Dragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der Tiefe im Test

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2006 war das Jahr, wo plötzlich aus dem Nichts ein Spiel namens Dragon Quest quasi einschlug wie eine Bombe – eine wahrhafte JRPG-Bombe. Mit Dragon Quest VIII – Die Reise des verwunschenen Königs platzierte Square Enix ein weitere Rollenspiel-Perle auf dem deutschen Markt, die neben Final Fantasy und Kingdom Hearts endlich für Furore sorgte. Danach wurde es etwas still – zumindest auf Sonys Flagschiff. Ist die Rückkehr mit Dragon Quest: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der Tiefe etwa die Offenbarung in Sachen Japan-Rollenspiel? Vorweg: Nein! Aber das muss keine schlechte Nachricht sein…

Kann mich noch gut erinnern, wie ich mit meinen zarten 16 Jahren vor rund 10 Jahren mit dem Dragon Quest-Prinzip infiziert wurde. Doch was für mich in der Vergangenheit völliges Neuland war, entpuppte sich nach genauerer Recherche als etablierte JRPG-Serie in Übersee – und das auch zu Recht. Dragon Quest ist neben Final Fantasy wohl die Serie des fernöstlichen Rollenspiel-Imperiums, welche am meisten Einfluss hatte – und das bis heute. Darum ließ ich mir das Privileg nicht nehmen, Square Enix neuestes Abenteuer auf Herz und Nieren zu überprüfen. Doch was tun, wenn man vorab erfährt, dass die einst hochgeschätzte Dragon Quest-Serie ganz andere Wege einschlagen würde. Japanischer Anime-Stil? Immer noch vorhanden – und wie! Eine Story? Ja… irgendwie schon. Doch wir haben es hier nicht mit einem klassischen Rollenspiel zu tun. Ist Dynasty Warriors euch ein Begriff, kommen wir dem Genre schon etwas näher: Square Enix folgte den Spuren Nintendos und gab dem Entwickler Omega Force die Gelegenheit, mit der Dragon Quest-Lizenz ein Hack&Slay-Abenteuer al’a Hyrule Warriors auf die Beine zu stellen.

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Die beiden Hauptprotagonisten noch friedlich am Bummeln: Lucian und Rita

Gut gekloppt – nicht gefloppt!

Wir schnetzeln uns also mit dem Button-Mashing-Prinzip durch das Dragon Quest-Universum und gewinnen eine Schlacht um die andere. Sehen übrig gebliebene gegnerische Einheiten auf einer Minimap, erfüllen Missionsziele und rüsten uns nebenher in sterilen Shops aus, um noch stärker zu werden. Das klingt ein wenig eintönig, macht aber kurzzeitig sogar Spaß. Ich, der Only-JRPG-Fan, der hier gute Worte für ein Hack&Slay übrig hat – kommt nicht allzu oft vor. Das liegt an der überzeugenden Präsentation, die zusätzlich noch hervorragend inszenierte Film-Sequenzen zu bieten hat. Da fühlte ich mich zu Beginn schon heimisch, selbst wenn die RPG-Elemente ganz klar in den Hintergrund rückten. Aber hey: Es ist Dragon Quest. Wie oft ertappte ich mich dabei, wenn sich der „Aha-Effekt“ bei mir einnistete – sei es der Soundtrack (…da muss man einfach mitsummen!), das Charakter-Design, das Sichern des Spielstands bei einer Geistlichen, die Alchemie zur Erstellung neuer Gegenstände oder die Konzentration während des Kampfgeschehens (der Limit-Move). Charakter-Pflege gibt es natürlich auch, so ist es möglich, neben dem Aufleveln eurer Mitstreiter Fähigkeitspunkte zu vergeben, um zum Beispiel Zauberangriffe den Party-Mitgliedern beizubringen. Mit einem Satz: Ich war zuhause im Dragon Quest-Universum!

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Wenn es auf dem Schlachtfeld rund geht, dann aber richtig: Vernichtet die Gegner mit allem, was ihr habt!

Dragon Quest ist und bleibt Dragon Quest..?!

Da kam mir die Frage: Was genau ist „Dragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der Tiefe“ eigentlich? Ein „B2B“-Programm zwischen Square Enix und Omega Force, um Fans von Dragon Quest und Dynasty Warriors ein Konglomerat der besonderen Art zu bieten. Es ist einerseits die Freude darüber, ein gelungenes Hack&Slay im Dragon Quest-Gewand vorzufinden, aber andererseits auch das weinende Gesicht, eben diese pure Rollenspiel-Koryphäe missen zu müssen. Natürlich ist da viel, das mich an die gute alte Zeit anno 2006 erinnern lässt. Es schmerzt dennoch, diese JRPG-Größe derart fremd vorzufinden – das selbe dachte ich mir aber schon bei Hyrule Warriors aus dem Hause Nintendo. Doch dieses Mal passt die Kombination einfach besser. Die Story ist zwar gewohnt klischeebehaftet, überzeugt dafür umso mehr mit einer stilsicheren Erzählweise und einer guten englischen Sprachausgabe, die sich keine Patzer erlaubt und sich gut in das Gesamt-Szenario einmischt. Ich möchte nicht zu viel verraten: Die einst friedlichen Monster drehen am Rad und nun liegt es an euch, diesen Missstand wieder gerade zu biegen. Tja, den Rest schaut ihr euch selbst an – erwartet jedoch kein Wunderwerk. Bosskämpfe wirken wuchtig, gut in Szene gesetzt und machen Laune. Vielleicht sogar Laune auf mehr. Manchmal wünscht man sich einfach etwas mehr Abwechslung. Insbesondere dann, wenn nach einigen Stunden des Gemetzels die Luft raus ist. Schlecht ist das Spiel bei Weitem nicht, aber es kommt ganz darauf an, welche Erwartungshaltung ihr vor dem Kauf einnehmt.

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Kaum verkennbar: Die Überform „Konzentration“ lässt schnell erkennen, dass Akira Toriyama Hand angelegt hat…

JRPG oder Schnetzler – das ist hier die Frage!

Ihr findet Gefallen an dem etwas eingestaubten, weniger abwechslungsreichen Missionsdesign von Dynasty Warriors, wo es nur darum geht, Monsterhorden den Garaus zu machen? Habt es gern, wenn die Übersicht von Mission zu Mission gegeben ist? Wollt zudem Storytelling und Setting, wie ihr es aus Dragon Quest kennt? Dann werdet ihr mit Dragon Quest Heroes gut und gerne 20 Stunden Spielspaß haben. Solltet ihr jedoch auf der Suche nach einem ernstzunehmenden JRPG sein, das mit Tiefgang, einer großen Welt, Abwechslung und einer Spielzeit von weit über 50 Stunden punktet, werdet ihr mit dem Playstation-4-Einstand keine große Freude haben. Dragon Quest Heroes ist und bleibt ein Fan-Support – auf das große neue, klassische Dragon Quest-Abenteuer müsst ihr wohl noch warten. Hier haben wir eine Neu-Kreation in Sachen RPG: Wir taufen es Casual-RPG! Die visuelle Liebe zum Detail ist nach wie vor da –  aber viele Kleinigkeiten sind weggefallen, vereinfacht oder ersetzt. Da haben wir wohl diesen Wermutstropfen, mit dem jeder JRPG-Fan im westlichen Release-Raum leben muss. Ist das klassische Japan-RPG etwa vom Aussterben bedroht?

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Warum so ernst? Kein Grund zur Sorge! Ich wurde bestens unterhalten….

Fazit:

Meine Sympathie zu der Traditionsserie wurde nicht enttäuscht – im Gegenteil! Dragon Quest Heroes punktet mit viel Charme, überzeugender Technik und einigen bekannten Elementen, die von Veteranen sicherlich wohltuend empfangen werden. Aber so wirklich entfacht wurde diese alte Flamme nun auch wieder nicht. Das liegt einfach daran, dass ich mir sehnlichst ein klassisches JRPG gewünscht hätte. Wer von euch über diesen Umstand nicht sonderlich enttäuscht ist, erhält den mit Abstand stärksten Dynasty Warriors-Ableger, den Omega Force bis dato abgeliefert hat. Zudem beweist der Entwickler, dass man seit Hyrule Warriors dazu gelernt hat. Chapeau, Omega Force! Diese Interpretation macht Hunger auf die nächste Reise ins Dragon Quest-Imperium. Doch dieses Mal wünsche ich mir – bei aller Freundschaft zu entwicklerübergreifenden Projekten – die eindeutige Handschrift der weltweit größten RPG-Schmiede – Square Enix, überrasch‘ mich!

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