele, böse Monster…

Überall in der Spielwelt sind nämlich Monster, Piraten, Banditen und allerhand Ungetüm verteilt, die jeweils ihren eigenen Level besitzen. Dabei steigt das Level der Gegner übrigens nicht proportional mit unserem an. Kehren wir zehn Level weiter wieder an die gleiche Stelle zurück, werden wir erneut die gleichen Wildhunde Stufe 1 wiedertreffen. Das Level steigt nicht mit. Ein anderer Umstand verhindert allerdings, dass wir in bereits erkundeten Gebieten einfach alle Schätze einsacken können. Da, wo wir gerade noch Wildhunde Level 1 besiegt haben, können wir an der nächsten Ecke auf einen Basilisken Stufe 14 treffen, der uns mit einem Schlag das Leben nehmen kann. Damit unterteilen die Entwickler die Gebiete nicht in einzelne Levelbereiche, sondern platzieren wahllos Gegner in unterschiedlichen Stärken nur wenige Meter voneinander entfernt. Das kommt der Realität natürlich deutlich näher! Reiten wir übrigens einmal zu weit in einen Wald hinein, werden wir mit dem Satz „Hier warten nur noch die Drachen“ auf einen Gebietsgrenze hingewiesen. Reiten wir zu weit, werden wir anschließend einfach per Teleport wieder ins Gebiet zurückgesetzt. Charmant, aber einen echten Drachen zu treffen, der uns mir nichts dir nichts wegputzt, wäre deutlich effektvoller gewesen.

Emotionen, Dramatik, Tod und Liebe….

Es gibt allerdings keinen Grund für uns, am Rand der Map herumzulaufen und Trübsal zu blasen, schließlich bietet die Spielwelt tausende Möglichkeiten der Unterhaltung. Alleine mit der Hauptgeschichte des Spiels können wir uns circa 40 Stunden aufhalten. Obwohl aufhalten in diesem Fall nicht einmal ansatzweise das richtige Wort dafür ist, schließlich ist es wahrlich ein Genuss der Handlung rund um den Hexer und seinen Vertrauten zu folgen. Wir kämpfen gegen die Wilde Jagd, erleben Tod und Verderben in den Reihen bekannter Charaktere, fühlen Schmerz, Trauer, Glück und Erleichterung. Die Geschichte rund um die Suche nach Ciri vermittelt derart viel Emotionalität, soviel Dramatik, dass sie mit zu dem besten gehört, was ein Rollenspiel jemals hervorgebracht hat. Und selbst Nebenhandlungen wie die Hilfe  für die befreundete Magierin Keira Metz oder Sigismund Dijkstra, dem Geheimdienstchef des Königs Visimir von Redanien, spielt sich keinesfalls wie eine 0815- Nebenquest. Das Gegenteil ist der Fall. Alle Nebenhandlungen, vor allem diese mit aus den Romanen des polnischen Autors Andrzej Sapkowski  bekannten werden exzellent erzählt und jede einzelne ist abwechslungsreicher als die andere. In Wild Hunt „suchen wir keine 20 Blumen dieser und jener Art“ oder „töten 10 Ghule“ und kehren stolz zu unserem Auftragegber zurück, sondern jede Quest besitzt ihre eigene Rahmenhandlung.

Der kleine Hansi hier ist Teil einer sensationellen Questreihe!

Der Entdecker in uns….

Innerhalb der Quest-Riege gibt es dabei allerdings ein paar Abstufungen: Neben den großen Quest-Reihen für Romanfiguren, gibt es auch normale Einzelquests, die wir nach 10-15 Minuten abgeschlossen haben. Zusätzlich dazu finden wir auf der Karte auch immer wieder ein gelbes Ausrufezeichen, welches uns den Aufenthaltsort einer kleinen Zusatzquest offenbart. Hier verbrennen wir einige Leichen, damit die Ghule sich nicht an ihnen laben können und an anderer Stelle retten wir einen Nilfaarder-Soldaten vor einem wütenden Lynchmob. Diese Quests dauern meist nicht mehr als 2-3 Minuten, füllen die Spielwelt trotzdem mit einer gehörigen Portion Leben. In besonderen Quests kann Geralt überdies seinem eigentlichen Beruf als Hexer nachgehen und Monster zur Strecke bringen. Gegen einen Obolus versteht sich. Wer sich lieber als Schatzsucher beweisen möchte, muss nur das richtige Stück Pergament finden und schon können wir in alten Ruinen oder Unterwasser nach einer Truhe suchen, die meistens ein seltenes Schwert oder eine seltene Rüstung beherbergt. Auch abseits der Quests gibt es für Geralt sehr viel zu tun. Anschlagtafeln in Städten und Dörfern offenbaren uns schließlich nicht nur neue Quests, sondern enthüllen auch die Karte und offenbaren interessante Orte, die es für uns zu erkunden gilt. Hinter diesen weißen Fragezeichen verbergen sich z.B. ein Banditenlager, ein Monsternest, welches es mit einer Karatsche zu zerstören gilt, eine Person in Not, ein bewachter Schatz, ein von Monstern eingenommenes Dorf oder ein Ort der Macht, der uns einen Fähigkeitenpunkt verleiht und uns bei jedem erneuten Besuch stärkt. Wem das noch nicht reicht, der kann sich noch mit einigen Minispielen vergnügen: Wir können um Tavernen ein paar gepflegte Faustkämpfe abhalten, unser Pferd Plötze in einem Pfererennen an ihr Limit treiben oder unsere Zeit mit dem Kartenspiel Gwint verbringen. Letzteres hat dank der großen Vielfalt an Karten und Möglichkeiten Potential für ein kurzweiliges, aber durchgehend taktisches Kartenspiel.

Schonungslose Realität statt süßem Zuckerguss-Überzug!

Detailverliebt finster….

Ein komplettes, von Vorne bis hinten durchdachtes Kartenspiel in einem anderen Spiel? Ja, CD Projekt Red glänzt nicht nur an dieser Stelle mit seiner Liebe zu diesem Spiel. The Witcher 3 wirkt wie ein riesiger Fantasy-Rollenspiel-Spielplatz, wo es an allen Ecken und Enden etwas Fantastisches zu entdecken gibt. Das Wörtchen „fantastisch“ bezieht sich in diesem Fall auf die Deatilverliebtheit, die CD Projekt hier an den Tag gelegt hat, nicht auf den eigentlich düsteren, verfallenen Inhalt der Spielwelt. Diese ist nämlich vielerorts sowas von Trostlos und spielt mit Tabuthemen wie Vergewaltigung, Fehlgeburten, Kannibalismus und Hexenverbrennung, dass Gänsehaut und Emotionen beim Spieler sicherlich keine Seltenheit sein werden. Das Spiel ist kein Rollenspiel, welches eine eigentlich heile Welt vortäuscht, wo es  diesen einen Bösewicht gibt, aber sonst ist alles gut! Nein, The Witcher 3 zeigt uns Spielern eindrucksvoll, wie eine mittelalterlische Welt ausgesehen haben kann, die schönen, aber vor allem die hässlichen Facetten. Selbstverständlich untermalt mit der nötigen Fantastik eines Fantasy-Rollenspiels. An dieser Stelle erinnert das Spiel wahrlich an Game of Thrones.

Die Skellige-Inseln bieten mit ihrem Wikinger-Flair einen rauen Kontrast zum grünen Festland!

Filmreif….

Das würde auch gut zur Geschichte passen, denn diese ist wie im Fantasy Epos Game of Thrones mit solch einer Dramatik behaftet, dass wir zwischenzeitlich das Gefühl haben, einen Film zu bewundern. Die englischen, aber vor allem die deutschen Dialoge sind derart stimmig und die Perspektivwechsel der Kamera und die zahlreichen Schnitte innerhalb einer Szene fangen die Stimmung derart gut ein, dass wir an manchen Stellen staunend vor dem Bildschirm sitzen. Auch wenn wir schon bessere Beispiele für ausgefeilte Gesichtsmimik gesehen haben, wollen wir aus unserem Gegenüber dennoch alle Zusatzinformationen herausquetschen, die uns im Dialogfenster zur Verfügung stehen. Und davon gibt es einige, schließlich können Fans der Romane hier unzählige Hintergrundinformationen abschöpfen. Dazu kommt, dass die Dialoge meist eine gute Balance aus Humor und Tiefe erreichen, aber durchgehend passend zur aktuellen Situation und Person, mit der wir interagieren. Dabei bleibt uns wie im Vorgänger oder Dragon Age: Inquisition meistens die Wahl, wie wir mit unserem Gegenüber umgehen wollen. Fragen wir nach Zusatzinformationen oder wollen wir direkt zur Sache kommen? Meiden wir unseren Gegenüber oder zeigen wir Mitgefühl? Große Auswirkungen haben viele solcher Entscheidungen allerdings nicht, meistens reagiert unser gegenüber nur dementsprechend freundlich oder wütend auf unsere Antwort. Größere Konsequenzen können wir tatsächlich nur wenige Feststellen. Auch wenn wir am Ende einer Quests meist entscheiden können, was wir tun, ist das Resultat nach Abschluss der Quest meistens von niedriger Bedeutung und findet selten Erwähnung. Die Bevölkerung reagiert meistens sowieso leider nicht auf unsere Taten. Dennoch gibt es auch die ein oder andere schwerwiegende Entscheidung, die sogar das Ende des Spiels entscheidend verändern kann. Dennoch vermissen wir etwas die vollständige Immersion.

Das ist Velen! Allein Velen samt der Hauptstadt Novigrad sind größer als die Spielwelt in Skyrim!

Viel zu tun ohne Pause…

Wir merken an dieser Stelle an: The Witcher 3 ist kein kleines Spiel, welches wir in wenigen Spielstunden wieder zur Seite legen können. Circa 80 Spielstunden haben wir mit Geralt von Riva zugebracht und dabei einiges in der Spielwelt unentdeckt gelassen. Freunde des gepflegten Sammeltriebs kommen sicherlich auf gute 150-200 Spielstunden. Denn auch abseits von Hauptquests, Nebenquests, Minispielen und Dialogen besticht The Witcher 3 mit Umfang, Umfang und noch ein wenig mehr Umfang. Schließlich gehen wir aus den ganzen Quests und Nebenaufgaben nicht mit leeren Händen hervor, sondern bekommen ordentlich Füllung für unser limitiertes Inventar. Irgendwie muss sich ein Hexer schließlich verteidigen, und was hilft dabei besser als eine Vielzahl an verschiedenen Stahl- und Silberklingen die unserem Hexerarsenal zur Verfügung stehen. Waffen finden wir genauso wie Rüstungsteile in Truhen oder in Fässern, ansonsten können wir sie einfach bei den zahlreichen Händlern und Kaufmännern in und um den Städten erwerben. Die besten Ausrüstungsstücke können wir allerdings nicht käuflich erwerben, sondern müssen sie selber herstellen. Dazu benötigen wir das passende Schema, sowie die notwendigen Materialien. Schemata finden wir wiederum bei Händlern oder in wertvollen Truhen, Materialien sind überall in der Umgebung verteilt. Neben dem Handwerk können wir auch Tränke brauen und eigens Öle herstellen, die wir auf unsere Klingen schmieren. Das nennt sich dann Alchemie. Wer sich in die höheren oder sogar den höchsten Schwierigkeitsgrad des Spiels traut, wird ohne Alchemie nicht auskommen. Schließlich erhalten wir durch die verschiedenen Tränke, Öle und Absude allerlei Vorteile gegenüber der aggressiven Flora und Fauna, die allesamt ihre eigenen Stärken und Schwächen besitzen. Eine geisterhafte Erscheinung z.B. müssen wir zuerst mit dem Yard-Zeichen materialisieren, Wölfe können eine lange Zeit mit dem Aard-Zeichen betäubt werden. Mit dem Wissen aus dem Bestarium können wir uns somit perfekt auf jeden Kampf vorbereiten. Das Bestarium ist im Menü zusammen mit den Charakterbiographien übrigens noch der visuell ansprechenste Unterpunkt. Das Inventar hingegen strotzt nur so vor Unübersichtlichkeit, eine Filter- oder Sortierfunktion vermissen wir schmerzlichst bei so vielen, unterschiedlichen Sammelobjekten. Auch der Charakterbildschirm ist visuell wenig ansprechend geworden.

Zeichen retten uns in schwierigen Situationen das Leben. Hier wird Geralt Igni auf die finstere Kreatur Waldschrat!

Eredin, Anführer der Wilden Jagd!

Schwert, Zeichen, Öl…

Beginnt der Kampf, stellt sich The Witcher 3 als sehr actionlastiges Spiel heraus, dass dennoch mit ein paar taktischen Aspekten aufwarten kann. Dazu gehören unter anderem Öle, Tränke und Absude, wobei letztere uns übermenschliche Fähigkeiten verleihen, die sogar über die eines normalen Hexers hinausgehen. Wölfe und Wildhunde greifen meistens in Rudeln an, Erscheinungen müssen materialisiert werden, Ertrunkene sind anfällig gegen schnelle Angriffe und Banditen mit Schild müssen von hinten attackiert werden. Im Kampf können wir entweder per Ausweichmanöver oder Fluchtrolle einem gegnerischen Angriff ausweichen, starke, langsame oder schnelle, schwache Angriffe sorgen für Schaden. Zusätzlich haben wir die Möglichkeit, unseren Gegner mit Zeichen zu bekämpfen, Feuer zu beschwören oder einen Schild um uns aufzubauen. Begegnen euch sogar fliegende Feinde, können wir sie per Armbrustschuss vom Himmel holen. Das ist eigentlich alles, was wir über das Kampfsystem von The Witcher 3 wissen müssen. Es gibt viele Möglichkeiten unser Gegenüber auszuschalten oder auszubremsen, am Ende wird der Kampf aber vor allem durch die Action bestimmt, resultierend aus den geschmeidigen Bewegungen und Effekten des Hexers. Kämpfe in Innenräumen verlangen übrigens eine erweiterte Portion Taktik, da die Kamera meistens nicht so will wie wir und an einem Dachbalken hängen bleibt. Zum Glück gibt es davon nicht so viele!

Das ist Cirilla, die Ziehtochter von Geralt und der Grund für die ganze Sucherei!

Zu einfach…

Die Kämpfe in The Witcher 3 hängen auch mit dem wohl größten Manko des Spiels zusammen: Die Spielbalance. Zwischenzeitlich schlüpfen wir in die Rolle von Ciri und erleben ihre Geschichte mit. Die Kämpfe hier sind über alle Maßen simpel, da Ciris Leben durchgehend regeneriert. Das wäre in diesen kurzen Abschnitten in Ordnung, allerdings werden auch die Kämpfe mit Geralt mit der Zeit viel zu einfach. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir mit Nebenquests und kleinen Aufgaben nur so zugeschüttet werden und schon sehr schnell die Levelempfehlung für die Hauptquests um 3 bis 4 Level überschritten haben. Dadurch werden die Kämpfe vor allem in der Haupthandlung viel zu schnell viel zu einfach. Auch einige Nebenquests leiden unter der nötigen Schwere, der dritte Schwierigkeitsgrad wird für routinierte Spieler somit fast schon Pflichtprogramm. Daher geht vor allem den Bosskämpfen gegen Ende die Puste aus, da sie nicht die nötige, dramaturgisch wichtige Länge und Schwere besitzen! Sollten wir dennoch einmal den Bildschirmtod erleiden, fällt uns direkt noch etwas Negatives am neuen Witcher-Abenteuer ins Auge: Die Ladezeiten. Meistens beginnt der weiße Wolf erst wieder nach mehr als einer Minute auf unserem Bildschirm zu erscheinen. Das ist deutlich zu lang, auch wenn die Spielwelt erst wieder komplett nachgeladen werden muss.

Bildschön….

Ja, die riesige Spielumgebung hat es uns angetan! Von saftigen Weiden, über dichte Nadelwälder, dreckigen Sumpfgebieten, bis hin zu mittelalterlichen, großflächigen Stadtgebieten und weitreichenden Seen. The Witcher 3 bietet eine atemberaubende Spielwelt mit Regen, Stürmen, grellendem Sonnenschein, mit bevölkerten Städten, redseligen Kindern und kreischenden Rabenschwärmen. Die Welt strotzt nur so vor Lebendigkeit, überall arbeiten Männer auf den Feldern und Frauen hängen die Wäsche von der Leine. Zwar hätten wir uns etwas mehr Konversationsfreude von den NPCs erhofft dennoch wirkt die Welt an allen Ecken und Enden lebendig und strotzt nur so vor Details. Grafisch ist The Witcher 3 nämlich ein prachtvolles Spiel geworden. Zwar sieht das Spiel nicht mehr so schön aus wie noch in den Trailern von der E3, dennoch besitzt es einen derart hohen Detailgrad, dass wir zwischendurch einfach nur die Landschaft bewundern wollen. Wenn dazu noch virtuose oder ruhige Geigenklänge die Luft erfüllen, vergessen wir kurzzeitig wie schlecht es um die Spielwelt steht. Und das auf der XBox One, auf der die Grafik deutlich sichtbar nicht mit dem PC mithalten kann. Immer wieder kommt es zu kleinen Rucklern oder Texturen auf Charaktere laden zu spät nach, Keira Metz hat zwischendurch sogar ein riesiges Polygon in der Hand, welches ihr in Dreieckform bis zur Schulter reicht. Dennoch: Optisch ist The Witcher 3 eines der hübschesten Spiele auf der aktuellen Konsolengeneration. Neben kleineren Grafikbugs und langen Ladezeiten gibt es noch ein paar klitzekleine Punkte, die negativ auffallen: So ist das gleichzeitige Reiten und Kämpfen in der Theorie möglich, in der Praxis allerdings kaum bis gar nicht umsetzbar. Das Zielen ist nahezu unmöglich. Haben wir es dann zu einem Händler geschafft vermissen wir als eifriger Klicker eindeutig die Rückkauf-Option. Zudem wundert es uns, dass ein athletischer Kämpfer wie der Hexer bei einem Sprung aus 2 Metern Höhe schon den sofortigen und unnachgiebigen Tod findet. Aber…

Fazit:

….das sind alles Kleinigkeiten. The Witcher 3 bleibt unterm Strich das beste Rollenspielerlebnis, was ich seit langem Erleben durfte. Auch Dragon Age: Inquisition und The Elder Scrolls- Skyrim sind absolute Hochkaräter im Bereich Fantasy-Rollenspiel, aber was The Witcher 3 so besonders macht, ist die Ehrlichkeit und Unverblühmtheit seiner Spielwelt. Nichts ist mit Zuckerguss überzogen, dass Spiel wirft uns in eine realitätsnahe mittelalterliche Spielwelt in der Tod und Leid an der Tagesordnung stehen. Doch es gibt auch schöne Momente und Humor. Und keines dieser erzeugten Gefühle wirkt aufgesetzt. Das kommt natürlich auch von den fantastischen Dialogen die sowohl im Deutschen, als auch im Englischen fantastisch vertont sind. Dazu kommt eine sensationelle musikalische Untermalung, filmreife Zwischensequenzen und abwechslungsreiche, fantastische Geschichten überall in der riesengroßen Spielwelt. Natürlich, The Witcher 3 ist nicht perfekt, dazu gibt es ein paar Punkte, die dagegensprechen. Aber im Gesamten hat CD Projekt genau das abgeliefert, was sie uns versprochen haben: Einen sensationellen Abschluss der Hexer-Saga. The Witcher 3 ist somit eindeutig ein Anwärter für das Spiel des Jahres und das beste Spiel bisher dieses Jahr.

Macht der neue Witcher euch auch so viel Spaß?

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