Horizon: Zero Dawn im Test

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Guerilla Games, die Macher der Killzone Reihe, sind zurück und liefern uns mit Sony als Publisher im Rücken ein weiteres exklusives Gaming-Highlight für die PS4. Zumindest war das wohl der Plan. Doch wird das Spiel dem Hype gerecht?

Grandioser Einstieg!

Die Jungs und Mädels von Guerilla Games arbeiten seit 2011 an Horizon Zero Dawn und konnten zwei Jahre in Folge bei den Game Critics Awards 2015 und 2016 den Award für das „Best Original Game“ abstauben. Soll heißen, für das beste Spiel, das nicht eine Fortsetzung zu einer bekannten Marke ist, sondern als Start einer neuen IP gilt. IP steht hier für „intellektuell proper“. Sony UKs Produkt-Manager Jon Edwards sieht in der Hauptfigur Aloy sogar eine „Playstation-Ikone der Zukunft! (Quelle: MCV

Und schon die ersten zwei Stunden im Spiel überzeugen auf ganzer Linie: eine absolute Grafikpracht, die auch einem Uncharted 4 gefühlt in nichts nachsteht und bereits im Intro klarmacht, dass wir hier eine neue Welt betreten. Eine Welt, die viele Fragen aufwirft. Die Menschen leben als eine Art Eingeborenenvolk in Stämmen, Baby Aloy ist eine Ausgestoßene und wird von Pflegevater Rost außerhalb des Stammes aufgezogen. Auch Rost gilt als Ausgestoßener. Wer ist Aloys Mutter? Wer ihr Vater? Was hat es mit dem Dasein als Ausgestoßene auf sich und was ist bloß mit der Welt passiert? Die Metallwelt, in der die Menschen vergessen haben den Göttern zu dienen ist verloren und die Schöpfung der Herrlichkeit gehört nun den Stämmen und den Ausgestoßenen. Aha, Na dann!? Roboter die sich wie Tiere verhalten stromern durch das Land und überall sieht man Ruinen einer hochentwickelten, aber scheinbar längst untergegangenen Zivilisation, während die in dieser Welt lebenden Menschen sich wie Ureinwohner kleiden und mit Pfeil und Bogen zur Jagd in die Wälder ziehen.

Vom Säugling zur Kämpferin

Im Zeitraffer führen uns Intro und Tutorial vom Säuglingsalter und als Kleinkind durch die Welt und gemeinsam mit Aloy lernen wir den Umgang mit Pfeil und Bogen, das Schleichen und die ersten Grundlagen über das Crafting-System. Das Vaterfigur Rost die kleine Aloy dabei so liebt, als wäre sie seine leibliche Tochter, wird in den Cutscenes und Dialogen absolut glaubhaft transportiert.

Die junge Aloy wird zur begabten Kriegerin.

Bereits die ersten zehn Minuten haben in mir das Verlangen geweckt, mehr über diese Welt und ihre Geheimnisse zu erfahren. Dann kann ich endlich selbst das Kleinkind Aloy durch eine Höhle steuern, auf der Suche nach einem Ausgang. Vorher konnte ich mitfühlen, wie sehr sie sich eine Familie und Freunde wünscht, was ihr leider verwehrt bleibt. Tatsächlich wird sie von anderen Kindern des Stammes der Nora misshandelt. Kinder können so grausam sein. Das Spiel schafft es unglaublich schnell, dem Spieler eine Bindung zur Hauptdarstellerin aufbauen zu lassen und ihren Charakter so zu zeichnen, dass man ihre Motivation, mehr über sich selbst und die Welt zu erfahren, nachvollziehen kann. Aloy ist genauso neugierig und wissbegierig wie ich selbst auf diese unbekannte Welt die vor ihr liegt. Spitze!

Dazu kommt hier auf Basis der von Guerilla Games entwickelten Decima Grafikengine, wie eingangs erwähnt, ein absolutes Grafikbrett auf die Mattscheibe. Butterweiche Animationen, tolle Lichteffekte und hochaufgelöste Texturen in Kombination mit einem Surround-Sound in einer Qualität, von der sich andere Spiele gerne inspirieren lassen dürfen. Auch die Story, auf die ich aus Spoilergründen nicht weiter eingehen werde, weiß trotz Aufgabenumfang über die volle Distanz von 25-30 Stunden zu begeistern und motivieren. Gerne hätten die optisch gelungenen Zwischensequenzen und Dialoge etwas dynamischer und intensiver sein dürfen. Zu dem scheint bei der deutschen Synchronisation etwas schief gelaufen zu sein: nur selten ist bei den Texten der anderen Charaktere ein flüssiges Sprechen erkennbar. Alles wirkt irgendwie abgehakt, so als ob alle zwei Sätze die Aufnahme gestoppt worden wäre oder die eigentlich sehr guten Sprecher jeden Satz ohne Zusammenhang und Blick auf den gesamten Dialog eingesprochen haben. Leider ist dadurch nicht nur die Sprachausgabe irgendwie hakelig, sondern auch die Betonungen sind oft vollkommen falsch gesetzt und reißen den Zuhörer geradezu brutal aus der Immersion. Schade! Und das obwohl das gesamte ansonsten so rund und hochwertig wirkt.

 

Assassins Watch Cry of Mordor

Zugegeben, diese Überschrift wirkt definitiv absichtlich provokant und ist dabei aber keinesfalls negativ gemeint. Im Grunde übernimmt Horizon: Zero Dawn mit Bravour viele Elemente anderer bereits etablierter und erfolgreicher Open-World Spiele. Jedoch mit dem Unterschied, dass man Aloys Abenteuer durchaus als Action-Rollenspiel bezeichnen kann.

Für das Erledigen von Quests und Gegnern erhalten wir Erfahrungspunkte und erhalten so bei jedem Stufenaufstieg einen Fertigkeitspunkt, mit dem wir Aloys Fähigkeitenrepertoire weiter ausbauen können.

Dieser Langhals im Hintergrund dient als Turm zur Aufdeckung der Weltkarte.

Dabei können wir uns zwischen drei Talentbäumen entscheiden und müssen uns dabei nicht auf einen Baum spezialisieren, sondern können auch unterschiedliche Fähigkeiten aus allen drei Bereichen erlernen. Die erste Fähigkeit pro Baum innerhalb einer Reihe kostet 1 Fertigkeitspunkt, darüberliegende und entsprechend mächtigere Skills kosten dann schon zwei und mehr Fertigkeitspunkte.

Auf diese Weise verursacht Aloy mehr Schaden mit Nahkampfangriffen, kann mehr Heilkräuter tragen oder jederzeit Reittiere herbeirufen. In den Kämpfen treten wir entweder gegen menschliche Gegner in Form von feindlichen Stämmen oder gegen die mechanische Tierwelt an. Vor allem im späteren Spielverlauf bekommen wir es auch mit Maschinen und Menschen gleichermaßen zu tun.

Die riesige Weltkarte öffnet sich so richtig erst nach dem Prolog und füllt sich dabei ganz schnell mit allerlei Symbolen. Questziele werden angezeigt genauso wie Auftraggeber für Nebenquests. Reviere der Roboterwesen werden auf der Karte genauso markiert wie die Banditenlager, die wir ausräuchern können. Am Wegesrand finden wir immer wieder Lagerfeuer, welche als Schnellreisepunkt fungieren und die Möglichkeit bieten, den Spielstand zu sichern. Immer wieder finden wir auch die sogenannten Jagdgebiete, in denen bestimmte Jagdherausforderungen auf uns warten. Meistens muss zur Erreichung der höchsten Wertung in diese Herausforderungen oder auch Prüfungen unter Zeitdruck auf ganz bestimmte Art und Weise eine bestimmte Sorte von Robo-Tieren erledigt oder beschädigt werden. Beispielsweise müssen innerhalb des Zeitlimits 15x Hüllenstücke von Tierrobotern abgeschlagen oder geschossen werden.

Mit jedem neuen Ausrüstungsgestand findet wir im Questbuch auch das zugehörige Tutorial, was ebenfalls zusätzliche Erfahrungspunkte bei erfolgreichem Abschluss bringt. Oder auch nicht. Warum? Ich habe leider etwas länger gebraucht, um die Mechanik dahinter zu verstehen. Denn obwohl ich die entsprechende Waffe drei Mal erfolgreich benutzt habe, wurde die Quests nicht als erledigt markiert. Später fand ich heraus, dass man auch de Tutorialquests erst im Notizbuch, also dem Questbuch, aktivieren muss, ehe die zugehörigen Handlungen auch auf den jeweiligen Counter angerechnet werden. Das ist leider tatsächlich etwas blöd umgesetzt.

Menschen sind oftmals die gefährlicheren Bestien in der Welt von Horizon.

Trotzdem habe ich danach jedes Tutorial mit Begeisterung abgeschlossen. Gewusst wie! Heißt also, dass es auch abseits der Hauptquest genug zu tun gibt. Die Nebenaufträge sind meist auch sehr interessant geschrieben, wenn sie auch nicht ganz an die oft wendungsreichen Nebenaufgaben in Witcher 3 heranreichen.

Damit man aber den ultimativen Überblick auf der Weltkarte überhaupt bekommen kann und damit auch das Maximum aus der Schnellreisefunktion herausholen kann, muss man entsprechende Türme erklimmen, die dann bisher verdeckte Teile der Weltkarte in einem bestimmen Radius aufdecken. Ja, an dieser Stelle höre ich dich schon stöhnen! Ich, Türme. So wie in der Assassins Creed Reihe? Oder so wie in Schatten von Mordor? Oder so wie in Far Cry? Lass es mich so sage: die grundsätzliche Mechanik der Türme bzw. der Vorteil für die Spieler ist der gleiche, ja. Und trotzdem sind es die coolsten „Ubisoft-Türme“ die es bisher gibt. Denn es sind nicht einfach nur Türme, sondern eine Art Langhals-Riesen-Roboter-Dino, der sich in der Landschaft bewegt. Und um an diesem Dino nach oben zu gelangen muss man erstmal seine Laufroute herausfinden (unproblematisch dank Fokus, dazu später mehr) und dann die Umgebung genau prüfen. Denn nur wer zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle steht, z. B. einem erhöhten Felsvorsprung oder einer alten Ruine, kann auf das Tier springen und daran hochklettern. Ganz oben angekommen schaltet ihr den Langhals dann frei.

Raider-Witcher

OK, langsam gehen mir die Ideen für Überschriften aus, aber trotzdem ist auch diese Überschrift wieder passend. Denn einerseits werden die meisten Kämpfe im Spiel durch den Einsatz der verschiedenen Bögen und zugehöriger Pfeile entschieden. Dabei spielt die Wahl der richtigen Pfeilart sowie das Anvisieren der richtigen Trefferzone eine wichtige Rolle. Menschliche Gegner reagieren besonders empfindlich auf Kopfschüsse, mit normalen oder den Scharfschützenpfeilen sowie im späteren Spielverlauf sind auch die gehärteten Pfeile besonders effektiv. Daneben gibt es noch eine Vielzahl anderer Pfeile, wie z. B. Schockpfeile, die Elektroschaden verursachen und Maschine, die die entsprechende Schwäche aufweisen, auch gerne mal von den Beinen holt. Andere Pfeile zerstören einen Großteil der Maschinenpanzerung und können so bisher geschützt Schwachstellen freilegen.

Neben den Pfeilen gibt es auch noch diverse Fallen, eine Schleuder und die Möglichkeit für leichte und schwere Nahkampfangriffe mit dem Stab.

Und wer einerseits sagt muss auch andererseits sagen: der Fokus! Was Geralt von Riva sein Hexersinn, ist Aloy aus Horizon: Zero Dawn ihr Fokus. Quasi die Science-Fiction Version von Microsoft Hololens oder Google Glas. Aktiviert man den Fokus, werden noch weitere Augmented Reality Inhalte in der spielweit auf Kosten der Bewegungsgeschwindigkeit, eingeblendet. Hiermit können wir Gegner, Objekte und andere interessante Stellen scannen und auch Audiologs und Texte in das Notizbuch übertragen. Die wichtigste Funktion des Fokus ist aber das Scannen von Gegnern. Hier werden Stärken und Schwächen angezeigt, Gegner können markiert werden und die Router von Gegnern können eingeblendet werden. Schließt man den Fokus, werden diese Markierungen weiterhin angezeigt und diese nun verfügbaren Informationen können helfen, Gegner in eine Falle zu locken. Immer wieder nimmt Aloy mit Hilfe des Fokus auch Spuren auf, welche sie dann durch das Gelände verfolgen kann. Mal sind es Blutspuren, mal Spuren eines Wagens oder Geruchspartikel in der Luft.

Im hohen Gras sieht dich niemand meucheln!

Aloy kann sich in hohen Gräsern vor Menschen und Maschinen verstecken, mit dem Fokus die Lage sondieren und dann Gegner auch lautlos erledigen. Mit Pfeifen und dem werfen von Steinen kann man Feinde jeder Couleur ablenken oder anlocken und dann entweder direkt lautlos im sicheren Versteck ausschalten oder zumindest verdammt viel Schaden verursachen. Schade nur, dass aufgeschreckten, technoiden Viechern, zumindest zu Spielbeginn, kaum auszuweichen ist. Obwohl Aloy unendlich viel Ausdauer hat und sich im Grunde dauerhaft abrollen kann, erwischen die Maschinen sie oft trotzdem mit ihren Nahkampfangriffen. Das kann zu Beginn etwas nerven, wird aber im Zuge zusätzlicher Fähigkeiten, Outfits, die besseren Schutz bieten und effektiverer Waffen deutlich besser, nachvollziehbarer und auch seltener.

Das Anvisieren von Schwachstellen ist entscheidend, um die Maschinenwesen zu bezwingen.

Egal ob Säbelzahntiger-Roboter, hier Sägezahn genannt oder die Feinde vom Schatten-Carja-Stamm: jeder hinterlässt nach seinem Ableben interessante Gegenstände. So füllt sich Aloy ihre Taschen mit Scherben, der Währung in Horizon: Zero Dawn, mit der bei Händlern neue Waffen, Rohstoffe und Outfits erstanden werden können und mit Rohstoffen für das Crafting-System. Während überall in der Natur diverse Sträucher, Blumen und Kräuter wachsen, die Aloy aufsammeln kann, liefern erledigte Maschine und Menschen Materialien für die Herstellung von Munition und die Aufrüstung der zahlreichen Taschen, um die Tragekapazität zu erhöhen. So kann Aloy, die entsprechende Aufrüstung voraussetzt, bald mehr heilende Kräuter mit sich tragen als am Anfang und auch ihre Köcher bieten Platz für deutlich mehr Pfeile. Selbst in Kämpfen können durch das Drücken von zwei Controllertasten neue Pfeile und weitere Munition hergestellt werden, sofern in den Taschen die notwendigen Rohstoffe zu finden sind.

Die Natur wird aber nicht nur von Maschinenwesen, sondern auch von echten Tieren bevölkert, wie z. B. Fischen, Wildschweinen, Truthähne oder Hasen. Diese sind zwar ungefährlich, liefern aber äußerst wichtige Materialien für die Aufrüstung der Taschen. Diese Tiere sind im Unterholz nur schwer zu erkennen aber dank Fokus werden sie hervorgehoben, können markiert und dann gejagt werden.

Fazit

Horizon: Zero Dawn macht einfach alles, bis auf die deutsche Synchronisation, richtig. Technik, Story, Charaktere und ein überragendes Gameplay machen einfach Spaß. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, wann ein Erstling eines möglichen Franchises schon so qualitativ rund war, dass ich beim Spielen nicht immer wieder gedacht habe „OK, cool, aber im nächsten Teil dann bitte so und so“. Die Welt ist frisch, das ganze Szenario einfach nur saucool und das Design der Maschinen ist spitze. OK, die KI der Robosaurier und Co. lässt sie tatsächlich wie Tiere wirken und die menschlichen Gegner suchen Deckung, greifen gerne aggressiv an aber lassen sich im Schleichmodus aus der Ferne auch gerne wegpflücken wie Moorhühner, auch wenn sie auf das Ableben ihrer Kameraden durchaus glaubhaft reagieren und gerne auch mal Alarm schlagen. Und obwohl die Weltkarte so prall gefüllt ist, schafft es Horizon: Zero Dawn den Spieler damit nicht überfrachten und macht eine ganz wichtige Sache anders, als andere Open World Titel: kein der Nebenaufgaben wird zu einer Pflichtaufgabe, indem man den erstmal die nächste Hauptquest „freispielen“ muss. Wer sich komplett nur auf die Story konzentriert kann dies tun, bekommt es nur eventuell mit etwas größeren Herausforderungen zu tun, weil dann natürlich auch weniger Erfahrungspunkte und Stufenaufstiege bzw. damit verbundener Vorteile zur Verfügung stehen. Horizon: Zero Dawn und das Abenteuer von Aloy werden dem Hype gerecht und das ohne dabei die genretypischen Altlasten aufzuwärmen. Bitte mehr davon!

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