The Surge im Test

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Deck 13 lieferte mit Lords of the Fallen bereits einen soliden Beitrag im Action-Rollenspiel Untergenre „souls-like“ ab und packt mit The Surge genau die richtigen Kanten an. Auf der Suche nach einem spannenden und fordernden Action-Rollenspiel? The Surge aus Deutschland kombiniert bekannte Gameplayelemente mit motivierenden Ergänzungen und braucht sich vor dem Genreprimus Dark Souls nicht zu verstecken!

Alle Jahre wieder tauchen Spiele die auf, die altbekannten Genres neues Leben einhauchen und damit als Referenz dienen, mit denen sich ähnliche Spiel fortan messen lassen müssen. Das kann positiv sein, wenn diese Spiele an die Qualität der Referenz heranreichen oder sie sogar übertreffen. Es kann aber negativ ausgehen, wenn sie der Referenz einfach meilenweit unterlegen sind. Bei The Surge vom deutschen Entwickler Deck 13 braucht man sich jedenfalls keine Sorgen zu machen. Das Genre der bockschweren Rollenspiele wurde 2011 quasi im Alleingang mit dem ersten Dark Souls begründet. Der geistige Nachfolger vom exklusiven PS3-Titel Demon Souls schaffte es auch auf breiter Fläche schnell eine Fangemeinde aufzubauen.
Dark Souls 3 wurde vor kurzem mit erscheinen des letzten DLCs „The Ringed City“ beendet und die Souls Reihe gilt laut Statement des Entwicklers als abgeschlossen. Was nun? Deck 13 hätte den Release seines Nachfolgers zum Fantasy-Actionrollenspiel Lords of the Fallen nicht besser planen können. Souls-Like Fans, inklusive mir, sind auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Exakt zu diesem Zeitpunkt erscheint mit The Surge der geistige, in einem Science-Fiction Setting angesiedelte, Nachfolger zu Lords of the Fallen und bringt einige spannende Neuerungen mit sich.

Sind sie zu stark, bist Du zu schwach!

OK, ich bin definitiv zu schwach für die bekannten Lutschpastillen. Und eigentlich bin ich auch zu schwach, respektive zu schlecht, für souls-like Spiele. Zumindest bis vor 1,5 Jahren, als ich aus einer Laune heraus und motiviert durch eine Lets Play Reihe auf Youtube, kurzfristig Dark Souls 1 auf dem PC startete. Ich wollte einfach für mich selbst herausfinden, was so viele Menschen an dieser Art Spiele begeistert und wollte nicht länger einsehen, dass ich, trotz mittlerweile über 25 Jahre Gaming-Erfahrung, an dieser Art Spiele scheitern soll.
Über 120 h Stunden später, Stunden voller Frust, Wut aber auch Freude und Motivation war das Spiel beendet. Direkt danach habe ich mich an Dark Souls 3 gewagt und danach habe ich Lords of the Fallen nachgeholt und hatte auch damit ein Menge Spaß.
Dabei habe ich schnell erkannt, dass From Software nicht die einzigen sind, die beinharte, fordernde Spiele mit steiler Lernkurve entwickeln können, die auch abseits von Storyelementen, alleine durch das geniale, actionreiche aber fordernde Gameplay, motivieren können. Ich muss an dieser Stelle einfach eine Lanze für dieses Untergenre brechen! Wenn man sich wirklich darauf einlässt und erkennt, dass wirklich jeder Gegner mit Sorgfalt und mit Blick auf die Ausdauerleiste bekämpft werden will und man die Umgebung im Auge behält, gibt es immer eine Möglichkeit im Spiel voran zu kommen.
OK, ja, irgendwie habe ich beim Schreiben des Tests das Gefühl Dir als Leser erstmal zu beweisen, dass ich der richtige Tester für The Surge bin.  Und trotzdem ist The Surge mehr als bloß ein weiterer souls-like Titel, sondern ein rundumgelungenes, angenehm schweres Action-Rollenspiel, mit wenigen Ecken und Kanten.

Git Gud!

Nein, kein Tippfehler! Git gud ist die absichtlich fehlerhafte Schreibweise von „get good“ und wird im Internet oftmals im Zusammenhang mit souls-like Titeln erwähnt. Vor allem, wenn Spieler in Foren und in sozialen Netzwerken nach Tipps fragen und um Hilfe zu diesen Spielen bitten. Das ständige besser werden und die steile Lernkurve ist auch in The Surge fester Bestandteil der Spielerfahrung. Doch um was geht es überhaupt in der Spielwelt?
Irgendwann in der Zukunft kümmert sich die Firma CREO um beinahe alle Belange des Lebens und möchte mit Projekt Resolve die Erde heilen und vor der Zerstörung durch den Menschen bewahren. Hierzu werden Raketen in die Atmosphäre geschossen. Soweit die Story laut Introvideo. Der Spieler übernimmt die Rollen von Warren, der einen Job bei CREO annimmt. Nach einer kurzen Zugfahrt können wir uns im Bahnhof von CREO zwischen zwei verschiedenen Exo-Rigs entscheiden. Als Servicetechniker bekommen mir das LYNX-Rig, dass im Gegensatz zum RHINO-Rig für Maschinisten leichter und schneller ist. Dafür bietet das RHINO höheren Schutz.
Haben wir uns für einen der beiden Anzüge, die als Exoskelett die Kraft eines Menschen vervielfachen, entschieden, macht die folgende Rednersequenz schnell klar, dass hier irgendetwas schiefgelaufen ist. Was genau passiert ist und warum die Maschinen denen wir im Spiel begegnen uns feindliche gesinnt sind, erfahren wir im Spielverlauf und aus Spoilergründen möchte ich zu der Geschichte gar nicht mehr verraten.
Warum sind wir so übel zugerichtet?

Nach dieser Sequenz finden wir unseren Spielcharakter, körperlich sehr mitgenommen, bewusstlos am Boden außerhalb der Einrichtung, auf eine Art Schrottplatz, wieder. Eine Roboter-Drohne will uns zerlegen und schon geht es mit dem Tutorial los.

Schnipp, schnapp, Beinchen ab!

Das Kampfsystem in The Surge ermöglicht das Blocken sowie wahlweise vertikale oder horizontale Schläge. Jede dieser Aktion, ebenso das Sprinten und ausweichen, leeren die Ausdauerleiste. Ist die diese leer, ist unser Servicetechniker bzw. Maschinist wehrlos. Ausdauermanagement ist also ein absolut wichtiges, taktisches Spielelement. Nur wer genug Ausdauer zum Ausweichen aufspart, die Ausdauer dann regeneriert und erneut angreift, hat eine Chance gegen die kybernetische feindliche Übermacht.
Auf in den Kampf!
Jeder Standardgegner kann die Lebensenergie schneller leeren als ein Bodybuilder den Protein-Shake nach dem Training, wenn man nicht aufpasst, übermütig wird oder einfach wild drauf losschlägt.
Das Besondere am Kampfsystem ist, dass es sich deutlich schneller und flüssiger anfühlt als noch bei Lords of the Fallen. Und das macht trotz gefühlter Abwesenheit von iFrames (Bewegungsabläufe in denen der eigene Spielcharakter nicht getroffen werden kann) verdammt viel Spaß.
Hat ein Körperteil eines Feindes genug Schaden eingesteckt und sich die mit jedem erfolgreich gelandeten Treffer auffüllende Energieleiste gefüllt, können wir durch kurzes gedrückt halten der entsprechenden Taste einen brachialen Finishing-Move ausführen. Dabei wird dem Gegner das entsprechende Körperteile, genauer Kopf, Beine, Arme abgetrennt. Haben wir viele Körpertreffer gelandet, wird unser Feind kurzer Hand in der Körpermitte halbiert. Dabei spart das Spiel nicht an entsprechenden Bluteffekten.
Da wir die meiste Zeit über gegen andere Personen in Exo-Rigs kämpfen, es also mit Menschen bzw. menschenähnlichen Gegnern zu tun bekommen, kann man dem roten Lebenssaft nicht entgehen.

Wir können beim Kampf entsprechende Körperteile gezielt anwählen. Wer einen Gegner schnell erledigen will, sollte sich die bläulichen und somit ungepanzerten Körperstellen als Ziel aussuchen. Wer jedoch Interesse hat, z. B. die Waffe des Gegners zu bekommen, die er in seiner linken Hand hält, sollte den linken Arm anvisieren. Schaffen wir es dieses Körperteil abzutrennen, besteht eine Chance die Waffe erfolgreich zu bergen. Aber selbst, wenn das nicht klappt, erhalten wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Schemata, sprich Bauplan, für diese Waffe oder das entsprechende Rüstungsteil. Vielleicht zerstören wir die Waffe oder das Rüstungsteil aber auch beim Abtrennen, erhalten dadurch aber die zerstörte Version und wichtige Materialien für das Crafting-System.

Robo-Baukasten

In der Med-Bay, der Safezone im Spiel können wir durch die Zerstörung von Gegner erhaltenes Altmetall (Erfahrungspunkte) und andere Materialien einsetzen, um neue Ausrüstung herzustellen, die vorhandene zu verbessern oder die Kernenergie unseres Rigs zu erhöhen.
Neue und verbesserte Ausrüstung bietet mehr Schutz oder verursacht mehr Schaden. Jedes Rüstungsteil und jede Waffe die wir an unserem Exo-Rig befestigen verbraucht Energie. Durch Einsatz von Altmetall können wir die verfügbare Gesamtenergie des Rig erhöhen und somit mehr und höherwertige Ausrüstungsteile montieren. Die Energie entspricht im Grunde dem Level des Charakters. Mit jeder Erhöhung der Energie steigt die notwendige Menge Altmetall für weitere Erhöhungen.
Diese Übersichtseite weist alle wichtigen Charakterwerte aus.
Neben Waffen und linker Arm, rechter Arm, rechts Bein, linkes Bein und Kopfbedeckung kann das Exo-Rig mit sogenannten Implantaten erweitert werden. Diese findet man entweder in der Spielwelt oder bekommt sie von erledigten Gegnern und man kann sie auch selber herstellen, dass entsprechende Schemata vorausgesetzt. Damit kann die Lebensenergie erhöht werden, die Heilungsinjektionen verbessert oder deren Anzahl erhöht werden. Im Spielverlauf erhält man Zugriff auf immer mehr und immer mächtigere Implantate, die aber ebenfalls Energie verbrauchen. Immer wieder steht man vor der Frage, ob man dieses oder jenes Implantat einsetzen will. Mit steigendem Energielevel können wir immer mehr Implantate montieren, dennoch ist die maximale Anzahl der parallel installierbaren Implantate begrenzt.
Die richtige Kombination aus Rüstung, Waffe und Implantaten spielt spätestens bei den insgesamt fünf Bosskämpfen eine wichtige Rolle. Will ich beispielsweise die Möglichkeit haben, die aufgeladene Energie für Finisher zur Heilung einzusetzen oder möchte ich lieber meine Lebensenergie erhöhen? Im zweiten Spielabschnitt bekommen wir dazu noch eine kleine fliegende Drohne. Diese kann Gegner angreifen und Schaden verursachen oder einfach nur helfen, entfernte Feinde zu uns zu locken.
Implantate bringen große Vorteile auf Kosten der Energie mit sich.

 

Es gibt noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten: unsere Waffenfertigkeiten verbessern sich im Laufe der Zeit durch entsprechend häufigen Einsatz. Wer viel mit Einhandwaffen kämpft, steigert kontinuierlich diese Fähigkeit und verursacht somit immer mehr Schaden und setzt diese Waffen effektiver ein. Das Gleiche gilt für Zweihand- und Stabwaffen. Weiter unterschiedet The Surge noch zwischen einseitig montierten und beidseitig montierten Waffen.

Wer vollständige Ausrüstungssets nutzt, behält einen Setbonus und verursacht so z. B. noch mehr Schaden oder erhält einen erheblichen Bonus auf den Verteidigungswert.

Lass mich Dir eine Geschichte erzählen

Keine Sorge, ich werde hier wie versprochen nicht spoilern! Die Art wie The Surge seine Geschichte erzählt ist jedoch abseits des Einstiegs und einiger NPC-Gespräche auch etwas Besonderes. Es lohnt sich in jede Ecke der Spielwelt zu schauen, da dort immer wieder Audio-Logs und Mails zu finden sind, die erklären, was zu dieser Situation innerhalb der CREO Anlage geführt hat. Offensichtlicher sind die Videowände, denen man immer wieder begegnet, die ebenfalls mehr über die Geschichte verraten. Das Erzählen der durchaus spannenden Geschichte ist dabei deutlich zugänglicher als das Lesen irgendwelcher Texte, da alles vertont ist. Wer die Umgebung erkundet wird mit mehr Storyschnipseln und Gegenständen und Altmetallhaufen belohnt. Technisch ist das überzeugt das Spiel mit tollen Lichteffekten, flüssiger Darstellung und coolem Gegnerdesign. Das Leveldesign ist trotz grundsätzlicher Fabrikhallenatmosphäre angenehm abwechslungsreich. Und wo Dark Souls 2 mit Dunkelheit und Fackeln seinerzeit aus meiner Sicht gescheitert ist, erzeugen die Abschnitte in Dunkelheit hier schon eine leichte Gruselatmospähre. Dank Brustpanzer können wir Licht ins Dunkle durch Einschalten der Beleuchtung bringen. Genretypisch schalten wir durch das Öffnen von Türen immer wieder Abkürzungen zu den Safezones frei, so dass wir die nach einem Bildschirmtod sowie nach jedem Besuch der Med Bay neu erscheinende Gegner nicht jedes Mal erneut besiegen müssen.
Nicht sehr einladend dieser Schrottplatz.

Wir können dies aber tun und so mehr Altmetall und Spezialkomponenten für Upgrades der Ausrüstung farmen. Aber keine Sorge: Grinding ist definitiv kein Muss in The Surge. Wir treffen unterwegs mehr als genug Gegner, um auch ohne ausladende Grinding-Sessions unser Exo-Rig weiter zu verbessern. Wenn man auf ein bestimmtes Upgrade abzielt, z. B. für den Körperpanzer, sollte man eben diese bei Gegnern anvisieren und versuchen abzutrennen, um an die benötigten Materialien zu kommen.

Fazit

OK, ich muss zugeben, irgendwie fühlt es sich nicht richtig an, dem deutschen Entwicklerteam Deck 13 nach Lords of the Fallen auch beim neuen Spiel The Surgedirekt wieder mit dem Dark Souls bzw. souls-like Vergleich zu kommen. Es erklärt aber am einfachsten, was man sich grundsätzlich unter der Spielmechanik des Titels vorstellen kann, auch im Bezug auf die Zielgruppe. Hier kommt man mit wildem Buttonmashing und auf Gegner zu stürmen nicht weiter.  Und doch ist The Surge weitaus mehr als nur ein weiterer Eintrag im Genre. Das Charaktersystem mit der Entwicklung des Exo-Rig, das Crafting-System, das Science-Fiction Setting und das deutlich schnellere Kampfsystem sind schon Alleinstellungsmerkmal genug. Das brutale aber spielerisch Interessante und wichtige Abtrennen von Körperteilen ist ungemein befriedigend. Durch die wechselnden Gegnertypen findet hier auch keine Übersättigung statt und man hat in diesen Sequenzen eine kurze Verschnaufmöglichkeit. The Surge macht im Grunde alles richtig. Nur ein paar Bosskämpfe mehr hätten nicht geschadet und die Country-Musik in der Safezone kann auf Dauer etwas nervig werden. Grafisch gibt es ab und an mal die eine oder andere unscharfe Textur. Das war es aber auch schon mit der Kritik. Erfahrene Spieler schaffen den ersten Durchgang in ca. 20 Stunden. Alle anderen dürfen hier gerne 5-10 Stunden draufschlagen. Danach warten unzählige weitere Stunden im New Game Plus Modus.

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