Assetto Corsa im Test

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Assetto Corsa

Soll ich Assetto Corsa kaufen, oder besser nicht? Diese Frage hat wohl vielen Rennspiel-Freunden in letzter Zeit Kopfzerbrechen bereitet. Wir sagen „Ja – unter gewissen Voraussetzungen“. Nun können wir diesen Satz nicht unbedingt so stehen lassen, denn dadurch ist auch niemand schlauer. In unserem Test erfahrt ihr wie sich Assetto Corsa gegen die aktuellen Platzhirsche Project Cars, Forza Motorsport, DriveClub und Co. schlägt, und selbstverständlich auch was die „gewissen Voraussetzungen“ sind. Getestet wurde die PlayStation 4 Version von Assetto Corsa ohne jegliche Fahrhilfen mit dem DualShock 4 Controller und dem Thrustmaster T500 RS mit Bremsmod von Basher.

…der Lernfaktor ist das einzig positive an der Karriere von Assetto Corsa…

Nach einem kurzen und knackigen Intro finden wir uns im Hauptmenü wieder. Bereits dort offenbart uns Assetto Corsa, was es eigentlich von dem Spieler möchte: Fahren! Der Reiter „Fahren“ prangert direkt in der Mitte der drei Hauptfelder. Rechts daneben können wir eine neue Karriere beginnen, links daneben an Spezialevents teilnehmen. Zudem kann man im Hauptmenü Neuigkeiten vom Spiel abrufen, die Wiederholungsgalerie betrachten und in den Optionen die Einstellungen für das Spiel vornehmen. Auf die Optionen möchte ich später noch etwas genauer eingehen. Widmen wir uns aber zunächst der Karriere. Die Karriere von Assetto Corsa darf zurecht als schnödes Beiwerk bezeichnet werden. Sie ist lieblos inszeniert und langweilig obendrein. Im Grunde geht es in der Karriere darum, die einzelnen Veranstaltungen nacheinander abzuklappern. Diese wiederum bestehen aus Zeitfahr- und kurzen Rennveranstaltungen, die es zu absolvieren gilt um dabei möglichst die Goldmedaille einzuheimsen. Klingt öde? Ist auch so. Wem der Karrieremodus in Forza Motorsport 6 schon zu langweilig war, der wird auch mit diesem Modus von Assetto Corsa nichts anfangen können. Einen Vorteil hat die Karriere allerdings: Der Spieler wird langsam an das Spiel herangeführt. Der Lernfaktor für das Fahrzeughandling ist gut und die Strecken lernt man dabei auch Stück für Stück kennen und fahren. Das sollte aber auch der einzige positive Aspekt der Karriere bleiben.

Die Karriere ist öde, taugt aber immerhin um einen Einstieg ins Spiel zu finden. Mehr aber auch nicht.

Wer nun aber einen schnelleren Einstieg in das Spiel möchte, der widmet sich eben genau dem, worum es hier eigentlich geht: dem Fahren. Im Spielmodus „Fahren“ haben wir die Möglichkeit zu trainieren, ein schnelles Rennen zu fahren oder ein komplettes Rennwochenende zu absolvieren. Zusätzlich gibt es die Spielmodi Schnelle Runde, Zeitfahren und Drift. Während wir beim kompletten Rennwochenende Training und Qualifikation absolvieren und somit direkten Einfluss auf unseren Startplatz haben, starten wir beim schnellen Rennen, wie in der Karriere auch, generell als letzter, was in Anbetracht der KI je nach gewählter Stufe durchaus zu einer ernsten Herausforderung werden kann. Hier hätte man gut daran getan, eine Zufallsroutine einzubauen. Das Zeitfahren ist eine motivierende Angelegenheit, sofern man dahinter gekommen ist, wie es eigentlich funktioniert. Mein erstes Zeitfahren endete automatisch nach drei Runden und mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf. Der Bildschirm dunkelte sich ab und das Ergebnis wurde eingeblendet. Wie jetzt? Nach genauerem Studium wurde klar warum. Man bekommt vom Start weg ein Zeitpolster, welches als Countdown herunter tickt. Erreicht man den nächsten Checkpoint vor Ablauf dieses Countdowns, wird Bonuszeit hinzugerechnet. Die Checkpoints sind nicht ausgewiesen, es sind schlicht und ergreifend die offiziellen Zeitnahmepunkte der Rennstrecken. Die Anzahl der Runden hängt also davon ab, wie lange man es schaft, innerhalb des Zeitkontos zu bleiben. Geht der Countdown auf Null, ist das Zeitfahren beendet und man landet direkt wieder im Menü. Zusätzlich bekommt man Punkte für sauberes Fahren und Verbesserung der Rundenzeit. Missachtet man die Streckenführung gibt es Strafpunkte. Fährt man also unsauber, hat man ruck zuck ein dickes Minus auf dem Punktekonto. Der Zeitfahrmodus weiß also durchaus zu motivieren, allerdings fehlt der Vergleich in Form von Bestenlisten. Schade, denn so weiß man nie wirklich wie gut oder schlecht man in Bezug auf seine Freunde oder der ganzen Welt gefahren ist.

Das Zeitfahren motiviert, bevor der Countown abgelaufen ist, solltet ihr am nächsten Checkpoint sein
Das Zeitfahren motiviert, bevor der Countown abgelaufen ist, solltet ihr am nächsten Checkpoint sein

Der Modus „Schnelle Runde“ ist selbsterklärend und ist im Grunde nichts anderes als das Zeitfahren im klassischen Sinne. Hier gibt es weder Bonuszeit noch Strafpunkte, sondern hier geht es einzig und allein darum, die Strecken zu üben und seine Zeit zu verbessern. Allerdings vermissen wir auch hier die Bestenlisten und vor allem einen Geist, wie er beim Zeitfahren eigentlich zum guten Ton gehört. Was in allen Modi sehr gut gelungen ist, ist die Zeitnahme. Ihr wisst zu jedem Zeitpunkt auf der Strecke, ob ihr in Bezug auf eure aktuelle Bestzeit gerade schneller oder langsamer unterwegs seid und nicht wie üblich erst an den offiziellen Zeitnahmepunkten der Rennstrecken. Das ist gerade beim Zeitfahren oder beim Training eine enorm große Hilfe, da man sofort sieht, wo man auf der Strecke die Zeit verliert oder respektive gewinnt und nicht erst an der Sektorgrenze grübeln muss, was im letzten Sektor da jetzt gut oder schlecht gelaufen ist. Im Driftmodus geht es im Need for Speed Stil darum, möglichst hohe Punktzahlen mit möglichst schönen und schnellen Drifts zu erreichen. Das System ist dabei wie beim Zeitfahren aufgebaut. Es läuft ein Countdown herunter, innerhalb dessen müsst ihr durch Drifts und Combos eine Leiste füllen um einen Stufenaufstieg zu erreichen. Erreicht ihr den Stufenaufstieg innerhalb des Countdowns, bekommt ihr Bonuszeit. Sicherlich wird dieser Modus auch seine Fans haben und bekommen, aber trotz allem Realismus wirkt der Driftmodus in Assetto Corsa deplatziert. Die Spezialevents sollten allerdings nicht unerwähnt bleiben. Im Grunde sind die Spezialevents zwar nichts anderes als der Schnelle-Runde-Modus mit einem vorgegebenen Fahrzeug auf einer vorgegebenen Strecke, bei dem es auch nur darum geht, eine Zielzeit in Gold, Silber oder Bronze zu erreichen. Die Fahrzeuge passen hier allerdings der Motorsport-Geschichte entsprechend sehr gut zu den gewählten Strecken, mitunter sind sogar klassische Duelle vertreten. Auch hier hätte ich wenigstens ein Leaderboard erwartet, wo man sich mit seinen Freunden oder der ganzen Welt messen kann. Aber nichts der gleichen ist zu finden. Die gefahrenen Spezialevents werden in der Übersicht entsprechend markiert, sobald man die Vorgabe in Bronze, Silber oder gar Gold geschafft hat. Die geforderten Zeiten sind dabei durchaus eine Hausnummer! Für den einen Typ Spieler sind sie die Herausforderung schlechthin, für den anderen Typ Spieler endet ein solcher Spezialevent in Dauerfrust, da die Zeiten schier unerreichbar scheinen.

…Rennsieg! Und dann?…Naja, eigentlich nichts mehr…

In allen Spielmodi kann man jederzeit aus dem vollen Schöpfen. Es können alle verfügbaren Fahrzeuge und Strecken gewählt werden, im folgenden Bildschirm legt ihr die Eckdaten des Events, wie beispielsweise Schwierigkeitsgrad, Tageszeit und Wetter fest. Allerdings solltet ihr gerade bei den letzten beiden nicht zu viel erwarten, da es weder Nachtrennen noch Regenrennen gibt. Lediglich Nebel kann gebucht werden. Einen Bildschirm weiter legt ihr die Fahrhilfen, Schaden und Verschleiß fest. Die Ideallinie ist übrigens unbrauchbar, da sie weder dynamisch reagiert, noch lässt sie sich auf die Bremszonen reduzieren.

Dieses nüchterne Menü ist allgegenwärtig. Mehr gibt es nicht. Nach dem Rennsieg landet ihr übrigens auch hier. Und zwar direkt!
Dieses nüchterne Menü ist allgegenwärtig. Mehr gibt es nicht. Nach dem Rennsieg landet ihr übrigens auch hier. Und zwar direkt!

Habt ihr alles nach euren Vorlieben eingestellt, geht es ans Eingemachte. In einem für Simulationen typischen und reichlich unspektakulären Menüaufbau startet ihr eure gewählte Sitzung. Unabhängig vom Spielmodus kann man seine Autos nach Lust und Laune abstimmen. Das funktioniert wunderbar und geht je nach Fahrzeugklasse bis ins kleinste Detail. Die Einstellungen, die man dabei vornehmen kann, variieren von Fahrzeug(klasse) zu Fahrzeug(klasse) und sind ihren realen Vorbildern nachempfunden. Allerdings rühmt sich auch Project Cars damit, das die Einstellungen den realen Vorbildern entsprechen, da lag doch der Gedanke nahe, die gesammelten Setups auf Assetto Corsa zu übertragen. Allerdings funktioniert das nicht unbedingt 1:1, da zum einen Unterschiedliche Einheiten verwendet werden, und zum anderen in Project Cars doch das ein oder andere mehr möglich ist. In Anbetracht der mannifaltigen Einstellungsmöglichkeiten bei den Fahrzeugen, wirken die Force Feedback Einstellungen für die Lenkräder geradezu lächerlich. Mit gerade einmal fünf verschiedenen Optionen wird das gesamte Force Feedback geregelt. Individuelle Fahrzeugeinstellungen für das Force Feedback sucht man genau so vergebens, wie eine freie Tastenbelegung, eine Sitzverstellung oder Kalibrierungsoptionen. Zudem hat man genau wie bei Project Cars innerhalb einer Sitzung keine Möglichkeit mehr, die technischen Einstellungen zu ändern. Man muss also die Sitzung wieder komplett verlassen, die Einstellungen ändern und im Anschluss die Sitzung wieder starten. Zugegeben, das ist nur zu Beginn nervig, denn hat man ob der überschaubaren Möglichkeiten einmal alles eingestellt, ist dies später nicht mehr allzu oft vonnöten. Fairerweise muss man aber zugeben, das trotz der beschränkten Einstellmöglichkeiten auf wundersame Art und Weise alles irgendwie sehr gut funktioniert. Die Steuerung mit dem Controller darf berechtigter Weise als unpräzise bezeichnet werden. Allen Unkenrufen zum Trotz, lassen mit dem DualShock4 Controller nach einer bitter notwendigen Eingewöhnungsphase dennoch ganz passable Rundenzeiten erzielen. Wenn man den Dreh mit dem Controller raus hat, dann bleiben die Fahrzeuge auch dort wo sie hingehören: Auf der Strecke. Aber nichtsdestotrotz hat man mit dem Gamepad kaum eine Chance selbst kleinere Fahrfehler zu korrigieren, geschweige denn sich gegen die teils rüpelhaft agierende KI zu wehren. So wird aus einem Rennen gern einmal ein Neustart-Fest, welches seines Gleichen sucht. Kommt man aber einmal friedlich vom Start weg so lassen sich zumindest auf dem untersten Schwierigkeitsgrad, sauber Fahrweise vorausgesetzt, Rennen gegen die KI gewinnen. Auch mit dem Gamepad. Das für mein Empfinden größte Problem der Padsteuerung zeigt sich beim Gegensteuern, wenn das Heck nervös wird, oder man einen Bump ’n Run kassiert. Das Fahrzeug schaukelt sich auf und ab dann ist es nicht mehr möglich die Gewalt über die Boliden zurückzuerlangen. Der Abflug oder ein Dreher ist dann das unweigerliche Ende. Man versucht daher krampfhaft saubere Runden zu fahren und „traut sich nichts“, da man das Auto möglichst stabil auf der Strecke halten möchte. Das schlägt sich selbstverständlich in den Rundenzeiten nieder. Zudem wirken aus der Cockpitperspektive mit sichtbaren Lenkrad, die Lenkbewegungen des Fahrers hektisch, unnatürlich und asynchron.

Szenenwechsel:

Den DualShock 4 legen wir beiseite und schließen das T500 RS an. Urplötzlich zeigt Assetto Corsa ein anderes Gesicht. Die Steuerung ist präzise, jeder Einlenkpunkt passiert dort, wo man ihn platzieren möchte, ein tänzelndes Heck wieder einzufangen ist ebenso möglich, wie ein beherzter Ritt über die Curbs. Aber auch hier gilt: übertreibt man es, fliegt man gnadenlos ab. Wenn einem das Talent ausgeht, dann hilft auch kein Lenkrad mehr. Die angesprochenen hektischen und asynchronen Lenkbewegungen existieren ebenfalls nicht mehr. Es lässt sich ohne Übertreibung sagen, das Lenkrad-Fahrer bei Assetto Corsa um ein Vielfaches besser aufgehoben sind als Pad-Fahrer.
Legendäre Autos auf legendären Strecken. Bei den Spezialevents sind Strecke und Fahrzeug fix, aber sehr gut gewählt.
Legendäre Autos auf legendären Strecken. Bei den Spezialevents sind Strecke und Fahrzeug fix, aber sehr gut gewählt.

Fahren ist das, was Assetto Corsa dem Spieler vermitteln möchte, das tut es mit Brillanz und einer Fahrphysik vom Allerfeinsten. Wenn es auch an allen Ecken und Enden etwas zu meckern gibt. Beim Fahren selbst gibt sich Assetto Corsa absolut keine Blöße. Jedes Fahrzeug lässt sich seiner Bauart und dem Konzept entsprechend anders steuern. Jede Bodenwelle, jeder Curb und jeder Streckenbelag gibt entsprechende Rückmeldung. Wenn man einen heftigen Ritt ins Kiesbett hingelegt, oder einen Dreher fabriziert hat, dann weiß man bei Assetto Corsa auch wann und warum. Diese Rückmeldung ist Wahnsinn. Allerdings, wie bereits erwähnt, leider nur für diejenigen, die ein Lenkrad ihr eigen nennen. Pad-Fahrer sind hier absolut außen vor und werden leider von alldem nichts oder nicht viel mitbekommen. Hat man sein Rennen dann völlig verschwitzt als erster über die Ziellinie gerettet, holt Assetto Corsain Sachen Präsentation allerdings gleich zum nächsten Tiefschlag aus. Denn ihr landet direkt nach dem Überqueren der Ziellinie in eurer Box. Auslaufrunde? Siegerehrung? Zusammenfassung? Highlight-Clips? Alles Fehlanzeige. Rennen, Ziellinie, Box. Auch wenn mich die nüchterne Präsentation von Assetto Corsa nicht stört, hier habe ich deutlich mehr erwartet. Zumindest irgendetwas. Jeder, der schon einmal 20 oder mehr Runden mit einem Lenkrad samt straffen Force Feedback gefahren ist, der weiß wie anstrengend das sein kann. Da darf es nach dem Rennen unabhängig von der Platzierung schon etwas mehr Anerkennung geben, als der schnöde Sprung in die Box und das Antlitz des Lollipop-Mannes.

…das Schadensmodell ist technisch hui, optisch naja…

Die KI agiert erstaunlich gut. Die KI Fahrer duellieren sich untereinander und machen dabei auch Fehler. So sind, sofern der gewählte Schwierigkeitsgrad in etwa dem eigenen Talent entspricht, packende Rad an Rad Duelle über mehrere Runden möglich. Allerdings, wen wundert es, hat die KI bisweilen unerklärliche Aussetzer. So sehen die virtuellen Mitstreiter gern mal Lücken und Überholmöglichkeiten, wo im Prinzip gar keine vorhanden sind. Die Folge sind ärgerliche Kollisionen, bei denen man nur selten die Möglichkeit hat, das Auto abzufangen. In aller Regel ist das eigene Rennen dann gelaufen. Einen KI-Mitstreiter bringt man hingegen nicht so ohne Weiteres aus der Spur. Der klassische Bump ’n Run oder das Revanchefoul auf der Strecke funktioniert daher nicht immer wie gewünscht, da die KI ihre Autos meist perfekt abfängt und so kaum oder keine Zeit in solchen Nicklichkeiten verliert. Auch am Start verhält sich die KI mal übervorsichtig und manchmal zu aggressiv. Sie denkt auch mit keiner Silbe daran, Platz zu machen, wenn sie gerade aus der Box fährt und man selbst gerade auf einer schnellen Runde ist. Im Qualifying ist so etwas durchaus ärgerlich. Trotz allen Unzulänglichkeiten, die hoffentlich noch nachgebessert werden, ist die KI rundum eine gelungene Sache. Zum Schwierigkeitsgrad selbst lässt sich feststellen, das Einsteiger selbst auf „Einfach“ zu Beginn überfordert sein könnten. Gerade mit dem Pad bedarf es schon etlicher Eingewöhnung, bis man auf der niedrigsten Stufe Erfolge einfahren kann. Geübt und mit einem Lenkrad ausgestattet kommt man auf „Mittel“ gut zurecht und sieht dabei „Schwer“ als Herausforderung an, die es zu meistern gilt. Die der höchste Stufe ist „Außerirdisch“ und findet hier momentan keine Beachtung. Allerdings gibt es sicherlich Spieler, die auch hierbei kein Problem sehen. Vor jeder Rennveranstaltung habt ihr die Möglichkeit, den Punkt „mechanischer Schaden“ anzupassen. Das Schadensmodell weiß dabei technisch absolut zu überzeugen, so zieht eine rüde Fahrweise durchaus Konsequenzen nach sich, die das Handling und die Leistung eures Renners nachhaltig verschlechtern. Ein Hinweis an dieser Stelle: Wenn der mechanische Schaden deaktiviert ist, werden die Reifen weder Blasenbildung, Graining noch Bremsplatten aufweisen, sondern nur gewöhnlich verschleißen. Im Rennen kann der erlittene Schaden beim Boxenstopp durch die animierte Boxencrew repariert werden, was dann natürlich den Boxenstopp arg in die Länge zieht. Optisch ist das Schadensmodell derweil kein echter Hingucker. Es reicht von lieblos wackelnden bis hin zu abfallenden Karosserieteilen und gerissenen Frontscheiben. Es wirkt reichlich unspektakulär und darf deshalb als zweckmäßig bezeichnet werden. Aber gerade die gerissenen Frontscheiben sind etwas witzig. Während dies bei Serienfahrzeugen durchaus noch nachvollziehbar ist, wirkt die gerissene Frontscheibe bei den reinen Rennwagen, deren Scheiben aus Kunststoff bestehen eher unangemessen und bei den Formelfahrzeugen geradezu lächerlich. Zumindest gibt es für den ersten Kollateralschaden eine Trophäe.

Das Schadensmodell ist optisch keine Offenbarung. Technisch ist hier übrigens gerade Kollateralschaden. Kaum zu glauben.
Das Schadensmodell ist optisch keine Offenbarung. Technisch ist hier übrigens gerade Kollateralschaden. Kaum zu glauben.

Während Assetto Corsa in der Basis mit knapp 100 Fahrzeugen von 20 verschiedenen Herstellern einen durchaus akzeptablen Umfang bietet, kommt bei gerade einmal 11 Austragungsorten doch schnell Ernüchterung auf. Da nützen auch Streckenvariationen wie beispielsweise in Brands Hatch oder am Nürburgring nicht viel. Auch wenn sich Perlen wie die Nordschleife, Mugello und Spa darunter befinden, die Streckenauswahl ist definitiv zu mager. Punkten kannAssetto Corsa bei den Strecken trotzdem, wenn man das Prinzip Klasse statt Masse als Motto nimmt. Die Strecken in Assetto Corsa sind allesamt laservermessen. Jede Bodenwelle, jeder Curb, jede Steigung, jedes Gefälle einfach alles entspricht den realen Pedanten. Ob weitere Strecken in Planung sind, ist derzeit nicht bekannt. Bei den Fahrzeugen sieht es, wie eingangs erwähnt, besser aus. Die Mischung sowohl auf Seiten der Hersteller, als auch auf Seiten der Modellpalette ist gut gelungen, auch wenn es von einigen Modellen gern mal die eine oder andere Variation gibt. Ausmaße, wie bei Gran Turismo nimmt es keinesfalls an. Zudem ist bereits zum Start der Seasonpass erhältlich, der noch einmal mit knapp 30,- EUR für 30 Autos zu Buche schlägt. Dieser beinhaltet die Erweiterungen Red Pack, Japanese Pack, den Red Bull Ring, eine exklusive Rennlackierung, ein exklusives Theme und zusätzlich noch zwei zukünftige Porsche Erweiterungen.

…das Auge isst mit, dem Ohr schmeckt es aber besser…

Die Grafik in Assetto Corsa darf als zweckmäßig bezeichnet werden. Sie ist weder sonderlich hübsch, noch abgrundtief hässlich. Zweckmäßig eben. Das liegt zum einen an den Rennstrecken selbst, die in aller Regel abseits vom Schuss in trister Einöde liegen und auch in der Realität keine grafischen Leckerbissen sind, zum anderen opfert man bei Kunos schicke Umgebungen um die Konsolenversionen in 1080p bei 60 FPS laufen zu lassen. Allerdings gelingt das nur bedingt da Framerateneinbrüche eher die Regel als die Ausnahme sind. Zudem leiden die Konsolenversionen unter Tearing, was auf fehlende vertikale Synchronisation schließen lässt. Die triste Umgebungsgrafik stört allerdings in keinster Weise, da man ohnehin mit Fahren beschäftigt ist. Das, was man je nach Kameraeinstellung vom eigenen Fahrzeug zu sehen bekommt, sieht optisch auf jeden Fall ansprechend aus. So ist zum Beispiel mit der Motorhaubenkamera die Frontaufhängung des KTM X-Bow zu sehen, welche physikalisch korrekt arbeitet und so schön anzusehen ist, das es gelegentlich sogar vom Geschehen auf der Strecke ablenkt. Toll sind auch die Spiegeleffekte in der Frontscheibe gelungen, wodurch je nach Sonneneinstrahlung Schmutz und Reflexionen, die Sicht mitunter erheblich beeinträchtigt wird. Freude kommt auch für die Ohren auf. Der Sound von Assetto Corsa ist ganz große Klasse. Meistens jedenfalls. Gerade die GT-Boliden kreischen oder röhren je nach Motorenkonzept brachial. Das Backfiring knallt ordentlich und die Nebengeräusche sind stimmig. Allerdings gibt es auch hier einige unerklärliche Ausreißer. Bei einigen Autos klingt der Sound, als hätte man Handtücher oder Decken vor den Lautsprechern hängen. Ich gehe dabei von einem der doch zahlreich vorhandenen Bugs aus, die sicherlich im Laufe der nächsten Zeit behoben werden. Alles in allem passt der Sound aber prima. Der Multiplayer von Assetto Corsa ist (momentan) fast keine Rede wert. Es gibt weder die Möglichkeit eine Lobby zu erstellen, noch gibt es Bestenlisten, wo man sieht, wie die Freundesliste unterwegs ist. Aktuell spielt sich der Multiplayer ausschließlich auf dedizierten Servern ab. Diese laufen zwar stabil, aber es ist eben Glückssache, wie und mit wem sich die öffentliche Lobby füllt. Es kann also gut möglich sein, das man mit Profis unterwegs ist, die wissen, was sich auf der Strecke gehört, ober aber mit Freizeitrambos, die einem mit ihrer unnachgiebigen Art das Rennen zunichte machen und einem damit jeglichen Spaß am Multiplayer nehmen. Aufgrund dessen ist der Multiplayer recht unspektakulär und schnell beschrieben. Man verbindet sich, PlayStation Plus oder Xbox Live Gold vorausgesetzt, mit der Serverliste und kann danach die Server noch nach Ping, Auto und/oder Strecke filtern. Findet man etwas passendes, dann geht es auch schon los. Die Fahrhilfen und Setup-Möglichkeiten sowie das Wetter sind dabei serverseitig festgelegt und können vom Spieler nur im Rahmen dessen verändert werden. Das war’s. Mehr ist es nicht. Hier hat Kunos eigentlich den meisten Aufholbedarf. Wir hoffen also in naher Zukunft auf die Möglichkeit, private Lobbies zu erstellen und auf Bestenlisten, um sich mit seinen Freunden oder der ganzen Welt zu vergleichen.

Das Online-Hauptmenü, links die Serverliste, rechts oben die Filter, rechts unten die Servereinstellungen
Das Online-Hauptmenü, links die Serverliste, rechts oben die Filter, rechts unten die Servereinstellungen
Dank ausschließlich öffentlicher Lobbies ist es pure Glückssache, wie das Online-Erlebnis am Ende ausfällt
Dank ausschließlich öffentlicher Lobbies ist es pure Glückssache, wie das Online-Erlebnis am Ende ausfällt

Fazit: Liebe auf den zweiten Blick

Kommen wir auf die Anfangsfrage zurück: Was sind also die gewissen Umstände, die eingangs erwähnt wurden? Ist Assetto Corsa einen Kauf wert? Für Simulations-Freaks auf jeden Fall. Für Spieler, welche ein Lenkrad besitzen, denen eine aufwändige Präsentation egal ist, welche die Karriere in jedem Rennspiel ignorieren, die auch kein Problem damit haben, nicht jedes Rennen auf dem Siegerpodest zu beenden, für alle die auf jeden Fall auch. Spieler, die stundenlang alleine und unbeirrt mit einem Auto auf einer Strecke ihre Zeiten jagen wollen, bitte unbedingt zugreifen. Spieler, die ihre Autos bis ins kleinste Detail abstimmen wollen und können, die ihren Spaß darin haben Setups zu basteln, die dürfen ebenfalls bedenkenlos kaufen. Spieler, die alle oder einige der genannten Voraussetzungen erfüllen, sich das ganze aber mit dem Gamepad statt mit einem Lenkrad geben wollen, die sollten besser gründlich darüber nachdenken, ob die 50-80,- EUR nicht eventuell irgendwo anders besser angelegt wären. Spieler, die bei DriveClub, Forza und Gran Turismo bereits an ihre virtuellen fahrerischen Grenzen stoßen, oder denen eine aufwendig präsentierte und umfangreiche Karriere wichtig ist, die sich gern hauptsächlich in privaten Lobbys treffen um im kleinen Kreis Rennen zu fahren, alle die sollten von Assetto Corsa besser die Finger lassen.

Bei keinem anderen Rennspiel muss sich der Spieler entscheiden, was ihm wirklich wichtig ist, und vor allem, ob es ihm ausreicht das ein Spiel im Grunde nur in einer einzigen Disziplin wirklich glänzen kann. Nüchtern betrachtet gibt es vom Fahren her kein besseres Spiel als Assetto Corsa, allerdings bietet Project Cars aufgrund der doch wesentlich besseren Präsentation, dem größeren Stecken- und Fahrzeugportfolio sowie dem deutlich besseren Multiplayer-Erlebnis das insgesamt rundere Gesamtpaket. Assetto Corsa ist daher wie eine Liebe auf den zweiten Blick. Oberflächlich betrachtet und von außen nicht unbedingt die ästhetischste Erscheinung, befasst man sich aber intensiver damit und lernt es besser kennen, dann offenbart Assetto Corsa dem Spieler hinter dem Lenkrad seine wahre Schönheit und mit ein paar kleinen Korrekturen für den ein oder anderen vielleicht sogar die ganz große Liebe.

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