Quantum Break im Test

Zeitmanipulation par excellence

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Gibt man den Wortzusammenhang „Zeit manipulieren“ bei Google ein gelangt man zu einigen Ergebnissen. Naive Fragen in Blogs und Portalen, ob die Zeit zurückgedreht werden kann. Wissenschaftliche Dokus in Wort und Video. Ein Link zu einem Wiki, in dem die Fähigkeit Raum-Zeit-Manipulation aus der amerikanischen TV-Serie Heroes erläutert wird. UND…ja und Quantum Break. Zeit ist ein interessantes Thema für ein Videospiel, meines Erachtens wird die Manipulation der Zeit eh zu wenig in verschiedensten Science Fiction-Medien behandelt. Doch Quantum Break gibt uns das Zeitzepter in die Hand. Was das neue Spiel aus dem Hause Remedy kann, lest ihr hier bei uns im Test!

Zeit ist Geld….

Das war wohl nichts mit entspanntem Urlaub, lieber Jack Joyce. Kumpel Paul Serene bittet uns zurück zu kommen nach Riverport um sein Lebenswerk zu bewundern: Eine Zeitmaschine. Die ist zwar noch nicht fertiggestellt, aber Paul will nicht mehr warten und das Gerät testen. Ebenfalls unter den Wissenschaftlern ist der Bruder von Jack, William, der Paul bei seiner Arbeit unterstützt. Drei zu ambitionierte Männer und eine Zeitmaschine. Dass das nicht gut geht ist ja schon vorprogrammiert. Und so gibt es eine gewaltige Explosion die das Raum-Zeit-Kontinuum zerfetzt. Objekte schweben, Vögel stoppen in der Luft, Fahrzeuge mit Fahrer stehen uns bewegen sich keinen winzigen Millimeter vorwärts. Zumindest solange wir das nicht wollen. Denn Jack besitzt nun übermenschliche Fähigkeiten, kann Raum und Zeit manipulieren. Na wenn das nicht cool ist weiß ich aber auch nicht! Problem an der Sache: Wir können unsere Fähigkeiten nicht richtig kontrollieren, unser Freund Paul ist plötzlich deutlich älter und der Anführer eines wenig seriös wirkenden Unternehmens namens Monarch und unser Bruder schliddert von einem Problem direkt ins Nächste. Einiges los in Riverport! Und das Gesagte ist noch nicht alles, Remedy setzt ihre erzählerischen Fähigkeiten auch in Quantum Break gekonnt ein und kommt sogar mit einem gänzlich neuen Feature daher. So wird die Geschichte neben wunderbar aufwändig inszenierten Ingame-Sequenzen auch in Real Life-Fernsehepisoden erzählt. Und das nicht außerhalb des Spiels, sondern innerhalb. Was übrigens auch eine Festplatteninstallationsgröße von mehr als 75 GB erklärt.

Darf ich vorstellen? Paul Serene: Freund des Protagonisten oder auch Bösewicht in Quantum Break!

Großes Kino…

Und wenn wir in diesem Fall von Episoden reden, dann meinen wir waschechte Episoden. Jede der vier nach Abschluss eines Kapitels ausgestrahlten Episoden besitzt eine Lauflänge von 22 Minuten, orientiert sich also mit seinem Umfang durchaus an Kurzepisoden im TV. Und auch in puncto Qualität müssen sich die vier Live-Show-Episoden nicht vor den großen, amerikanischen Geschwistern im Fernsehen verstecken. Das liegt vor allem an den fantastisch aufspielenden Darstellern. Aiden Gillen alias Petyr „Kleinfinger“ Baelish wird Fans aus Game of Thrones bekannt sein und verkörpert hier den Boss der Monarch, Paul Serene. Ihm entgegen stellt sich sein „Freund“ Jack, gespielt von Iceman-Darsteller Shawn Ashmore. Dazu gesellen sich Lance Reddick als undurchsichtiger Business-Mann und Dominic Monaghan als Jacks Bruder William Joyce. Alle Charaktere werden wunderbar verkörpert, bieten durchgehend Identifikationspotenzial und tragen viel zur filmischen Atmosphäre des Spiels bei. Das wirkt sich auch überaus positiv auf die Zwischensequenzen aus, die nehmen fabelhafter Inszenierung auch schauspielerisch von allerhöchster Qualität sind. Was die Episoden zwischen den fünf Kapiteln des Spiels angeht, können wir von der Umsetzung nicht meckern. Am Ende jedes Kapitels dürfen wir uns sogar für einen von zwei Möglichkeiten entscheiden und ändern so den Spielverlauf und den Ablauf der Episoden. Das hat zwar meist nur marginale Auswirkungen auf das Geschehen, dennoch ist es ein sehr schönes Feature. Vor allem, da wir die Entscheidung aus der Sicht der Antagonisten treffen. So entscheiden wir als Paul Serene z.B., ob wir alle Zeugen des Experiments umbringen lassen oder ob wir das Unglück zu unseren PR-Zwecken missbrauchen. Je nachdem wie wir uns entscheiden folgt eine etwas anders gestaltete Fernsehepisode. Unterschiedliche Enden gibt es hingegen nicht. Schade! Uns haben die Fernsehepisoden dennoch sehr gut gefallen, auch dank der herrlichen Cliffhangar. Vorhersehbarkeit ist auch was anderes, so hält der Plot durchaus unerwartete Wendungen und Überraschungen für uns bereit. Schön ist auch, dass wir zu Beginn selten etwas genauer verstehen, die Fäden der Handlung aber bis zum Ende gesponnen werden und abschließend ineinanderfließen. Remedy kann Story! Auch wenn nerviges Texte lesen, Audiologs einsammeln und Echos aus der Vergangenheit betrachten auf Dauer überaus nervig und langatmig wird.

Remedy zeigt mit Quantum Break ihre grafischen Finessen – Wunderschön!

Deckungsshooter mit optischer Raffinesse…

Es gibt sicherlich Spieler denen die Episoden eher säuerlich aufstoßen als Spaß zu bereiten. Schließlich möchten wir das Spiel spielen und keine ellenlangen Fernsehepisoden gucken. Das können wir durchaus nachvollziehen, lässt man sich aber auf die Erzählung der Live-Show ein, finden sicherlich selbst vor Spielelust zitternde Gamer etwas Positives an ihnen. Aber: Auch wir kehren sehr gerne in das eigentlich Spiel zurück. Und das hat mehrere Gründe. Zum Einen sieht Quantum Break einfach nur hervorragend aus und zeigt eindrucksvoll, wozu die XBox One im Stande ist. Von dem verspielten Detailreichtum herumfliegender Blätter, bis hin zu den fantastisch inszenierten Zeitfähigkeiten und sensationellen Licht-, und Physikeffekten. An Superlativen müssen wir bei Quantum Breaks Optik an keiner Stelle sparen, vor allem da die Umgebungen nie an Abwechslung vermissen lassen, was für noch mehr Detailfanatismus bei den finnischen Entwicklern spricht. Über spektakuläre Kämpfe zwischen Schiffscontainern, Baustellen, Universitätsgebäuden bis hin zu cleanen Laboren und ein Schwimmbad. Ich wiederhole mich, aber es sieht einfach fantastisch aus! Zum Anderen schafft es Remedy mit den bereits angesprochen Zeitfähigkeiten etwas Neues zu erschaffen, was auf den ersten Blick gar nicht so innovativ wirkt. Wir blicken über die Schulter unseres Protagonisten ala The Division und Gears of War, suchen hinter Deckungen Schutz und feuern im richtigen Moment auf unsere zahlreichen Widersacher. Klingt vertraut! Allerdings hat Quantum Break einige Eigenheiten. Wir haben keine Taste die explizit sagt: „Herr Joyce, würden Sie bitte in Deckung gehen“. Nähern wir uns Hüfthohen oder größeren Objekten begibt sich Jack automatisch in Deckung. Das erfordert etwas Eingewöhnungszeit, stört irgendwann aber nicht mehr. Deutlich störender ist hingegen, dass es nicht möglich ist aus der Hüfte zu schießen. Jack möchte nur gezielte Schüsse abgeben, geducktes Feuern über den Tresen ist nicht möglich.

Die Zeit beugt sich unserem Willen – ein lustiges Spielzeug!

Zeitmanipulation over 9000……

Haben wir uns aber auch daran gewöhnt, läuft eigentlich alles flüssig. Jack besitzt eine überschaubare aber ausreichende Auswahl an Schusswaffen, das Trefferfeedback ist überaus griffig und befriedigend und unsere sechs Zeitfähigkeiten sorgen noch einmal für einen großen Unterschied zu anderen Deckungsshootern.….

Wir knien hinter der Deckung, Schweiß läuft über unsere Stirn. Monarch-Soldaten kreisen uns ein, wir hören ihre Stiefel auf dem Asphaltboden. Wir müssen reagieren, hechten aus der Deckung und wirken den Zeitstopper. Perplexe Bewegungen des Feindes, danach Stille, eingefroren in der Zeit und zum Abschuss bereit. Blitzschnell reißen wir unser Sturmgewehr hoch, unser Finger auf dem Abzug. Ekstatisch feuern wir los. Plötzlich aus dem Augenwinkel, ein Kugelhagel der auf uns zufliegt. Für Selbstgeißelung ist keine Zeit, auch das Gewehr kann nicht rechtzeitig heruntergenommen werden. Wir wirken Rush. Schneller als die Zeit ziehen wir uns zurück, die glitzernden Kugeln vor unseren Augen, langsam, dann schneller. Die Wand hätte unser Kopf sein können, sie dampft leicht an den Einschussstellen. Keine Zeit für Erholung, erneut rauschen Kugeln auf uns zu. Rush unmöglich wirken wir den Zeitschild. Unser Schutzschild schluckt den gesamten Schaden, wir bleiben unversehrt. Kurz Zeit uns nach dem geheimnisvollen Schützen umzusehen. Mit unserer menschlichen Wahrnehmung kommen wir nicht weit. Wir konzentrieren uns stärker, öffnen unsere Augen und wirken den Zeitblick. Plötzlich sehen wir alles klar und deutlich. Munition für unsere Waffen, die Feinde vor uns und auch den Attentäter auf der Seite. Er bemerkt nicht was wir tun, die Hände an seinem Sturmgewehr kauert er hinter der Deckung und denkt er wäre weiterhin unsichtbar. Unser Sieg ist nah, auch das ist erkennbar. Eine kurze Verschnaufpause, einatmen, ausatmen, und whoosh. Unser Widersacher weiß nicht wie ihm geschieht, wir befinden uns rechts von ihm, hinter seiner schutzwirkenden Deckung. Kurz blickt er uns an, seine Augen weit aufgerissen vor Furcht. Zeitexplosion heißt unser nächste Fähigkeit. Und der Monarch-Soldat zerschellt an der Wand wie ein Blumentopf.

Das sind die sechs Zeitfähigkeiten! Und sie sind allesamt fantastisch in Szene gesetzt. Und wir können sie sogar aufwerten, beispielsweise die Dauer erhöhen oder die Stärke verbessern. Hier kommen wir aber dann tatsächlich an einen Punkt, der mit den Zeitfähigkeiten einher geht und negativ auffällt: Der Schwierigkeitsgrad.

Ein Monarch-Soldat im Chronoanzug! Gefährlich und nur von hinten angreifbar.

Simple Schwierigkeit…

Das Verwenden dieser Special Moves ist zwar überaus gewinnbringend für die Dynamik des Spiels, allerdings machen sie Kämpfe meistens deutlich zu einfach. Vor allem in der ersten Hälfte des Spiels stellen Gegner meistens mehr Kanonenfutter dar als wirklich ernstzunehmende Widersacher. Dafür sind unsere Zeitfähigkeiten zu stark und unsere Widersacher zu schwach. Meistens verstecken sich unsere Gegner hinter der Deckung und warten bis wir agieren. Ein Umkreisen von verschiedenen Seiten oder ein plötzliches in den Rücken fallen suchen wir vergebens. Diese Aktionen würden das Spielerlebnis – und so müssen wir die Kämpfe trotz punktueller Leichtigkeit bezeichnen – nochmal besser und anspruchsvoller machen. Trotzdem ist Quantum Break nicht anspruchslos. Erstens kann Jack nicht unendlich Kugeln einstecken (obwohl er automatisch Gesundheit regeneriert), sondern befindet sich eher schnell auf dem Weg ins Jenseits, zweitens kommen vor allem in der zweiten Hälfte des Spiels deutlich mächtigere Gegner auf uns zu. Neben Scharfschützen sind vor allem die Monarch-Soldaten in Chronoanzügen gefährlich, die genauso wie wir die Zeit manipulieren können. Zusätzlich dazu nehmen diese Gegner nur am Rücken Schaden, was den Kampf gegen sie zum spielerischen Highlight des Spiels macht.  Und wenn dann noch sogenannte Chronodämpfer dazukommen, die unsere Zeitfähigkeiten komplett blockieren bis wir sie zerstört haben, dann wird es sogar richtig knifflig. Dennoch: Shooter-Veteranen dürfen direkt auf einem der höhen Schwierigkeitsgrade einsteigen.

Ein Gegner! Kein Problem! Der Zeitstopper sorgt für Ruhe!

Immersionsprobleme…

Abseits von Gefechten gibt es überraschenderweise auch einiges zu entdecken. Neben den bereits erwähnten, deutlich zu lang geratenden Texttafeln sowie Zeitechos gibt es auch die ein oder andere Rätseleinlage. So spulen wir die Zeit zurück, um uns einen vorher verschlossenen Durchgang zu öffnen oder blicken zurück, um uns eine Möglichkeit zu bieten auf das sonst unerreichbare Dach zu kommen. Das macht überaus viel Spaß, obwohl es nur selten wirklich knifflig wird. Fantastisch aussehen tut es allemal. Dennoch ist es etwas störend, dass wir diese Zeitmanipulationen nur an den bestimmten Stellen im Spiel einsetzen können. Das ist natürlich meckern auf hohem Niveau, dennoch nimmt es uns ein wenig der sonst sehr guten Immersion.

Fazit:

8 bis 10 Stunden erfreut uns Quantum Break im Großen und Ganzen. Das ist eine relativ kurze Zeit für einen AAA-Titel, dennoch macht Quantum Break in dieser Zeit einiges richtig. Grafisch ist das Spiel über alles erhaben. Fantastische Texturen, stabile Bildrate und spektakuläre Effekte im Vorder-und Hintergrund sorgen für sensationelle Bilder. Storytechnisch hält das Spiel durchaus Überraschungen bereit. Schauspielerisch hochwertig in Zwischensequenzen und Live-Show-Episoden macht die Geschichte einiges her. Blöd nur für die, die keine Lust haben 22 Minuten eine Episode einer TV-Show zu gucken. Das kann Fluch und Segen zugleich sein. Wer sich aber damit anfreunden kann, der freut sich schon auf das nächste von fünf Kapiteln. Denn selbst spielerisch ist Quantum Break über dem Durchschnitt. Das liegt vor allem an den grandiosen Zeitfähigkeiten, die das Spiel wunderbar von anderen Shootern abheben. Die Kontrolle über die Zeit bedeutet Macht!

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