Need for Speed im Test

Motor an und auf die Straße!

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Es ist nun zwei Jahre her, dass EA uns ein neues Need for Speed präsentiert hat. Im letzten Jahr kündigten die Entwickler an, dass Spiel erst 2015 rausbringen zu wollen. Eine grundsolide Entscheidung wie wir finden, die sich so einige Spielfranchises einmal zu Herzen nehmen sollten. Sich mehr Zeit für ein Spiel zu nehmen ist immer eine gute Entscheidung. Na gut, sagen wir meistens. Das schürte natürlich auch Erwartungen in das diesjährig veröffentliche, nur Need for Speed genannte Rennspiel aus dem Hause Ghost Games. Erste Bilder präsentierten wilde Verfolgungsjagden in der Nacht, präzises Tuning und eine testosterongeschwängerte Hintergrundgeschichte. Das riecht doch erstmal stark nach alten Stärken von Need for Speed: Most Wanted bis Underground. Ob die Serie wieder zu neuer Stärke findet, lest ihr hier bei uns im Test!


Nostalgie…

Need for Speed. Feurige Sportwagen heizen über den Asphalt, hinter ihnen erklingen die Sirenen unseres Freund und Helfers, der Polizei, die versuchen den Raser mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen. Nadelbänder, aufgerüstete PS-Boliden, EMP. Die Keule des Gesetzes schwingt unerbittlich über unserem italienischen Zugpferd. Das waren noch Zeiten, wo die Polizei für schiere Ausraster gesorgt hat, wenn wir uns nach 15 Minuten doch haben fassen lassen. Most Wanted und Underground 1 & 2 waren durchweg spaßig mit eigenen Höhen und Tiefen. Doch die Faszination bröckelte, ab Need for Speed: Undercover verlor das Franchise immer mehr seine Idenität. Mit Shift ging es Richtung Simulation, vor allem auf Rennstrecken. Mit Forza oder Grand Turismo gab es hier allerdings andere Spiele, die das Rezept besser kochten. Daher wechselte das Franchise wieder zurück auf die Straße, erntete mit Need for Speed: The Run aber den absoluten Tiefpunkt. Most Wanted und Rivals hingegen hielten die Reihe anschließend zumindest noch am Leben, doch die Luft war nun endgültig raus. Das merkten auch die Entwickler, deshalb gab es 2014 ein Jahr ohne das „Bedürfnis nach Geschwindigkeit“. Und nun? Wie ist denn nun das neue Need for Speed mit dem alten Namen geworden?

Hübsch aber leblos….

Beginnen wir mit der Analyse dessen, was wir zuerst zu sehen bekommen: Die Stadt, die Autos, also die optischen Raffinessen. Das Keyword „Frostbite Engine 3“ gibt definitiv die Richtung vor. Die fiktive Metropole Venture Bay, angelehnt an das Los Angeles der realen Welt, sieht wahrlich fantastisch aus. Die Umgebungsdetails, die fantastische Beleuchtung samt realistischer Spiegelungen auf dem Asphalt und schöner Wettereffekte. Klasse! Und die Fahrzeuge stehen dem in nichts nach. Die circa 50 PS-Boliden fügen sich optisch perfekt in die überaus gelungene, optisch ansprechende Kulisse ein. So weit, so gut. Allerdings hat die sonst so perfekte Inszenierung einen überaus großen Makel: Leblosigkeit. So gut wie das Spiel aussieht, so leer ist es auch an Aufgaben oder Interaktivität. Gegenverkehr ist an meistens nicht vorhanden, Passanten vermissen wir übrigens vollends. Dadurch besteht nicht sehr viel Motivation in der fiktiven Metropole auf und abzufahren, es gibt eben so gut wie nichts zu entdecken. Das was es zu entdecken gibt, beschränkt sich dann nur auf Donut-Herausforderungen oder Fotopunkte, sowie überall die Möglichkeit, Kopf an Kopf gegen einen anderen Streetracer antreten zu können. Für einen kurzen Zeitvertreib sicherlich recht motivierend, auf lange Sicht nicht.

Die Frostbite Engine 3 lässt erneut ihre Muskeln spielen!

Zum Weinen…

Aber Moment! Es gibt doch noch etwas abseits der trostlosen Straßen: Eine Handlung. Ja ihr habt richtig gehört. Need for Speed kommt ja seit Jahren nicht mehr ohne Handlung aus, was im Vornherein nichts Negatives bedeuten muss. Meiner Meinung nach kann mit dem Setting konkurrierender Streetracer einiges anfangen, dass zeigen Beispiele im Filmsegment ala Fast & Furious. Doch man kann es eben auch komplett anders machen. Und leider macht das neue Need for Speed überhaupt nichts Attraktives aus dem sich bietenden Szenario. Und das ist tatsächlich noch überaus nett formuliert. Wie kommen die Entwickler auf die Idee, dass ein in über allem Maße unangenehmes, Fremdscham förderndes und amateuerhaftes Rapper-Bro-Coolness-Gehabe der ganzen Charakterriege bei den Spielern für Spannung, Spaß und Interesse sorgen könnte? Das ist eine komplette Fehlkalkulation. Die Zwischensequenzen, die von echten Schauspielern gespielt und vertont sind, wirken derart aufgesetzt, dass in keiner einzigen Sekunde wirkliches Interesse an der Hintergrundgeschichte aufkommen möchte. Schade! Da kommt natürlich wieder die Frage auf, warum muss eine ungenügende Story vorhanden sein, wenn man doch den Rest ganz gut hinkriegt. Und ja, das tut Need for Speed durchaus.

Unser Freund das Auto…

Das liegt unter anderem an dem Umstand, dass es endlich wieder große Individualisierungsmöglichkeiten für die eigene Karre gibt. Wir können alles an unserm PS-Boliden verändern, von Spoilern, über die Folierung der Fenster, Farben der Felgen, Felgentypen, Motorhauben bis hin zum Text auf dem Nummernschild. Optisch können wir zudem den Maler in uns heraushängen lassen und aus einem riesigen Pool an Farben wählen, sowie Materialtypen, Vinyls und anderen designtechnischen Möglichkeiten. Wenn wir dazu keine Lust haben, wählen wir eine von zahlreichen Vorlagen, die sowohl Farbschema, als auch unsere Karosserie mit einem Mal abändern. Aber nicht nur optisch können Veränderungen vorgenommen werden, sondern unter der Motorhaube sind ebenfalls einige Einstellungen möglich. Dazu schalten wir im Laufe der Handlung und darüber hinaus zahlreiche neue Teile für unseren Wagen frei. So können wir ab dann in neue Auspuffanlagen, Bremsen, Reifen, Getriebe usw. investieren. Dabei gibt es aber ein tatsächlich sehr nerviges Problem: Schalten wir etwas Neues frei, wird es für uns sehr schwierig genau dieses neue Tuningteil wiederzufinden. Schuld daran ist der Fakt, dass neue Teile nicht im Menü markiert werden. Ein optischer Hinweis fehlt genauso wie die Einordnung in eine andere Kategorie, die man beispielsweise „Neue Teile“ hätte nennen können. Das stört über alle Maßen, da man sich erst einmal durch das ganze Menü klicken muss und gezwungen ist zu raten, welche Teile neu sind. Auch beim Wagensetup ist nicht alles Gold was glänzt. Erst einmal sei gesagt, dass sich der Wagen wunderbar auf die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt. So können wir uns mit unserem Wagen auf unterschiedliche Rennsituationen einstellen, ob Drifts, ob Rennen oder ob Zeitrennen. Problem dabei: Die angefertigten Setups können von uns nicht gespeichert werden. Jedes Mal müssen die Setups von uns neu angelegt werden, was überaus nervig ist.

Auf der Straße gegen Gummiband und „Cops“….

Wer sich an dieser Stelle übrigens gerade Gedanken darüber macht, ob die Entwickler mit Need for Speed eine neue Rennsimulation auf den Markt bringen wollen, den kann ich beruhigen. Eine Simulation ist das Spiel trotz sämtlicher Einstellungsmöglichkeiten nicht. Auf den Straßen, die, um es an dieser Stelle noch einmal zu erwähnen, optisch wirklich fantastisch aussehen, geht es deutlich arcadiger zu, als in den Einstellungsmenüs. Die Steuerung ist typisch schwammig, das Heck bricht je nach Einstellung deutlich öfter aus als geplant, aber ansonsten lassen sich die Wagen sehr einfach auf der Straße halten. Herausfordernd werden die Rennen dadurch natürlich nicht. Aber dafür gibt es ja die künstliche Intelligenz der gegnerischen Streetracer, oder? Naja. In anderen Spielen würde dies vielleicht als Lob genannt werden, bei Need for Speed ist es das leider nicht. Dieser Umstand liegt an dem bereits aus Vorgängertiteln bekannten, in NFS-Titeln scheinbar obligatorischen, Gummibandeffekt. Es ist unfassbar unbefriedigend, wenn uns kurz vor der Ziellinie trotz sonst fehlerfreier Fahrt ein kleiner Schnitzer unterläuft und wir dadurch das Rennen verlieren. Das gleiche Gefühl kommt auf, wenn der dominante Gegner vor uns plötzlich abbremst, um uns so den Sieg zu schenken und uns anschließend anpöbelt, geschummelt zu haben. Übrigens macht nicht nur die K.I. der Streetracer Probleme. Ich erlaube mir kurz, mich selbst zu zitieren: „Feurige Sportwagen heizen über den Asphalt, hinter ihnen erklingen die Sirenen unseres Freund und Helfers, der Polizei, die versuchen den Raser mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen. Nadelbänder, aufgerüstete PS-Boliden, EMP.“ Ja, das waren noch richtig adrenalingeladene Verfolgungsjagden. Leider ist es damit in Need for Speed vorbei. Warum? Keine Ahnung, schließlich hatten die Cops in Hot Pursuit und Most Wanted noch richtig Mumm. In Need for Speed gibt es hingegen nicht nur keine bellenden Hunde die nicht beißen, ihnen scheinen sogar sämtliche Zähne ausgefallen zu sein. Das äußert sich an zwei Stellen im Spiel: Entweder finden wir trotz deutlich überzogenem Drehzahlmesser keinen einzigen Gesetzteshüter in der ganzen Stadt, oder, wenn wir nach langer Zeit dann doch einmal verfolgt werden, ist diese Verfolgungsjagd nach zwei oder drei simplen Fahrmanövern bereits wieder beendet. Ein weitere Punkt, den wir uns nicht ganz erklären können: Warum gibt es einen Onlinezwang? Selbstverständlich können wir Need for Speed auch online spielen und mit der Speedwall aus den vorigen Teilen sorgt das auch nochmal für einen kleinen Motivationsschub. Aber warum sind wir gezwungen mit einer ständig aktiven Internetverbindung zu spielen? Was ist, wenn wir keine Lust darauf haben, dass uns ein anderer menschlicher Spieler unser Rennen versaut, indem er sich einfach in unser Spiel einloggt und uns ständig an die Wand kegelt? Onlinezwang bleibt grundsätzlich ein Graus. Und marketingtechnisch sind wir uns sicher, ist dieses „Feature“ keinesfalls Garant für freudige, kauflustige Spielergesichter.

Arcade mit Gummibandeffekt!

Fazit:

Eine Jahr Pause hat bei Need for Speed leider nicht ausgereicht, um das Franchise wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Optisch geht das Spiel mit der Zeit, doch das reicht einfach nicht. Das was wir sehen soll auch Spaß machen und das kommt deutlich zu kurz. Los geht es schon bei der unterirdischen Hintergrundgeschichte und es setzt sich auf den abwechslungslosen Straßen Venture Bays fort. Es gibt einfach zu wenig zu tun! Die Autos an sich machen gar nicht so ein großes Problem, aber das waren sie noch nie. Das drumherum stimmte nur nie richtig, und mit [amazon text=Need for Speed&asin=https://www.amazon.de/Need-for-Speed-PlayStation-4/dp/B00Y2JXATI/ref=sr_1_1?s=videogames%26ie=UTF8%26qid=1474055920%26sr=1-1%26keywords=need+for+speed] bewegt man sich nach den zumindest recht guten Need for Speed: Rivals und Hot Pursuit wieder in die falsche Richtung. Samt nervigem Online-Zwang! Schade!

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