Assassins Creed: Syndicate im Test

Meuchelmörder Reloaded!

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2016 ist wieder das Jahr des Meuchelmörders. So wie 2015, 2014 und die Jahre davor auch. Mittlerweile ist es der neunte, wirklich große Ableger, den das französische Entwicklerstudio in die Läden bringt. Und erneut gibt es einen vollständigen Setting-Wechsel. Nach den Kreuzzügen, Florenz, Rom, der Türkei, sowie Amerika, der Karibik und zuletzt Paris, geht es im erneuten Kampf gegen die Templer in das von der industriellen Revolution geprägte London. Und es gibt eine weitere Neuerung: Zum ersten Mal spielen wir nicht nur einen, sondern sogar zwei Assassinen. Ebenfalls neu: Eine dieser Assassinen ist weiblich. Wie sich Männlein und Weiblein gegen ihre Widersacher erwehren, lest ihr hier in unserem Test!


 

Ein weinendes Auge…

Zu zweit geht alles einfacher! Ubisoft hat sich dieses Motto sowie die Kritik an der mangelnden Emanzipation des Entwicklerstudios zu Herzen genommen und schickt neben dem charismatischen Ezio-Verschnitt Jacob Frye auch seine Zwillingsschwester Evie auf die Dächer Londons. Wer also hier mit einer Liebesgeschichte zwischen beiden Hauptcharakteren gerechnet hat, hat sich geschnitten! Stattdessen bekommen wir statt einer schnulzigen Romanze ala Unity eine Beziehung von geschwisterlicher Freundschaft bis hin zu allbekannten Neckereien. Aber dazu gleich mehr…. Syndicate  wirkt auf den ersten Blick wie das alljährliche Produkt eines kreativlosen Unterfangens. Ubisoft präsentiert eine neue Stadt, neue Charaktere und das Gameplay ändert sich nur marginal. Vorbei sind die fesselnden Geschichten, die über mehrere Spiele hinausgehen, vorbei ist die Etablierung eines charmanten, charismatischen Assassinen, den man von der Geburt bis zum Tod begleitet. Der in einer solch fabelhaften, immersiven, realitätsnahen Spielwelt von uns gesteuert wird, dass Assassins Creed wohl oder übel als eine der erfolgreichsten Spielereihen bezeichnet werden kann, die es je gegeben hat. Doch mit Assassins Creed 3 fand die Faszination sein Ende, einer der beliebtesten Charaktere der Videospielgeschichte wurde ausgetauscht durch einen humorlosen, steifen und scheinbar niemals auch nur lächelnden Protagonisten. Teil 3 hatte gute Ideen, aber sowohl der Charakter, als auch die Geschichte rund um Connor konnten nicht so fesseln, wie die des Vorgängers. Ubisoft realisierte das und wechselte Setting und Charakter, Edward Kenway war geboren. Assassins Creed 4 konnte hauptsächlich positiv Rezensionen einfahren, die Spielerschaft war allerdings geteilter Meinung. Ich fand es klasse. Doch Ubisoft verwarf eine weitere Spielwelt und widmete sich Paris. Ich glaube ich muss nicht mehr viele Worte verlieren. Der Trend geht eindeutig in Richtung abgeschlossene Spielhandlung. So auch geschehen in Assassins Creed: Syndicate. Wie bereits erwähnt spielen wir das junge Zwillingspärchen Evie und Jacob Frye. Beide sind starke Verfechter der sozialen Ungerechtigkeit in London und wollen ihre Fähigkeiten einsetzen, um die Banden von London aus der heutigen Metropole zu vertreiben. Dabei geraten sie einmal mehr mit den Templern zusammen, die samt Anführer Crawford Starrick auf der Suche nach einem weiteren Edensplitter sind, der irgendwo in London versteckt sein soll. Crawford Starrick beschreiben wir am besten als distanziert, unterkühlt und sadistisch. Er macht einen sehr, sehr guten Job als Haupt-Antagonist im Spiel, das muss man ihm lassen. Dabei lastet nur ein kleiner Makel auf ihm: Er ist rein fiktiv. Das macht seine Persönlichkeit von vornherein weniger imposant als die eines Rodrigo Borgia oder eines Al Mualim.

Mit der neuen Seilrutsche jagen wir über die Dächer des industriellen London!

London vs. Paris…

Dafür hat Ubisoft an anderer Stelle wieder seine Muskeln spielen lassen. Das London zum Zeitpunkt der industriellen Revolution hat wohl noch nie so schön ausgesehen. Altbewährt finden wir zahlreiche bekannte Sehenswürdigkeiten, detailgetreu nachgebildet, wie die Westminster Abbey, den Big Ben, den Buckingham Palace oder den Tower of London. Allesamt detailgetrau nachgebildet und von uns besteig- und bekletterbar. Weniger steinig und objekthaft, aber ebenso detailgetreu finden wir in den Tiefen Londons das ein oder andere bekannte Gesicht aus dem Geschichtsunterricht. Darunter Berühmtheiten wie Karl Marx, Erfinder Alexander Graham Bell und  Charles Darwin, der als Naturforscher und Autor des Werks „The Origin of the Species“ bekannt ist. Für alle erledigen wir in verschiedensten Zeitpunkten der Geschichte Aufträge und werden so fiktiver Teil historischer Ereignisse und Treffen. Das gelingt Ubisoft erneut fabelhaft! Das liegt unter anderem daran, dass die Charaktermodelle zum Schönsten gehören, was Syndicate zu bieten hat. Warum das so auffällt? Naja, Syndicate ist optisch weiterhin ein schönes Spiel, London sieht wie gesagt realistisch und zeitgetreu aus. Doch im Vergleich zum Paris der französischen Revolution stinkt das industrielle London spürbar ab. Die Texturen sind allesamt nicht mehr so detailgetreu, makellos und glatt wie in der französischen Hauptstadt, manche Kulissen fallen optisch durch eine mangelhafte Beleuchtung sogar arg ab. Warum macht Ubisoft so etwas, könnten wir uns an dieser Stelle fragen? Schließlich sah Unity wirklich toll aus. Doch dafür musste es schließlich erst einmal laufen, was zum Release und noch einige Monate danach durchaus problematisch war, wie wir an allen Ecken und Enden des Webs nachlesen konnten. Also schraubt Ubisoft die Grafik runter, um die Performance zu verbessern? Japps. Funktioniert es? Naja, sagen wir so halb. Zu Release gibt es immer noch einige merkliche Framerate-Probleme, doch alles in allem läuft Syndicate besser und runder. Trotzdem stören mich die leeren Gassen und die nur zart befahrenden Straßen Londons. Warum prahlt man bei Unity erst mit Unmengen an Menschenmassen, um umso mehr eben dieser aus dem neuen Ableger zu entfernen?

Als Jacob und Evie Frye werden wir Anführer einer großen Gang!

Bugs und Geschichte….

Syndicate läuft übrigens auch an anderen Stellen keineswegs reibungslos ab. Schon sehr schnell gibt es unbeabsichtigt komische Momente, wenn ein Bücherstapel oder eine Lampe durch die Luft schweben, wo eigentlich der Körper von Jacob, Evie oder einem anderen Charakter sein sollten. Gut, wenigstens gibt es keine halben Gesichter mehr, sondern die Charaktere sind halt ganz weg. Okay, Spaß beiseite. Neben kleineren Schwierigkeiten bei den Script-Sequenzen einiger Quests und den bereits erwähnten Problemen bei der Framerate läuft Syndicate allerdings rund. Wir merken spürbar, dass Ubisoft sich die Kritik am Vorgänger zu Herzen genommen hat. Das Setting stimmt also, bis auf den ein oder anderen Makel, die Charaktere sind passend, toll dargestellt und auch sehr gut lokalisiert. Kann die Handlung rund um Jacob und Evie Frye in der Assassinenkutte also überzeugen? Sagen wir mal jein. Was die Handlung in Syndicate besser macht als im direkten Vorgänger, ist der rote Faden der sich deutlich ersichtlich durch die 9 Stunden zieht. Wir verlieren nie unser Ziel aus den Augen, die Missionen sind sinnvoll verknüpft und die Zwischensequenzen können mit toller Kameraführung und Inszenierung überzeugen. Zudem spielen sich die 9 Stunden durchweg abwechslungsreich, selten wiederholen wir eine Mechanik aus den vorherigen Missionen. Dadurch kommt selten Repetitivität auf. Was weniger gut ist, ist die Tiefe der Geschichte. Diese ist nämlich so gut wie nicht existent. Nach der Tiefgründigkeit, der geheimnisvollen Inszenierung und der tollen mystischen Ader der Ezio-Trilogie suchen wir vergebens, Syndicate erinnert viel mehr an gutes Popcorn-Kino. Eher Transformers statt 12 Years A Slave. Das mag für die einen ein Pluspunkt sein, für mich ist es weiterhin ein wehleidiges Nachweinen gegenüber vergangener, fantastischer Spielemomente in Assassins Creed 2 und co.. Wer zudem auf das Wegfallen der lieblos erzählten Gegenwartsgeschichte aus den Vorgängern hofft, der wird dieses Jahr wieder enttäuscht. Außer einiger Zwischensequenzen und semi-wichtigen Informationen gibt es für uns außerhalb des Animus nichts zu tun. Zumindest wird die Geschichte von zwei alten Bekannten weitererzählt.

Die Kämpfe sind blutig, aber viel zu simpel!

Sinnvolle Arbeit und Schmerzen…

Kehren wir aber wieder nach London zurück, denn hier gibt es noch einiges mehr zu entdecken. So ist London Ubisoft-typisch randgefüllt mit Nebenaufgaben, Sammelaufgaben und Ablenkungsmöglichkeiten. Für Sammellustige heben die Nebenbeschäftigungen die Spielzeit auf ungefähr 40 bis 50 Stunden. Doch Syndicate macht an dieser Stelle einiges besser als Unity. So kommt es uns nicht so vor, Aufgaben abzuleisten, die künstlich die Spielzeit in die Höhe treiben sollen. Vielmehr ist jede Aufgabe mit der Geschichte um die Befreiung Londons verknüpft. Wir befreien Waisenhäuser von der unnachgiebigen Rute der Peiniger, nehmen Bezirke ein, um unser Standing zu verbessern und gründen unsere eigene Gang. Alles ist zielgerichteter als in Unity und das ist sehr gut. Das sorgt für eine verbesserte Immersion. Neu sind zudem Kutschenrennen und Ringkämpfe im Untergrund Londons. Kutschen bieten eine neue Möglichkeit der Fortbewegungsart, die es so in Unity noch nicht gegeben hat. Allerdings wirken die arcadigen Reitpartien sehr aufgesetzt und passen überhaupt nicht in das sonst so realistische Setting. Warum z.B. gibt es eine Rammen-Taste, mit der wir unser gegenüber per Knopfdruck in die Wand befördern können? Die Ringkämpfe hingegen sind überaus spaßig. Apropos Kämpfe! Nicht nur in illegalen Boxkämpfen können wir unsere Fäuste fliegen lassen, sondern auch auf der Straße werden wir des Öfteren blöd von der Seite angepöbelt. Oder wir sind der blöd Anmachende! Im Gegensatz zum gepflegten Schwerkampf greifen wir in Syndicate aber vielmehr auf unsere Fäuste zurück. Das erinnert nicht nur stark an Spiele wie Batman: Arkham Asylum, es sieht auch fast so aus wie selbiges. Allerdings erreicht das Kampfsystem nie die Tiefe und die Vielfalt der Fledermaus aus Gotham. Eher läuft es auf ein gewaltiges Button-Gemashe heraus, als das wir uns im taktischen Zweikampf verlieren. Das sind alles Indizien dafür, dass das gesamte Kampfsystem wieder an Komplexität verloren hat. Wenn wir uns geflissentlich um unsere Fähigkeiten kümmern und nicht gerade zum ersten Mal vor der Konsole sitzen, sollten die Kämpfe spätestens nach den ersten 3-4 Stunden zu leicht von der Hand gehen. Das ist überaus enttäuschend, weil gerade Unity in Sachen Kampfmechanik und Schwierigkeitsgrad einige Fortschritte gemacht hat. Im Gegensatz zum Flattermann von Nebenan fließt in Syndicate aber einiges an Blut. Noch nie wurden die Kämpfe in einem Assassins Creed so schonungslos präsentiert wie hier. Und bluten werden die Gegner unserer beiden Protagonisten definitiv, daran führt überhaupt kein Weg vorbei. Sie haben es aber auch nicht anders verdient. Damit meine ich übrigens nicht, dass die bösen, bösen Templer und Bandenmitglieder endlich durch die gerechte Hand der Assassinen niedergestreckt werden. Vielmehr geht es um die künstliche Intelligenz der Widersacher. Wenn vier Polizisten versuchen uns zu verfolgen und jeder selbiger an unterschiedlichen Objekten in der Spielwelt hängen bleibt und wir uns das ganze Schauspiel von einer erhöhten Position ansehen können, naja….dann sorgt das erneut für ungewollte Lächerlichkeit. Aber auch im Kampf stellen sich einige Gegner einfach nur dämlich an, was unter anderem an zahlreichen Aussetzern liegt. Wir, gefangen in einer Meute von Bizeps-lastigen Schlägern, umringt von kampfeslustigen Kriegern. Und was passiert? Nichts. Wir bleiben stehen tänzeln auf der Stelle, dennoch greift uns bis zu unserem ersten Schlag keiner der Gegner an. Dieses Problem hatten auch die Vorgänger, doch in Syndicate ist das Problem noch deutlicher spürbar. Wer übrigens dem ganzen Blut und den offenen Konfrontationen aus dem Weg gehen möchte, kann sich in vielen Situationen auch mit leisen Sohlen fortbewegen. Von Unity eingeführt macht Syndicate im Bereich Schleichen deutliche Fortschritte, nervige Probleme wie das Festkleben an hüfthohen Deckungen sind fast vollständig behoben worden.

Jacob Frye ist der neue Protagonist der Reihe. Ihm ist im Gegensatz zu vielen anderen Dingen wenig vorzuwerfen.

Fazit:

Syndicate [hier bestellen] macht einiges anders als Unity. Das eine besser, das andere weniger gut. Toll ist, dass es mit Jacob und Evie zwei charmante, spielbare Charaktere gibt. Wir können sie aufrüsten, flexibel zwischen beiden wechseln und die Geschichte ist durchaus unterhaltsam. Das Setting ist wieder mal wunderbar umgesetzt, Sehenswürdigkeiten und berühmte Charaktere sorgen neben düsteren Gassen und breiten Straßen für das nötige Flair. Das hört sich doch alles ganz gut an, aber…. Die unterhaltsame Geschichte bleibt deutlich hinter dem Niveau der Vorgänger zurück. Sie erreicht nicht ansatzweise die Tiefe vergangener Tage. Popcorn statt offene Münder. Und das wunderbar umgesetzte Setting? Naja, toll ist es allemal, aber so makellos wie Paris sieht es definitiv nicht aus. Einige Stellen wirken sogar arg trist. Somit sind beide positiven Faktoren negiert. Doch da hört es nicht auf! Die Kämpfe sind unspektakulärer, Bugs gibt es trotz optischer Abschwächung zur Genüge und…naja….ich vermisse das Niveau der alten Teile. Syndicate ist nicht schlecht, dennoch weit weg von alter Klasse. Im Vergleich mit Unity würde ich hier keinem Spiel dem Vorzug geben.

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